Viel Reformbedarf

Höchste Zeit für mehr Bildungsgerechtigkeit!

Von Markus Warnke
17.09.2021
, 09:25
Nötig seien Absprachen für die Ausbildung etwa von Lehrkräften, bei denen die Länder an einem Strang ziehen, statt sich Konkurrenz zu machen.
Bildungsfragen spielen im Bundestagswahlkampf auch in Corona-Zeiten so gut wie keine Rolle – obwohl fast täglich von Lernlücken die Rede ist. Ein Gastbeitrag.
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Bildung spielt im bisherigen Bundestagswahlkampf keine Rolle. Erstaunlich, denn in der Pandemie waren die Schulen täglicher Gegenstand der Berichterstattung. Für einen kurzen Augenblick trat auch die Situation von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Familien in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Eindrücklich wurde gezeigt, wie sie von den Schulschließungen betroffen waren und sich die Bildungsschere zwischen diesen Kindern und den bildungsnahen weiter öffnete, die zu Hause mithilfe der Eltern den Unterricht kompensieren konnten.

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Von einem Brennglas sprachen viele, denn diese Probleme gab es auch schon vor Corona. Spätestens seit PISA ist belegt, dass bildungsferne Eltern gemeinsam mit ihren Kindern regelmäßig an einem Schulsystem scheitern, das stark auf die Unterstützung von zu Hause setzt – der irreführende Begriff „Homeschooling“, der eigentlich den in Deutschland nicht zulässigen Unterricht unter der Regie der Eltern meint, ist so aussagekräftig wie entlarvend. Die Bundesregierung hat mit viel Geld ein Aufholpaket geschnürt, das bis Ende 2022 viele zusätzliche Möglichkeiten bietet, auf lange Sicht aber nicht mehr ist als ein Trostpflaster.

Kommunikation über Milieugrenzen hinweg will gelernt sein

Wesentlich wichtiger wären echte Anstrengungen für mehr Bildungsgerechtigkeit. Das sollte die eigentliche Schlussfolgerung aus den letzten beiden Jahren sein. Gerade den Schulen, in denen sich die Notlagen eines Stadtteils unmittelbar widerspiegeln und die deswegen oft als Brennpunktschulen bezeichnet werden, fehlt es am Nötigsten. Es brennt hier nicht, weil die Schulen schlecht wären, genau das Gegenteil ist der Fall, sondern weil es an Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern, an der richtigen Ausstattung und an pädagogischen Freiräumen fehlt. Hier muss die Politik endlich ansetzen.

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Am meisten fehlt es an qualifizierten Pädagogen. Das ist vor allem an den Schulen der Fall, die unter schwierigsten Bedingungen versuchen, ihren Schülern einen Abschluss und zumindest die Ausbildungsreife zu vermitteln. Als Arbeitsort erscheinen sie vielen als zu unattraktiv. Bisher gibt es kaum attraktive Angebote für Abiturienten, sich für das Lehramt an sozial schwierigen Schulen zu bewerben. Alle Imagekampagnen haben nichts genutzt.

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Nötig sind Absprachen für die Ausbildung etwa von Lehrkräften, bei denen die Länder an einem Strang ziehen, statt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. Lehramtsanwärter müssen für den Einsatz in Brennpunktschulen vorbereitet und fortwährend begleitet werden. Die Mentoren an den Schulen haben dafür oft nicht genügend Kapazitäten. So wichtig Fachlichkeit in Verbindung mit Fachdidaktik bleibt, an diesen Schulen geht es in erster Linie um den Aufbau von Beziehungen, um den persönlichen Kontakt mit den Schülern und den Eltern. Die Kommunikation über Milieugrenzen hinweg will gelernt sein. Und es braucht professionelle Schulleitungen, die in der Lage sind, die Schule zu führen und sie gemeinsam mit ihren Kollegien zu attraktiven Lernorten zu entwickeln. Wirklich erschreckend ist, dass die Politik an solch basalen Forderungen seit Jahren scheitert.

Klamme Kassen der Kommunen

Ähnlich verhält es sich mit der Ausstattung, die an Schulen im ökonomischen Brennpunkt viel zu oft mangelhaft ist. Die Verantwortung der Schulträger an dieser Stelle verkompliziert nicht nur vieles, sondern verstärkt diesen Effekt. Wegen klammer Kassen in den Kommunen reicht es oft nicht einmal für Räume, die eine differenzierte Beschulung ermöglichen, ordentliche Turnhallen, Räume für den Musik- und Kunstunterricht. Dazu braucht es Lehr- und Lernmaterial, eine digitale Ausstattung, WLAN und saubere Toiletten. All das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber nicht.

Aber die Schulen bräuchten auch mehr pädagogische Freiräume. Die Lehrpläne der Länder, die Schulbücher und das ganze Lehr- und Lernmaterial sind zu undifferenziert. Viele Kinder an Schulen in sozialen Brennpunkten waren nicht im Kindergarten. Sie haben keine Erfahrung darin, im Stuhlkreis zu sitzen, zuzuhören, wenn vorgelesen wird, zu basteln, zu malen, kleine Aufgaben zu übernehmen. Viele von ihnen beherrschen die deutsche Sprache nicht, haben noch nie einen Stift in der Hand gehalten und bewegen sich erstmals in einer Gruppe gleichaltriger Kinder. Ein Unterricht nach normalem Lehrplan ist hier jedenfalls nicht möglich. Kleinere Klassen sind vorerst illusorisch, weil dazu erst recht die Lehrer fehlen.

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Die Politik ist sich der Schwierigkeiten bewusst und zeigt sich immer wieder bemüht. Stünde hinter diesen Problemen allerdings eine lautstarke, relevante Wählergruppe, wäre sicher schon viel mehr geschehen. Bei der Verteilung der Ressourcen wird jedoch lieber mit der Gießkanne gearbeitet, als differenziert auf Problemlagen zu reagieren. Nur einige Länder haben einen schulscharfen Sozialindex und damit ein Instrument zur Steuerung von Geld und Personal. In der Kultusministerkonferenz werden diese Fragen besprochen. Gut gemeinte Verabredungen, die keinen bindenden Charakter haben, verschwimmen jedoch regelmäßig im föderalen Nebel. Die neue Ständige wissenschaftliche Kommission soll Vorschläge unterbreiten, deren Umsetzung vom Wohlwollen der Länder abhängig ist.

Zentrale Qualitätsfragen müssen auf Bundesebene diskutiert werden

Vielleicht hätte sie im Bundesbildungsministerium einen Verbündeten. Eine inhaltliche Einmischung des Bundes ist jedoch wegen der verfassungsrechtlichen Kompetenzverteilung ausgeschlossen. In den Diskussionen um den Digitalpakt oder beim gerade verabschiedeten Ausbau des Ganztages wehrten die Länder mit dem Grundgesetz im Rücken jede inhaltliche Einmischung ab. Das Geld nehmen sie gern.

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Doch zentrale Qualitätsfragen des Bildungssystems müssen auf Bundesebene diskutiert werden. So hat der ehemalige Bildungsminister Jürgen Zöllner (SPD) jüngst ein Entscheidungsgremium der Länder unter Beteiligung des Bundes gefordert, das sich am besten auch mit der Setzung von Qualitätsstandards und deren Kontrolle befassen kann. Erst dann könne aus der scheinbaren Schwäche der föderalen Struktur im Bereich Bildung eine Stärke werden, bei der in einem qualitätssteigernden Wettbewerb alle profitieren. Er rät der neuen Bundesregierung dazu, eine Verfassungsänderung anzustreben, die es dem Bund ermöglicht, auch bei der Setzung von Bildungsstandards sowie deren laufender Überprüfung mit den Ländern zusammenzuwirken.

Der Vorschlag birgt die Chance, dass Debatten über die Qualität von Schulen und damit auch die Situation an den Brennpunktschulen auf Bundesebene nicht nur mitdiskutiert, sondern auch mitentschieden werden können. Die öffentliche Aufmerksamkeit wäre größer und damit, so wäre zu hoffen, der Druck für notwendige Veränderungen. Denn das Versprechen, dass Bildung und damit die eigene Leistung ein wesentlicher Schlüssel für ein selbständiges Leben in dieser Gesellschaft ist, bildet eine der zentralen Säulen dieses Landes. Dessen Einlösung kann man nicht länger den Bundesländern allein überlassen.

Der Autor ist Geschäftsführer der Wübben Stiftung.

Quelle: F.A.Z.
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