Homeschooling am Limit

Wenn Serverausfälle den Unterricht dominieren

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
21.01.2021
, 14:54
Hardware- und Softwareprobleme sorgen für Unmut. Das häusliche Distanzlernen scheitert nicht nur in Baden-Württemberg viel zu oft an einer Überlastung der Lernplattformen, die alle Beteiligten frustriert.

Der Weg zur Digitalisierung der Schulen in Baden-Württemberg ist seit Jahren äußerst steinig. Die Probleme sind viel älter als die jetzt täglich beklagten Schwierigkeiten mit dem digitalen Fernunterricht. Vor zwei Jahren musste Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) die Entwicklung der Schulplattform „Ella“ (Elektronische Lehr- und Lernassistenz) stoppen. Das Kultusministerium hatte mindestens acht Millionen in den Sand gesetzt. Zwar hatten die Grundlagen für die teure Software-Entwicklung Eisenmanns Vorgänger gelegt, aber auch unter ihrer Führung waren die katastrophalen Mängel bei der Projektsteuerung lange Zeit unentdeckt geblieben.

Die fast fertig entwickelte Plattform war nicht in der Lage, 1,5 Millionen Nutzer zu registrieren. Einheitliche Mail-Adressen für Schüler und alle Lehrer gibt es bis heute nicht. Alle Nutzer von „Ella“ sollten Zugang zu Online-Bibliotheken haben, die Schüler sollten eine einheitliche Cloudspeicherfunktion bekommen, die Lehrer einen Messenger-Dienst. In der Krise könnte jeder Schüler, jede Lehrerin solche Dienste gut gebrauchen, aber das Nachfolgeprojekt steckt weiter in den Kinderschuhen und soll erste Ende des Jahres fertig sein.

Wäre die neue digitale Bildungsplattform, manchmal „Ella 2“ genannt, komplett betriebsbereit, hätten die 4.500 Schulen im Südwesten in der Corona-Krise in jedem Fall weniger Probleme, denn dann könnten Schüler und Lehrer alle Programme, egal ob von Microsoft oder von Open-Source-Anbietern, auf einer einheitlichen Oberfläche anklicken. Seit Beginn der Pandemie und der krisenbedingten Notwendigkeit, mehr als eine Million Schüler im virtuellen Klassenzimmer zu unterrichten, zeigen sich die Defizite fast täglich.

Versagen auf ganzer Linie

Obwohl die Schulverwaltung mehr als vier Monate Zeit hatte, sich auf einen weiteren Lockdown vorzubereiten, brachen zum Beginn des Fernunterrichts am 11. Januar sofort wieder einige Server zusammen. Von 4.500 Schulen im Land konnte etwa jede zehnte nicht pünktlich in den virtuellen Unterricht mit der Lernplattform „Moodle“ und dem Videochat-Programm „Big Blue Button“ starten. Statt Französischvokabeln sahen viele Schüler nur die Mitteilung „Die Website reagiert nicht“ auf ihrem Laptop. Das Ministerium rechtfertigte den blamablen Start mit dem Hinweis, man habe schon 2,6 Millionen Euro für zusätzliche Server investiert und dann in den Weihnachtsferien für „Moodle“ und „Big Blue Button“ noch einmal zusätzliche Kapazitäten für 250.000 Euro geschaffen.

Cord Santelmann, der zuständige Referent für die Schuldigitalisierung beim baden-württembergischen Philologenverband, macht für die großen Schwierigkeiten nicht allein die Hard- und Software verantwortlich – das Kultusministerium führe die Schulen schlecht durch die Krise: „Wir haben im September den Qualitätsrahmen Fernunterricht bekommen. Da steht drin, dass wir die Anwesenheit der Schüler kontrollieren sollen, aber nicht, wie das praktisch geschehen soll. Wir vermissen didaktische Hinweise, wie wir die Software für den digitalen Fernunterricht nutzen sollen. Was das Kultusministerium da macht, grenzt an Arbeitsverweigerung.“ Auch die Vereinigung der Schulleiterinnen und Schulleiter beschwerte sich in dieser Woche. Das Ministerium lasse die Schulen in Fragen des Online-Unterrichts im Corona-Lockdown „völlig im Stich“.

Die Meinungen zum Erfolg gehen auseinander

Nach Auffassung von Kultusministerin Eisenmann wird der digitale Fernunterricht in der zweiten Pandemiephase besser umgesetzt: „Wir haben in den vergangenen Monaten einiges unternommen, um uns für den Fernunterricht besser aufzustellen.“ So seien über das Sofortausstattungsprogramm 300.000 Leihgeräte für Schülerinnen und Schüler bereitgestellt worden, die nicht über einen Laptop oder ein Tablet für den Fernunterricht verfügten. Das Ministerium verweist außerdem auf die heterogene Schullandschaft, es gebe regelmäßig Briefe des Ministerialdirektors an die Schulen. Santelmann widerspricht deutlich: „Viele Lehrer wissen noch nicht einmal, welche Software sie eigentlich legal einsetzen können.“

Zu der künftigen digitalen Bildungsplattform gehören drei Module: der virtuelle Arbeitsplatz für Lehrer, für den auch Microsoft Office genutzt werden soll. Ein Unterrichts-Lern-Modul, das Programme für Schüler und Lehrer enthält, beispielsweise Moodle oder „It’s learning“. Demnächst soll noch die Mediadatenbank „Sesam“ in dieses Modul integriert werden. Und das schon funktionierende Modul „Sichere Kommunikation“, mit dem die Lehrer ihre Kommunikation abwickeln sollen, etwa mit dem Messenger-Dienst „Threema“. Einige wenige Lehrer haben über diesen Dienst auch schon neue Mail-Adressen erhalten.

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Datenschutz vs Anwenderfreundlichkeit

Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist immer noch unklar, in welchem Umfang für die neue Plattform Microsoft-Software erlaubt ist. Kultusministerin Eisenmann will „Office 365“ und „Teams“ unbedingt nutzen lassen und hat hierzu an dreißig Berufsschulen gerade ein Pilotprojekt gestartet. Damit sind aber die Oppositionsparteien SPD und FDP sowie der grüne Koalitionspartner überhaupt nicht einverstanden. In ungewöhnlicher Einmütigkeit wollen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der baden-württembergische Philologenverband, der Landesschülerbeirat, der Landeselternbeirat, die Verbraucherzentrale sowie eine Reihe weiterer Verbände die „Abhängigkeit von einem Cloud-Angebot wie MS 365“ unbedingt verhindern.

„Selbst wenn die Microsoft-Server (wie in diesem Fall beabsichtigt) in Deutschland stehen, muss Microsoft Daten an Behörden in die USA übertragen, wenn dies von dort angeordnet wird“, heißt es in der Stellungnahme der Verbände. Diesen Vorwürfen tritt die Kultusministerin vehement entgegen: „Zahlreiche Schulen nutzen bereits Microsoft-365-Anwendungen. Viele Schulleitungen und auch Schülerinnen und Schüler melden uns zurück, dass sie diese auch in Zukunft zwingend einsetzen wollen. Viele Schulen weisen darauf hin, dass sich diese Produkte intuitiv bedienen lassen und damit den schulischen Alltag einfach und pragmatisch unterstützen.“ Es sei verwunderlich, dass die Verbände in ihrer Stellungnahme die Bedürfnisse der Schulen und Praktiker vor Ort offenbar nicht zur Kenntnis nähmen und die Realitäten des Alltags verkennten.

Der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink prüft gerade, ob es eine datenschutzkonforme Nutzung für die Schulen geben kann und ob Microsoft zusätzliche, diesbezügliche Versprechungen überhaupt einhalten kann. „Daran habe ich noch immer Zweifel: Bleiben die Daten komplett auf deutschen Servern? Fließen nicht doch noch Datenmengen auf Server in die Vereinigten Staaten ab? Was geschieht mit den Daten von Schülern und Lehrern, wenn sie sich anmelden oder wenn es zu Systemabbrüchen kommt?“, sagte Brink der F.A.Z. Darüber herrsche Unklarheit, er wolle das bis Ende März klären. Über den Einsatz von Windows Office 365 als Software für Schulplattformen gebe es in Deutschland noch längst keine Einigkeit: In Rheinland-Pfalz zum Beispiel dulde man diese Software nur noch bis zum Sommer, in Norddeutschland werde häufig mit OpenSource-Software gearbeitet, sagte Brink. Der Berliner Datenschutzbeauftragte entschied jüngst, dass es eine rechtskonforme Nutzung des Programms „Teams“ nicht geben könne. Auch in Brandenburg waren die Schulen vor kurzem informiert worden, dass eine datenschutzkonforme Nutzung cloudbasierter Produkte von Microsoft derzeit nicht möglich sei.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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