Leseförderung im Ehrenamt

Zehntausende Mentoren werden dringend gebraucht

Von Uwe Ebbinghaus
30.04.2021
, 08:40
Hunderttausende deutsche Schüler benötigen Leseförderung. Den Schulen fehlen die Kapazitäten. Ehrenamtliche Kräfte müssen einspringen. Interview mit der Vorsitzenden von „Mentor – die Leselernhelfer“.

Warum braucht Deutschland ehrenamtliche Leselernhelfer?

Weil es andernfalls, grob gesprochen, keine Bildungsgerechtigkeit gäbe. In dreißig Prozent der Elternhäuser wird Studien zufolge das Lesen nicht gefördert. Und Kinder, mit denen im Vorschulalter nicht gelesen wurde, kommen mit derart großen sprachlichen Defiziten in die Schule, dass sie Probleme beim Lesenlernen haben. Lehrer geben sich die größte Mühe, ihren Schülern das Lesen beizubringen. Aber die Lust am Lesen, die dazu führt, dass Kinder sich in Bücher vertiefen können, mitfiebern und alle Vorteile des Lesens mitnehmen, die können die Lehrer den Kindern mit großen sprachlichen Defiziten oft nicht ausreichend vermitteln. Dazu braucht es Menschen wie ehrenamtliche Lesementoren, die ihre eigene Freude am Lesen auf die Kinder übertragen. Sie treten nicht als Lehrer auf, sondern widmen sich den Kindern als Menschen mit viel Zeit und Zuwendung.

Was machen Leselernhelfer oder Mentoren genau?

Sie gehen einmal in der Woche in eine Schule und treffen dort Kinder, die Probleme mit dem Lesen und vor allem mit dem Verstehen haben. Die Kinder werden von ihren Lehrern für die Leseförderung vorgeschlagen. Die Mentoren gehen auf die Interessen der Kinder ein und holen sie dort ab, wo sie gerade stehen. Sie lesen mit den Kindern jeweils eine Schulstunde lang Texte oder Bücher, die die Kinder interessieren, jeder Mentor fördert ein Kind mindestens ein Jahr lang. Wir sind außerschulische Lernpartner, daher müssen die Eltern ihr Einverständnis erklären, Mentoren müssen auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Es geht in den Treffen dabei nicht um Leseleistung, sondern darum, das Interesse des Kindes für das Lesen zu wecken. Das Kind soll gerne lesen, unser Ziel ist es, das Kind für die Welt zu öffnen. Es gibt verschiedene Verfahren der Leseförderung. Zum Beispiel liest entweder nur das Kind, nur der Mentor oder es lesen beide zusammen. Anschließend wird über das Gelesene gesprochen, damit das Verstehen gewährleistet ist. Diese Vermittlung von Lesekompetenz ist ganz wichtig. Dafür sind auch Leseratespiele geeignet oder das Nachbasteln einer Bauanleitung. Mentoren loben das Kind für alles, was es kann, helfen über seine Schwächen hinweg und sind mit viel Geduld und Humor dabei. Die Tatsache, dass ein dem Kind bisher unbekannter Erwachsener freiwillig und ehrenamtlich zu ihm kommt, stärkt sein Selbstbewusstsein und öffnet die Kinder fürs Lesen. Die Kinder sagen: „Der kommt für mich alleine und fragt mich auch mal nach meiner Meinung“ – das finden die Kinder ganz toll.

Was schätzen Sie – wie viele Schüler benötigen in Deutschland eine Leseförderung?

Die einschlägigen Studien besagen, dass zwanzig Prozent der deutschen Schüler nicht in der Lage sind, sinnentnehmend zu lesen. Am Ende des vierten Schuljahres können zwar viele einen Satz erlesen, aber sie verstehen nicht, was er bedeutet. Und die Entwicklung setzt sich fort: Zwanzig Prozent der Fünfzehnjährigen lesen auf Grundschulniveau. Zudem haben wir 6,2 Millionen funktionale Analphabeten im erwerbsfähigen Alter. Die Spirale dreht sich also immer weiter.

Nun gibt es 13.000 ehrenamtlich tätige Lesementoren, eine erstaunlich große Zahl, aber im Grunde reicht das bei Weitem nicht aus. Wer genau bekommt die Leseförderung?

Die Auswahl der Kinder für die Leseförderung überlassen wir den Lehrern, weil sie am besten wissen, welches Kind die Unterstützung am dringendsten braucht. Lehrer wissen auch, wo zu Hause die Unterstützung fehlt. Wir wissen von den Lehrern, dass viel mehr Lesementoren gebraucht würden, und wir arbeiten intensiv daran, dass die Zahl wächst. Trotz Corona haben wir im letzten Jahr sechs neue Mentor-Vereine zur Gründung gebracht. Aber wir würden gerne noch viel mehr Menschen von unserer Arbeit überzeugen. Es gibt ganz viele, die gerne lesen und bereit wären, sich ehrenamtlich um ein Kind zu kümmern, die uns aber nicht kennen. Es gibt noch viele weiße Flecken in Deutschland.

Wo befinden sich diese weiße Flecken?

Gegründet wurde „Mentor – die Leselernhelfer e.V.“ in Hannover. Von dort hat sich die Idee der Eins-zu-eins-Leseförderung oberhalb der Main-Linie schnell verbreitet. Deutschlandweit sind mittlerweile rund hundert regionale und lokale Vereine im Bundesverband vertreten. Besonders stark aufgestellt sind wir in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen. In den vergangenen Jahren haben wir Süddeutschland stärker erschlossen. Gerade haben wir eine Förderung beantragt, um unsere Bewegung in den neuen Bundesländern auszubauen, dort ist Mentor bisher leider nur vereinzelt vertreten.

Ist die Leseförderung nicht eine Kernaufgabe der Schulen, eine staatliche Aufgabe, die flächendeckend durchgeführt werden sollte?

Den Kindern Lesen und Verstehen beizubringen ist schon eine Kernaufgabe der Schulen, aber es gelingt den Schulen nicht bei allen Kindern. Das liegt nicht an den Lehrern, sondern daran, dass die Schulen personell nicht ausreichend ausgestattet sind, zudem haben die Schulen in den letzten Jahren mit Inklusion und Integration viele neue Aufgaben bekommen. Und es liegt auch an den Eltern, darüber hatten wir eingangs gesprochen. Eigentlich müssen die Grundlagen für die Leseförderung schon im Vorschulalter gelegt werden, das ist auch bei der im März angelaufenen Initiative „Lesepakt“ von allen Beteiligten betont worden.

Wäre es nicht aussichtsreicher und motivierender für Ihre Organisation, eine echte nationale Lesestrategie im Rücken zu haben? Momentan blicken Sie ja permanent einer großen Förderlücke ins Angesicht.

Ja, absolut. Wir finanzieren uns hauptsächlich über Spenden, Dirk Roßmann ist einer unserer großzügigsten Förderer. Eine Projektförderung hingegen läuft meist nur über drei Jahre. Es wäre gut, wenn wir eine feste, institutionelle Förderung erhielten, dann wären wir noch leistungsfähiger.

Aber auch das würde die Förderlücke, realistisch betrachtet, wahrscheinlich kaum schließen.

Mit unserer Leseförderung leisten wir einen Beitrag dazu, dass mehr Kinder einen Schulabschluss erreichen und ausbildungsfähig sind. Aus diesem Grund sehe ich die Wirtschaft in der Pflicht, das Ehrenamt konsequenter zu unterstützen.

Wie alt ist die Mentor-Initiative – und wie kommt es zu solchen Zusammenschlüssen in Vereinen, von denen Sie sprachen?

Die Idee zu „Mentor“ hatte zu Beginn der Zweitausender Jahre Otto Stender, damals Buchhändler in Hannover. In seiner Freizeit lernte er eine Familie mit mehreren Kindern kennen, die auf der Hauptschule zu scheitern drohten. Zusammen mit seiner Frau hat er der Familie angeboten, mit den Kindern gemeinsam zu lesen, um sie zu fördern. Von der Idee erzählte er seinen Freunden, Bekannten, Kunden, die sofort Feuer fingen. So hat sich 2003 in Hannover der erste „Mentor – die Leselernhelfer“-Verein gegründet. Das hat Kreise gezogen, die Menschen wollten sich engagieren, weil die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie das Land schockiert hatten. Der nächste Verein gründete sich in Hamburg. 2008 gab es knapp zwanzig Vereine, die über Mundpropaganda entstanden. Sie haben dann den Bundesverband gegründet, der die Aufgabe hat, die Idee weiter zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass die Qualität der angebotenen Leseförderung stimmt. Unsere Mentoren werden alle über selbstentwickelte Seminare in ihre Tätigkeit eingeführt und sie werden während ihrer Arbeit begleitet, es gibt regelmäßig Austauschtreffen und Vorträge. Momentan gibt es rund hundert lokale und regionale Vereine mit 13.000 ehrenamtlich tätigen Lesementorinnen und Lesementoren, die 16.600 Kinder und Jugendliche fördern.

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Was sind das für Menschen, die als Mentoren arbeiten?

Das sind oft Menschen, die am Ende ihrer Berufstätigkeit stehen und eine neue Aufgabe suchen, aber es sind auch viele jüngere Menschen dabei, die unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen. Die Menschen, die bei uns mitmachen, sind dankbar, dass es die Möglichkeit gibt, ihre eigene Lesefreude Kindern weiterzugeben. Sie schätzen, dass sie das Ehrenamt in einem überschaubaren und erfüllenden Rahmen ausüben können. Uns alle eint das Bestreben, den Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihre Chance auf Bildung zu ergreifen. Denn wer nicht lesen kann, kann auch dem Unterricht nicht folgen und macht meist keinen Schulabschluss.

Wenn wir mal von Ihrem eigenen Verein in Hürth ausgehen: Wie viele Mentoren sind dort versammelt?

In Hürth gab es vor der ersten coronabedingten Schulschließung im vergangenen Jahr 148 Menschen, die als Mentor tätig sein wollten. Damit konnten wir etwa 180 Kinder fördern. Als die Schulschließungen vollzogen waren, habe ich mich erkundigt, wie viele Mitglieder trotz der Pandemie weitermachen würden. Dazu waren von den 148 Mentoren 130 bereit. Bis November haben wir auf der Grundlage eines strengen Hygienekonzepts weiter Lesestunden durchgeführt, parallel haben die ersten Mentoren begonnen, Online-Lesestunden einzurichten. In Hürth lesen aktuell 27 Mentoren mit ihren Kindern online. In anderen Vereinen verhält es sich ähnlich: Gut zwanzig Prozent der Mentoren, die früher analog gelesen habe, sind jetzt digital dabei. Und wir machen die gute, überraschende Erfahrung, dass die Lesestunden per Videokonferenz den Kindern und den Mentoren genau so viel Freude machen wie die Lesestunden in Präsenz, mit denen wir vom September an wieder rechnen.

Wie effektiv ist ein Jahr Leseförderung für Kinder? Wie groß sind die Fortschritte?

Unsere Leseförderung nach dem Eins-zu-eins-Prinzip wirkt vielschichtig, das bestätigen uns die Lehrkräfte und die jungen Menschen immer wieder. Es gibt Lehrerumfragen, zum Beispiel von Mentor Hamburg, aus denen hervorgeht, dass die Lesefreude bei fast allen Kindern durch die regelmäßige Förderung merklich gesteigert wird, ebenso verbessert sich das Textverständnis maßgeblich. Außerdem wirkt sich das gemeinsame Lesen auf die Persönlichkeitsentwicklung aus: Die Kinder und Jugendlichen lernen neue Sichtweisen kennen, bekommen Denkanstöße und entdecken fremde Welten, ihr Selbstbewusstsein und Sozialverhalten verbessern sich. Wenn die Kinder nicht mehr diejenigen sind, die etwas nicht können, steigt ihr Ansehen in der Klasse und der Umgang mit Mitschülern verändert sich. Außerdem machen ihnen die Mentoren Mut. Die Kinder trauen sich, sich im Unterricht zu melden und Schulabschlüsse anzustreben, die ihnen bisher niemand zugetraut hat. Viele Menteés sagen: Ohne meine Lesementorin wäre ich nicht das, was ich bin.

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Bewirbt man sich als Lesementor?

Wir bieten regelmäßig Einführungsveranstaltungen an, die wir in der Presse und anderweitig bekannt machen. Dort können Interessenten uns und unsere Arbeitsweise kennenlernen und wir umgekehrt sie. In persönlichen Gesprächen zeigt sich: Können sie gut mit anderen Menschen umgehen, können sie gut zuhören, sind sie kreativ genug, um mit dem zur Verfügung gestellten Material eine Lesestunde abwechslungsreich zu gestalten?

Was denken Sie – welches Potential hat die Mentor-Initiative in Deutschland?

Ich denke, wir könnten 50 bis 100.000 Mentoren zusammenbringen – und die würden auch dringend gebraucht in und nach der Pandemie. Die im Distanzunterricht Abgehängten müssen aufgefangen werden.

Was hat die Pandemie an Ihrem Konzept verändert? Über digitale Lesestunden haben wir schon gesprochen. Passt die Mentoren-Idee nicht sehr gut in die digitale Welt? Mentoren werden flexibler.

Ich denke, wir vermissen alle die Nähe der Anderen. Die Nähe zum Kind spielt in der Leseförderung eine wichtige Rolle. Aufgrund der Erfahrungen, die wir mit den Onlinelesestunden gemacht haben, muss ich aber sagen: Sie spielt eine nicht so große Rolle, wie wir dachten. Wir gingen auch davon aus, dass wir mit Grundschülern nicht online lesen können, weil sie zum Beispiel Tablets nicht sicher bedienen können. Doch die können das. Sie bleiben vor dem Tablet in der Videokonferenz länger ruhig sitzen als vor einem Buch. Auch erhöht die Digitalisierung unser Potential an Mentoren. Denn es gibt durchaus Interessierte, die nicht die Zeit haben, in die Schulen zu gehen oder deren Freizeit nicht in der Schulzeit liegt. Wenn wir diejenigen motivieren, als Online-Mentoren mit einem Kind zu lesen, hilft das sehr. Auch erleichtert uns die Digitalisierung, Seminare für Mentoren anzubieten. Wir laden zu digitale Fachtagungen ein, bei denen wir an einem Termin zweihundert Menschen erreichen – anstatt früher, analog, vierzig. Im Moment sind wir in der Erprobungsphase für die digitale Einführung von Mentoren.

Wo können sich Interessenten am besten melden?

Am besten über die Homepage mentor-bundesverband.de. Dort gibt es einen Button, über den alle Vereine zu finden sind, die bei uns im Bundesverband Mitglied sind und alle mehr als 300 Orte, an denen wir tätig sind. Wenn man dort nicht fündig wird, kann man sich gerne direkt an den Bundesverband wenden. Wir finden Mittel und Wege, den Willen zum Engagement umzusetzen.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Margret Schaaf ist seit 2013 Vorsitzende des Bundesverbandes von Mentor – Die Leselernhelfer e.V. Zuvor war sie lange in der Erwachsenenbildung als Dozentin für Französisch und Deutsch als Fremdsprache tätig. In Hürth initiierte Margret Schaaf im seit 2006 bestehenden Verein der Lesefreunde Hürth eine Mentor-Gruppe, die sie aufbaute und bis heute leitet.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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