Brennpunkt-Schule auf Distanz

Wer nicht eingeloggt ist, wird angerufen

Von Heike Schmoll, Berlin
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 09:52
Digitales Homeschooling gibt es in Deutschland nicht flächendeckend.
Die Corona-Zahlen in Berlin-Neukölln sind erschreckend hoch. Doch Distanzunterricht im Brennpunkt ist eine Herausforderung. Für die Lehrer, die das Wechselmodell wollten, steigt die Arbeitsbelastung. Eindrücke aus einer Schule, die es dennoch angepackt hat.

Im Berliner Bezirk Neukölln liegt die Ansteckungsrate immer höher als im Bundesdurchschnitt. Das hängt auch mit der Wohnsituation vieler türkischer und arabischer Familien zusammen, die zu acht in drei Zimmern wohnen, Quarantäne gar nicht einhalten können, weil es keinen Raum zum Isolieren gibt. Vier Fünftel der Familien leben von Sozialtransfers, häufig teilen sich die Schüler ein Zimmer mit mehreren Geschwistern.

Das Ernst-Abbe-Gymnasium hat schon vor den Herbstferien zu spüren bekommen, was es heißt, in einem Corona-Brennpunkt arbeiten zu müssen. Es waren so viele in Lehrer in Quarantäne, dass der Schulbetrieb nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, Schulleiter und im Vorstand des Interessenverbandes Berliner Schulleitungen (IBS), hätte gern viel früher eine Maskenpflicht für die gesamte Schule verhängt, doch die konnte nur von der Schulbehörde erlassen werden. Inzwischen müssen alle Schüler auch im Unterricht ihre Masken tragen, das gilt auch für den Pausenhof. Noch immer müssen Schulleiter in Neukölln eine Quarantäne verhängen, die später vom Gesundheitsamt spezifiziert wird.

Eines allerdings konnte Kötterheinrich-Wedekind gegen die üblichen Usancen in der Hauptstadt durchsetzen: Er hat ein Hybridmodell an seiner Schule eingeführt. Die Hälfte der Schüler lernt in der Schule, die andere Hälfte im Online-Bereich. Das heißt nicht, dass alle Schüler des Online-Lernens zu Hause sind. Das gilt vor allem für Schülerinnen, die von ihren Familien sofort zur Hausarbeit verpflichtet werden und keine Ruhe zum Arbeiten finden. „Gegen diese Bildungsfeindlichkeit gehen wir entschieden vor“, sagt der Schulleiter und weiß, dass er das Kollegium hinter sich hat.

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Für diese Schülerinnen hat die Schule in Computerräumen eine digitale Notbetreuung eingerichtet. Maximal 15 Schülerinnen können diese Möglichkeit in Anspruch nehmen. Es werden entweder digital Aufgaben zur Verfügung gestellt, oder ein Lehrer leitet die Schüler an, wenn es zu Hause gar nicht geht. „Wir haben da eine große soziale Verantwortung.“

Kleine Häppchen, feste Einheiten

Weil seine Schüler einen klar strukturierten Tagesablauf brauchen, hat die Schule Hilfen bereitgestellt, die auch klare Anweisungen enthalten, wann mit dem Lernen begonnen werden muss. Morgens lange im Bett zu bleiben und irgendwann mal anzufangen ist nicht möglich. Die Lehrer kontrollieren kurz nach 8 Uhr, wer sich eingeloggt hat. Wer nicht zu sehen ist, wird angerufen. Die Aufgaben des Tages sind klar benannt und müssen am selben Tag abgegeben werden. Bis „Freitag zehn Fächer erledigen“, das würde nie gelingen, „es werden kleine Häppchen und feste Einheiten gebraucht“, meint Kötterheinrich-Wedekind. „Wenn die Lehrer merken, dass sie Schüler nicht mehr erreichen, holen wir sie in die Schule.“ Sie lernen dann auch im Computerraum. Es dürfe nicht mehr passieren, dass Kinder verlorengehen – wie im Frühjahr.

Bei allen Aufgaben wird der wahrscheinliche Zeitaufwand angegeben. Außerdem bekommen die Schüler eine detaillierte Information darüber, in welchem Umfang die Bewertung der Aufgaben in die Gesamtbewertung des Hybridunterrichts eingeht. Die Abgabe findet im Regelfall am Tag der Aufgabenstellung statt, „um kleinere Lerneinheiten mit hoher Verbindlichkeit zu erzeugen“, heißt es im ausgefeilten Konzept des Abbe-Gymnasiums zum Pandemieunterricht. Aufgaben, die unentschuldigt nicht rechtzeitig abgegeben werden, bewerten die Lehrer mit „ungenügend“. Bei mehrwöchigen Projekten fordern sie Zwischenergebnisse, um zu vermeiden, dass umfangreiche Aufgabenstellungen auf den letzten Drücker oder gar nicht erledigt werden.

Die Lehrer, die das Wechselmodell wollten, merkten rasch, wie stark die Arbeitsbelastung anstieg. Und noch etwas kam erschwerend hinzu, was alle Homeoffice-Erfahrenen erlebt haben. Sie leiden unter der Entgrenzung von Schulischem und Privatem. „Wir sind gerade dabei, Ethikregeln zwischen Schülern und Lehrern auszuhandeln, damit Schüler nicht um 22.46 Uhr ihre Klassenlehrerin anrufen und nach dem Passwort für die Cloud fragen“, berichtet Kötterheinrich-Wedekind. Die Lehrer versuchten schon, so viele Rückmeldungen zu erledigten Aufgaben zu geben wie irgend möglich, aber zu jeder Aufgabe sei das nicht machbar. In solchen Fällen bekommen die Lehrer aber einen Lösungsbogen für die eigenständige Korrektur.

Die Serverkapazitäten sind knapp

Technisch hat die Schule ihre Anfangsschwierigkeiten während des ersten Lockdowns angesichts eines chronisch überlasteten Berliner Schulnetzes schon dadurch gelöst, dass sie eine eigene Plattform etablierte. Sie arbeitet jetzt mit der Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts, wo auch Rückmeldung gegeben werden kann. Auch Videounterricht sei möglich. „Ich selbst übertrage meinen Geschichtsleistungskurs live“, berichtet Kötterheinrich-Wedekind. Die eine Hälfte der Schüler sitzt vor ihm, die anderen bedienen den Big-Blue-Button und folgen dem Unterricht an den Bildschirmen.

„Dem sind aber Grenzen gesetzt. Wegen fehlender Serverkapazitäten und fehlender Breitbandanschlüsse sind fünf bis sechs parallele Lerngruppen das Maximum“, fügt der Schulleiter einschränkend hinzu. 46 Endgeräte konnte die Schule vergeben, 40 weitere zur Notversorgung sind angefordert. Insgesamt wurden in Berlin 9500 Laptops für bedürftige Schüler verteilt, allerdings reicht das nicht, Zehntausende sind bedürftig und können nicht schnell genug versorgt werden.

Das Konzept für den Pandemieunterricht ist am Abbe-Gymnasium äußerst detailliert. Hinzu kommt, dass die Neuköllner Inzidenzzahlen genau dem entsprechen, was als Hotspot mit dafür geeigneten Schulkonzepten gilt. Andere Schulen bekamen keine Zustimmung für das hybride Lernen, das Ernst-Abbe-Gymnasium war bisher das einzige in der Stadt. Zu den Bedingungen gehörte eine interne Evaluation. Die Befragung der ersten Gruppe ist beendet, nun wird die zweite Gruppe ausgewertet. „Ich hoffe, dass es weitergeht“, sagt Kötterheinrich-Wedekind.

Das Neuköllner Gesundheitsamt, das enorm aufgestockt wurde, um die Kontaktverfolgung wenigstens einigermaßen aufrechterhalten zu können, wurde in Teams aufgeteilt. Der Neuköllner Amtsarzt Nicolai Savaskan berichtet, dass die Mitarbeiter inzwischen auf drei Standorte verteilt sind, aber feste Zuständigkeiten etwa für Kitas, Schulen, für private Infektionszusammenhänge etc. zugewiesen bekamen. Für die Schulen ist das von enormem Vorteil. Sie finden leichter Zugang zum Gesundheitsamt und haben feste Ansprechpartner mit jeweils einem Vertreter, die auch in die Hintergründe der jeweiligen Schule eingearbeitet sind und die Lage vor Ort beurteilen können.

Zu viel Verdruss hat es unter den Berliner Schulleitern geführt, dass sie bei der Einstufung ihrer Schule in die Coronawarnstufen (grün, gelb, orange, rot, was für Wechselunterricht steht) nicht beteiligt waren. Inzwischen wird eine pandemiebedingte Befreiung der Schulleiter von der Unterrichtsbelastung erwogen, um an der Entscheidung über die Einstufung beteiligt zu werden. Kötterheinrich-Wedekind nimmt schon jetzt wahr, dass sich die Arbeitsweisen unter Lehrern ändern.

Grundschulleiter in Neukölln können sich solch ein Hybridmodell wie am Gymnasium für ihre Schüler überhaupt nicht vorstellen. Die Kinder sind einfach noch nicht selbständig genug oder beherrschen die grundlegenden Kulturtechniken noch nicht. Wenn es Kindern nicht gutgeht, müssen sie sofort aus der Schule abgeholt werden, die Geschwisterkinder werden gleich mitgeschickt. Auch die Grundschulen haben einen Plan für ein Wechselmodell in der Schublade. Auch in den Grundschulen würden Klassen geteilt und der volle Stundenplan unterrichtet. Das hieße, dass insgesamt nur die Hälfte des Stoffs unterrichtet werden könnte. Im Vergleich zu der Phase nach dem ersten Lockdown ist das schon eine große Verbesserung, denn damals hat nur der Klassenlehrer einige Stunden unterrichtet, der Fachunterricht fiel aus. Aber die Grundschulen hoffen, dass die Pläne in den Schubladen bleiben. Und die Kinder haben in einer Umfrage gesagt, das Wichtigste sei, dass die Schulen offen blieben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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