Zukunft der Schule

War der Wechselunterricht gar nicht so schlecht?

Von Benjamin Fischer
25.11.2021
, 11:02
Kleinere Lehrgruppen lassen sich oft kaum bilden.
Eine Gesprächsrunde befasst sich mit der Frage, wie man Schüler besser individuell fördern kann. Kleine Klassen sind populär und mancher glaubt: Aus Corona lässt sich etwas lernen.
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Lehrpläne entschlacken, Anzahl der Prüfungen reduzieren, gegen den Lehrermangel vorgehen – und so letztlich mehr Raum für individuelle Förderung ermöglichen. Auf diese Punkte, vorgebracht von der an der Universität des Saarlands lehrenden Didaktik-Professorin Julia Knopf, konnten sich alle ohne Probleme einigen.

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Aber auch darüber hinaus gab es in der Gesprächsrunde im Rahmen der „teech Inspiration Days“, einem drei Tage langen digitalen Bildungsevent, das noch bis diesen Freitag geht, wenig Meinungsverschiedenheiten. Die Wissenschaftlerin Knopf diskutierte am Mittwoch mit Eltern- wie Lehrervertretern und der hessischen Schülerin Lena Lange.

„Bulimie-Lernen ist eine Katastrophe“, sagte Joachim Maiß, Schulleiter und Vorsitzender des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung und knüpfte damit an den Beitrag von Julia Knopf an. Diese hatte zuvor von den anstehenden Abitur-Klausuren mit teils drei Prüfungen in einer Woche berichtet. Im berufsbildenden Bereich beobachte er, dass Schüler teils zwei Noten schlechter seien, wenn sie Wissen anwenden und nicht bloß reproduzieren sollten.

„Recherche- und Selbstlernkompetenz stärken“

„Wir müssen in die Lehrpläne rein“, unterstrich Maiß. Es sei viel zu wenig gestrichen worden, dabei sei dies notwendig, um Zeit für die Schülerinnen und Schüler zu haben: „Das wichtigste ist ja nicht eine Note an sich, sondern diese Note auch interpretieren zu können.“ Letztlich seien die Prüfungen „das Ergebnis des abzuprüfenden Wissens, das die Lehrpläne der Bundesländer und die Standards der Kultusministerkonferenz vorgeben“, verweist Knopf auf das Problem der Zuständigkeiten. Die Lehrpläne verkleinern sei aber ein notwendiger erster Schritt und in der Folge müssten „Recherche- und Selbstlernkompetenz“ gestärkt werden.

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Wie die Didaktik-Professorin und der Schulleiter verwies derweil auch der Vorsitzende des Landeselternrats von Mecklenburg-Vorpommern, Kay Czerwinski, auf ein anderes Kernproblem: „Ich würde mir wünschen, dass wir so viele Ressourcen im System haben, dass die Lehrer sich gezielter um die Schüler kümmern, auf individuelle Schwächen eingehen und ihnen besser dabei helfen können, das Beste aus sich herauszuholen“. Bloß herrsche eben ein eklatanter Lehrermangel. Kleinere Lerngruppen, wie ebenfalls oft gefordert, ließen sich so kaum bilden.

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Niemandem mache es Spaß, vor 30 Leuten zu stehen, sagte Joachim Maiß. Das sei nichts anderes als – überspitzt gesagt – „das Dressieren von Postpferden“: „Wir geben den gleichen Unterrichtsstoff in die Klasse hinein und gehen davon aus, dass alle am Ende geradeaus laufen können“. Womöglich biete die Pandemie eine Chance, neben der effektiveren Nutzung digitaler Hilfsmittel etwa für den engeren Kontakt zwischen Schülern und Lehrern, Schule auch dahingehend anders zu denken.

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Mehr neue Ansätze wagen

Die Corona-bedingte Notlösung Wechselunterricht habe jedenfalls gezeigt, wie viel besser und individueller der Unterricht in kleineren Gruppen sei, so Czerwinski – nur habe man zumindest in seinem Bundesland die Lehrer „ausgebeutet“, da sie nachmittags auch noch die andere Hälfte der Klasse unterrichten mussten. Mehr Lehrkräfte seien so auch deshalb nötig, um „mehr Zeit ins System bringen“, was die Grundvoraussetzung für einen grundlegenden Wandel schaffen würde. Denn natürlich könne man nicht überall ansetzen und in vielen Bereichen brauche es Jahre, bis sich Veränderungen bemerkbar machen könnten.

„Ein Lehrer hat heute ja das aktuelle Schulsystem selbst durchlaufen und ist auf dessen Basis an der Universität ausgebildet worden“, sagte Maiß: Derzeit müsse man „mit dem Wissen von gestern, die Kinder von heute für die Zukunft fit machen“. Das könne nicht mehr in der alten Form funktionieren, „aber wenn ein junger Referendar mit neuen Ideen an eine Schule kommt, läuft er Gefahr sich relativ schnell doch ins System einzufügen“. Alle Ebenen müssten anerkennen, dass es anders gehe und mehr wagen. „Eine gut gemachte Projektwoche bringt mitunter mehr Wissen und vermittelt Schülern mehr Kompetenzen als vielleicht einige Monate Unterricht“, so Maiß.

Letztlich sei die Leistungsbewertung mit Noten alleine nicht mehr zeitgemäß. Ein Punkt, den Lena Lange ebenfalls ansprach: „Auch ich habe meine Fächer strategisch gewählt, um möglichst einfach einen guten Gesamtschnitt zu erreichen“, so die angehende Abiturientin, die für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung von Friedrichsdorf sitzt und Medizin studieren will. Das mache keinen Sinn, zumal die Note ja beispielsweise nichts über eine persönliche und charakterliche Eignung für einen Beruf aussage, aber sie sei derzeit eben mit Blick auf den Numerus clausus elementar wichtig.

Um zumindest beim Thema Feedback aus der Krise Positives mitzunehmen, forderte Didaktik-Professorin Julia Knopf verstärkt auf digitale Tools zurückzugreifen. Generell bestehe hier weiterhin Nachholbedarf, aber Stärken und Schwächen ließen sich gut digital analysieren und vor allem in der Entwicklung darstellen. Dies würde auch die Aussagekraft von Noten gut ergänzen – und sei eine große Hilfe bei Schuljahres- und Lehrerwechseln.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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