Digitale Bildung

Der Einsatz digitaler Medien garantiert keinen Lernerfolg

Von Friedrich Hesse
11.05.2022
, 20:02
Kombiniertes Lernen: Print und digital
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Nur durch intelligente Arbeit mit digitalen Medien profitieren Schüler und Studenten. Rückmeldefunktionen könnten dabei helfen. Ein Gastbeitrag.
ANZEIGE

„Künstliche Intelligenz in der Bildung“ oder „digitale Bildung“ sind zunächst Schlagworte. Sie drücken aus, dass die dort entwickelten Verfahren und Möglichkeiten für Bildungszwecke genutzt werden. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung inspirieren zahlreiche Ideen für den Einsatz in der Bildung. Auch wenn sie ein großes Potential enthalten, kann ihre Anwendung in manchen Fällen unangemessen oder falsch sein.

„Bildung“ ist ein sehr weitreichender Begriff und ist mehr als „Lehren und Lernen“ und nicht gleichzusetzen mit „Studieren an einer Hochschule“. „Bildung“ bezieht sich auf die Persönlichkeitsbildung und damit auch auf die Handlungskompetenzen in einer sich veränderten Welt einschließlich der dazu nötigen moralischen und ethischen Bewertungskompetenzen des eigenen Handelns. „Studieren“ umfasst nicht nur das Lernen für den Hochschulunterricht, sondern auch den studentischen Alltag. Bei „Lehren und Lernen“ steht die Aneignung von Wissen und von Studieninhalten im Vordergrund sowie die Fähigkeit, es in einem späteren beruflichen Kontext und Leben zu nutzen, aber auch das Lernen zu lernen. Der Bereich „Lehren und Lernen“ insbesondere mit Blick auf die Hochschulen soll im Folgenden genauer betrachtet werden.

F.A.Z. Newsletter Beruf & Chance

Montags um 8.00 Uhr

ANMELDEN

Welche technischen Möglichkeiten genutzt werden, sollte abhängig sein von den angestrebten pädagogischen Zielen. Dabei können im interaktiven Zusammenspiel mit den technischen Möglichkeiten auch pädagogisch relevante Ziele neu entstehen. Liegt der Schwerpunkt jedoch ausschließlich auf technischen Möglichkeiten, kann dies Probleme erzeugen. Um die richtige Balance zu finden, sollte immer eine Zielorientierung, die dem besseren Lernen dient, die Leitplanken setzen.

ANZEIGE

Dazu müssen in einem ersten Schritt Eigenschaften der Lerner und weitere Aspekte der Lernsituation ausgewählt und bewertet werden, die maßgeblich zum Lernerfolg beitragen und gleichzeitig über die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung besser als ohne sie erreicht werden können. Auf diese Weise werden die technischen Möglichkeiten dem Ziel, Lernen erfolgreicher zu gestalten, untergeordnet. Solche Eigenschaften sind etwa: die Fähigkeit zur Selbstregulation, Konzentration oder die Selbstwirksamkeitserwartung und in Bezug auf die Lernsituation das Angebot von guten Rückmeldungen oder passenden Lernmaterialien.

ANZEIGE

Lerner besser kennenlernen

Eine Unterstützung der Selbstregulation könnte Studenten helfen, ihre Aufgaben rechtzeitig anzugehen, statt sie so lange aufzuschieben, bis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles auf einmal zu erledigen ist. Genauso könnte eine zu hohe oder geringe Selbstwirksamkeitserwartung zu einer Unter- oder Überschätzung der eigenen Fähigkeiten führen. Eine Person mit zu geringer Selbstwirksamkeitserwartung würde eine angemessene Aufgabe oder Lernanforderung meiden, weil sie glaubt, es sowieso nicht zu schaffen, oder, im umgekehrten Fall, aufgrund von Selbstüberschätzung sich den Stoff nicht mehr anschauen. Das Ziel in diesem Fall ist es, Lerner mithilfe von digitalen Rückmeldungen zu unterstützen, sich realistischer selbst einzuschätzen.

Um Auswahl und Zusammenspiel der für einen individuellen Lerner relevanten Einflussfaktoren zu veranschaulichen, lässt sich gut das Bild eines „Privatlehrers“ nutzen. In privilegierten Gesellschaftsschichten, insbesondere in früheren Zeiten, gab es die Institution solcher Privatlehrer. War ein Privatlehrer ein guter Lehrer, war er nicht nur der Vermittler von Wissen, sondern auch darauf bedacht, dass seine Schüler dieses Wissen aufnehmen, verdauen und selbständig weiterverarbeiten konnten. Im Bereich des Lehrens und Lernens hatte der Privatlehrer eine gute Einschätzung der Fähigkeiten, Einstellungen oder Tagesformen seiner Schüler. Der Privatlehrer steht stellvertretend für eine umfassende Gesamtsicht auf Schüler und deren Lernprozess. Er bezieht adaptiv die wichtigen Einflussfaktoren ein und hat die Fähigkeit, lernrelevante Informationen über jeden Einzelnen zu erfassen und adaptive zu nutzen.

ANZEIGE

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung bieten im Sinne der Privatlehrerperspektive Möglichkeiten, Lerner besser kennenzulernen und mehr über lernrelevante Eigenschaften zu erfahren. Liegen Daten hierzu vor, können sie in sehr unterschiedlicher Weise genutzt werden. Ein erstes Szenario richtet sich an Studenten. Hier wird auf dieser Basis eine digitale adaptive Lernumgebung entwickelt, die beliebig stark automatisiert handelt oder auch manuell anpassbar ist und obligatorisch oder freiwillig im Studium genutzt werden kann. Das zweite Szenario richtet sich an die Dozenten. Dafür werden Informationen basierend auf den generierten Daten in einem dafür geeigneten Informationsportal angeboten, um damit den Hochschullehrern einen differenzierteren und personalisierten Umgang mit Studenten ähnlich wie ein Privatlehrer zu ermöglichen.

Hohe Anforderungen an praxisrelevante Forschung

In beiden Fällen müssen die Lernumgebungen sowie die Rollen von Dozenten und Studenten neu organisiert werden. Die aus Künstlicher Intelligenz und Verfahren der Computerlinguistik abgeleiteten Potentiale liegen darin, dass personalisierte, direkte Rückmeldungen und objektivere Bewertung möglich werden. Dies kann in der Folge auch zu mehr Chancengleichheit beitragen. Technisch unterstützt kann zum Beispiel ein Lernstoff adaptiv angepasst werden, Aufgaben können personalisiert entwickelt und Antworten automatisch bewertet werden. Ebenso können Lerner unterstützt werden, ihr eigenes Lernverhalten bei Bedarf besser zu beobachten und zu kontrollieren. Angebotene Lernstrategien lassen sich so selbst gewählt besser integrieren.

F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

Samstags um 9.00 Uhr

ANMELDEN

Künstliche Intelligenz und digitale Bildung auf der Ebene von Schlagworten zu fordern oder zu verurteilen ist nicht sinnvoll und wäre vordergründig. Technologien mit hervorragenden neuen Potentialen zielgerichtet nutzbar zu machen sollte das Gebot der Stunde sein. Dafür ist eine interdisziplinär aufgestellte und praxisorientierte Forschung notwendig, die sich neben dem Blick auf die Potentiale auch mit den Risiken auseinandersetzt.

ANZEIGE

Die Anforderungen für eine solche wissenschaftsbasierte und praxisrelevante, interdisziplinäre Forschung, die hier gefordert ist, sind ausgesprochen hoch. Ein Wissenschaftssystem, das stark disziplinär ausgerichtet ist, muss sich dazu neu aufstellen. So sollte etwa die Fachsprache der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, sollten die verwendeten Begriffe und Paradigmen gegenseitig verständlich sein. Lehr- und Lernforschung ist traditionell ein Feld der sogenannten Bildungswissenschaften. Für die technischen Voraussetzungen der Nutzung von Künstlicher Intelligenz und der Möglichkeiten der Digitalisierung liegen die Expertisen aber eher in der Informatik und der Computerlinguistik. Diese bearbeiten ihrerseits aber nur in sehr geringem Umfang Anwendungen im Kontext der Lehr- und Lernforschung.

Beide Ausrichtungen müssten viel stärker als bisher systematisch organisiert zusammenarbeiten. Interdisziplinäre Arbeit erfordert, sich in das jeweils andere Fachgebiet aktiv einzudenken. Interdisziplinäre Fachzeitschriften und Konferenzen könnten hier Anreize zu mehr interdisziplinärer Forschung schaffen. Für eine nachhaltige Etablierung bedarf es zudem einer grundsätzlichen Öffnung in den einzelnen Disziplinen, sodass auch interdisziplinäre Karrierewege planbar werden.

Der Autor ist wissenschaftlicher Direktor des Forschungsschwerpunkts Digitalisierung, Diversität und Lebenslanges Lernen an der Fernuniversität Hagen.

Quelle: F.A.Z
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Stellenmarkt
Jobs für Fach- und Führungskräfte finden
Zertifikate
Alle exklusiven Zertifikate im Überblick
Englischkurs
Lernen Sie Englisch
ANZEIGE