Gesunde Ernährung

Schulnoten für den Pausensnack

Von Maybrit Martschin und Anna Meyer-Oldenburg
20.06.2022
, 12:29
Wie bekommt man Kinder dazu, sich gesünder zu ernähren?
Damit sich Kinder in der Schule gesünder ernähren, reicht laut Forschern ein kleiner Kniff. Mit Verboten und dem erhobenen Zeigefinger komme man dagegen nicht weit.
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Der Inhalt einer Brotdose kann viel über die Zukunft eines Kindes aussagen. Fetthaltige, hochkalorische Ernährung kann schon in jungen Jahren die Weichen für Diabetes, Herzleiden und Depressionen stellen. Übergewicht kann sogar die kognitive Leistungsfähigkeit eines Kindes vermindern, stellten Wissenschaftler der Universität Bristol fest. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2018 ist in Deutschland jedes siebte Kind zu dick oder gar fettleibig. Dass gerade in den Schulkantinen eine enorme Chance zum Gegensteuern liegt – darüber herrscht in der Theorie Einigkeit. Doch wie stellt man es an?

Damit Kinder auch selbst erkennen, welche Lebensmittel gesund sind, haben Wissenschaftler des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern ein neues Konzept erprobt. Ihr Ansatz: Schulnoten für den Pausensnack vergeben. In zwölf spanischen Grundschulen hat das Experiment gewirkt: Es zeigte sich, dass die Kinder der dritten und vierten Klasse ihr Essverhalten positiv anpassten, wenn sie wussten, welche Mahlzeit eine gute Note einbringt. Wurden ihre Eltern obendrein über diese Noten informiert, erwies sich das im Experiment als klarer Verstärker des Effekts.

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„Wir wollten den Wettbewerb um gute Noten anstoßen“

Für den Versuch hatten die Forscher drei Wochen lang Körbe mit unterschiedlichen Lebensmitteln aufgestellt und mit spanischen Noten gekennzeichnet. So erhielt der Korb mit Schokobrötchen und Orangensaft eine Null (ungenügend), während der Korb mit Banane, Schinkenstulle und Wasser die Note Zehn (sehr gut) bekam. „Wir wollten das so einfach wie möglich halten. Nach aktuellem Erkenntnisstand lassen Schulnoten nicht so viel Interpretationsspielraum wie etwa Lebensmittel-Ampeln“, erklärt Verhaltensökonom und Studienautor Matthias Sutter.

282 Grundschulkinder wurden vier Gruppen zugeordnet: In einer Kontrollgruppe durften die Kinder – ohne Noten – ganz unbeeinflusst vier Lebensmittel aus den Körben wählen. Kinder der zweiten Gruppe hatten zuvor einen Vortrag eines Ernährungswissenschaftlers gehört. Kinder der dritten Gruppe wurden mit den Noten konfrontiert. „Wir wollten den Wettbewerb um gute Noten anstoßen, weil sich Kinder untereinander vergleichen“, so Sutter. Gruppendynamik sporne die Kinder an, so die Vermutung. Da Kinder zudem oft ihre Eltern mit guten Noten beeindrucken wollen, fügten die Forscher eine vierte Gruppe hinzu: Im sogenannten „Parents-Treatment“ bekamen jene Eltern der Neun- bis Zehnjährigen wöchentlich mitgeteilt, für welchen Pausensnack – umgerechnet in eine Durchschnittsnote – sich ihr Kind entschieden hatte.

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Eltern sollten beim Schulessen mitreden

Das Ergebnis: 74 Prozent der Kinder, deren Eltern informiert wurden, wählten gesunde Lebensmittel. Mit einer Durchschnittsnote von 7,9 lagen die Kinder aus der Elterngruppe vorn. Am schlechtesten schnitten jene Kinder ab, bei denen gar keine Intervention stattfand: Hier wählten nur 36 Prozent gesunde Snacks. Die anderen beiden Gruppen lagen dazwischen – der Anteil gesunder Mahlzeiten betrug hier weniger als die Hälfte. Auch vier Monate später verhielten sich die Schüler im Wesentlichen unverändert. So griffen noch immer rund 70 Prozent der Kinder aus der Elterngruppe zu gesunder Kost.

Etwas gestiegen war sogar der Anteil gesunder Lebensmittel bei jenen Schülern, die zuvor nur mit Noten konfrontiert wurden (53 Prozent). Für die Forscher ist damit klar, dass die spanischen Kinder ihre Essgewohnheiten nachhaltig umgestellt haben. „Kinder erwarten, dass ihre Eltern gute Noten bevorzugen – auch in der Ernährung“, sagt Sutter. Doch dass die Elterninformation für das Verhalten der Kinder so ausschlaggebend ist, hat der Forscher nicht erwartet. „Ich finde das bemerkenswert, und den Effekt kann man nutzen.“

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Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter mag die Idee, Eltern in das Schulessen einzubeziehen. Als Professor an der Hochschule Fulda erforscht er wirksame Interventionen bei der Ernährung von Kindern. Durch die Elterninformation im Experiment werde „eine Brücke zwischen den Welten Schule und Zuhause“ geschlagen. „Für die Kinder ergibt sich ein inte­griertes Weltbild“, sagt Klotter. So falle es den Kindern leichter, eine ausgewogene und zielgerichtete Ernährung wie einen roten Faden durch ihren gesamten Tag zu ziehen. Allerdings befürchtet er eine Kehrseite der Benotung von Essen: „Kinder, die im schulischen Alltag ohnehin schon ein Problem mit Noten haben, werden potentiell aggressiv auf diese Maßnahme reagieren.“ Es könne Trotz auslösen, dass jetzt ein weiterer Aspekt ihres Alltags mit Noten reguliert werde.

Verbote machen ungesundes Essen nur verlockender

Als Alternative bringt Klotter eine spezielle Form des verbalen Feedbacks ins Spiel. Er regt an, mit den Kindern Gruppendiskussionen rund um die Ernährung zu führen – in offenem Dialog, bei dem die Kinder die verschiedenen Körbe einschätzen. Statt frontaler Belehrung sieht er die Interaktion und das gemeinsame Erarbeiten von Konzepten als hilfreich an.

Dass Verbote für das Ziel einer langfristig gesunden Ernährung kontraproduktiv sind, darin sind sich Verhaltensökonom Sutter und Ernährungspsychologe Klotter einig. „Es gibt ziemlich klare Evidenz dafür, dass Ernährung, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger verboten wird, erst richtig attraktiv wird“, so Sutter. „Die ganzen Ernährungsempfehlungen der Politik lösen Widerstand aus“, pflichtet ihm Klotter bei. Bestes Beispiel sei der 2013 von Grünen vorgeschlagene „Veggieday“, von dem sich viele Leute bevormundet fühlten. Mit Kritik an der Umsetzung gesunder Mahlzeiten in Schulen hält sich Sutter zurück. Deutlich schärfere Worte findet hingegen Ernährungspsychologe Klotter. „Alle Welt spricht davon, dass wir mehr Ernährungsbildung brauchen. Aber niemand investiert Geld in das Thema.“

Dass die Idee von benoteten Lebensmittel-Körben im Alltag von Schulkantinen realisiert wird, kann sich Sutter gut vorstellen. Doch er bleibt bescheiden: „Das ist ein kleiner Mosaikstein, der uns vielleicht hilft, dass junge Menschen gesünder essen.“ Trotz des Erkenntnisgewinns durch das Notenexperiment ist für ihn klar: Maßgeblich für Essgewohnheiten sei vor allem das Vorleben der Eltern. Dieser Verantwortung müsse man sich bewusst sein, sagt Sutter. „Die Ernährung, die man zu Hause über das Verhalten der Eltern als normal wahrnimmt, wird im Wertekanon der Kinder zur Norm.“

Quelle: F.A.Z.
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