Lernen im digitalen Jugendhaus

Zaubern mit Sinus und Kosinus

Von Florentine Fritzen
07.01.2021
, 17:30
Was tun, wenn die Abschlussprüfung vor der Tür steht? Im Raum Frankfurt treffen sich Jugendliche zum Mathelernen – wegen Corona in einem digitalen Jugendhaus. Das funktioniert hervorragend.

Nach einer guten halben Stunde schlägt Olivia Pokluda vor, sich noch dem Kosinussatz zu widmen. „Der ist etwas komplizierter.“ Die Sozialarbeiterin zeichnet in Windeseile ein Dreieck auf den Touchscreen. Pokluda hat ihren Bildschirm geteilt, so dass die Geometrie-Aufgabe gleichzeitig vor den Augen von Anil, Doroti, Neda, Leticia, Letizia, Sophie und Yasmin entsteht. Die sitzen allein zu Hause, nur Sophie und die eine Letizia, die mit „z“, schauen in dasselbe Gerät. Und doch haben sich die Zehntklässler miteinander zum Mathelernen versammelt – in einem digitalen Jugendhaus.

Pokluda schreibt mit dem Touch-Screen-Stift in jeden Dreieckswinkel einen griechischen Buchstaben – Alpha, Beta, Gamma, und an jeden Schenkel einen lateinischen Buchstaben – a, b, c. Gegeben sind die Längen: 5, 3 und 7 Zentimeter. Wie berechnet sich jetzt eine Winkelgröße? „Jesus Maria“, platzt es aus einem der Jugendlichen heraus. Pokluda zeigt Verständnis. „Sieht blöd aus, ist es, ehrlich gesagt, auch.“ Das schreckt in der Runde aber offensichtlich niemanden. Es geht genauso weiter wie seit Beginn der Lernstunde: Die Gruppe rechnet konzentriert. Pokluda, die Schülerinnen und der Schüler – Anil ist am Dienstagabend der einzige Junge – sind eingespielt. Das Tempo ist hoch, Zwischenfragen und Antworten fliegen hin und her.

Die Jugendlichen kommen fast alle aus Hattersheim, wobei sie zwischen Hattersheim selbst und den Stadtteilen Okriftel und Eddersheim unterscheiden. Auch aus Frankfurt-Zeilsheim ist jemand dabei. „Und die Olivia kommt aus Wiesbaden!“ Die Sozialarbeiterin arbeitet ebenfalls in Hattersheim: bei der Mobilen Jugendarbeit. Die hat das „Digitale Jugendhaus“ zusammen mit Angelina Schall von der Mobilen Beratung Flörsheim, Halime Yildirim vom Freizeithaus Kriftel, Bella König von der Mobilen Beratung Schwalbach und Katja Gomoluch vom Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe im Main-Taunus-Kreis ins Leben gerufen. Der Grund ist natürlich Corona; die Jugendhäuser mussten im Lockdown schließen. Das Angebot soll helfen, den persönlichen Kontakt zu halten, Treffen in einem geschützten Raum zu ermöglichen – und auch verhindern, dass Jugendliche auf andere Kanäle ausweichen. Die Organisatoren des digitalen Jugendhauses nennen hier ausdrücklich die „Houseparty App“, die „keinerlei Kontrolle“ biete.

„Sie erklärt besser als die Lehrer“

Die Mathestunde mit Pokluda ist nur eines der Angebote. Alle Teilnehmer besuchen die zehnte Klasse der Heinrich-Böll-Schule, sind aber in verschiedenen Parallelklassen der Gesamtschule und haben sich erst so richtig über das Mathelernen kennengelernt. Manche haben die Kamera angeschaltet, andere benutzen personalisierte Avatare als Profilbilder.

Eines der Mädchen legt immer mal den Kopf auf den verschränkten Armen ab, rechnet aber komplett mit. Die zwei Freundinnen vor der gemeinsamen Kamera tuscheln hin und wieder kurz, aber auch sie erwecken den Eindruck, hier unbedingt Geometrie für die Abschlussprüfungen lernen zu wollen. Es gibt eine kurze Diskussion darüber, ob dabei eigentlich Taschenrechner erlaubt sind. Auch sonst werfen sich Pokluda und die Jugendlichen schnelle Sätze zu. Wer zum ersten Mal dabei ist und seit Jahrzehnten nicht mit Sinus und Kosinus konfrontiert war, versteht nicht alles. Immer wieder ist vom „Zaubern“ die Rede. „Warum sagt ihr ,zaubern‘ dazu?“, fragt auch eine Teilnehmerin. Die Antwort wirft bei Unbeteiligten weitere Fragen auf, aber die Schülerin ist damit offenbar zufrieden: „Weil wir nicht rechnen, sondern wir ziehen nur ab!“

Wegen der Weihnachtsferien hat sich die Runde zum ersten Mal seit drei Wochen wieder am Bildschirm versammelt. Einmal sagt Neda mit Nachdruck: „Es ist noch hängengeblieben; ich denke mal, bei einigen von uns.“ – „Meinst du jetzt den Bildschirm oder dich selbst?“, fragt Anil. Neda präzisiert: Sie meine, „dass wir das noch beherrschen“. Am Schluss kündigt Olivia Pokluda an, später am Abend wie immer das PDF mit den Rechnungen herumzuschicken. Die junge Sozialarbeiterin ist keine Lehrerin, „aber sie erklärt besser als die Lehrer“, sagt eines der Mädchen. Einmal leuchtet Anil eine Rechnung besonders ein, und er fragt: „Olivia, kannst du meine Mathelehrerin werden?“ Die Antwort kommt so beiläufig wie prompt. „Nein, auf keinen Fall.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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