Schulen in der Corona-Krise

So könnte guter Hybridunterricht aussehen

Von Uwe Ebbinghaus
Aktualisiert am 21.11.2020
 - 11:07
Auf Hybrid- und Wechselunterricht gilt es jetzt vorbereitet zu sein.
Das Infektionsgeschehen in Deutschland ist weiterhin hoch. Gestritten wird über die Einführung von Wechselunterricht. Welche Konzepte bieten sich an? Ein Interview mit dem Lehrer und Buchherausgeber Tim Kantereit

Herr Kantereit, die Infektionszahlen in Deutschland nehmen nicht ab. Diskutiert wird auch über geteilte Klassen und Wechsel- oder Hybridunterricht. Wie definieren Sie diese Begriffe?

Es gibt den reinen Präsenzunterricht, den wir aus den Schulen in der Zeit vor Corona kennen, und es gibt den Distanzunterricht mit nicht körperlich anwesendem Lehrer. Den haben wir im Lockdown erlebt. Letzterer kann theoretisch – etwa, wenn man Arbeitsblätter verschickt – auch analog erfolgen, in der Regel bedient er sich aber digitaler Mittel. Hybridunterricht bewegt sich genau dazwischen, man spricht auch von Blended Learning – ein Begriff, der schon älter ist. Es gibt Kollegen, die verstehen unter Hybridunterricht ausschließlich einen solchen, bei dem Schüler, die sich zum Beispiel in Quarantäne befinden, live zugeschaltet werden und digital am Unterricht teilhaben. Ich würde diese Situation aber als lediglich eine Form des Hybridunterrichts bezeichnen.

Welches sind die gängigsten Formen des Hybridunterrichts?

Bekannt aus der ersten Phase nach dem Lockdown ist die geteilte Klasse. Die eine Gruppe lernt eine oder zwei Wochen lang zu Hause und wird digital begleitet, die andere befindet sich im Präsenzunterricht. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass eine Klasse oder ein ganzer Jahrgang einmal in der Woche zu Hause bleibt und dort eine projektartige Lernform durchführt, die digital begleitet wird.

Und welche Formen des Wechselunterrichts aus Ihrem ersten Beispiel gibt es?

Bei den Halbgruppen gibt es die Möglichkeit, dass ich die Gruppe, die sich zu Hause befindet, live in den Unterricht dazuschalte – wenn ich die entsprechenden technischen Voraussetzungen habe. Oder aber ich strukturiere den Unterricht so, dass beide Gruppen ein digitales Angebot bekommen, die Gruppe vor Ort aber vom Lehrer unterstützt wird, während die andere Gruppe nur per Messenger oder Videokonferenz mit dem Lehrer und den Mitschülern in Kontakt tritt.

Wie sieht solch ein Live-Unterricht genau aus?

Einige Kollegen haben sich in den vergangenen Monaten einen eigenen Livestream gebastelt: Sie haben auf ihrem Tablet oder Laptop eine Videokonferenz gestartet und die Kamera auf sich und die Tafel ausgerichtet. Anschließend haben sie die persönlich anwesenden Schüler begrüßt und zugleich, per Videokonferenz, die Schüler zu Hause. Dann begann der Unterricht, der eher frontal ausgerichtet war. Immerhin konnten die Schüler, die zu Hause waren, so dem Geschehen folgen. Einige Kollegen haben den Schülern zu Hause auch die Möglichkeit gegeben, sich über die Meldefunktion in den Unterricht einzuschalten. Technisch ist es auch möglich, dass der Lehrer die Schüler aufruft. Arbeitsblätter können hochgeladen werden.

Eine solche Live-Dazuschaltung heißt dann aber auch, dass die Lehrer im Elternhaus der Schüler zu sehen sind. Nicht alle Lehrer werden es begrüßen, dass ihr Unterricht in gewisser Weise öffentlich wird.

Momentan ist ja keine Lehrerin und kein Lehrer dazu verpflichtet, eine Videokonferenz anzubieten. Mit einem Lernmanagementsystem wie itslearning in Bremen lässt sich auch asynchron arbeiten. Das heißt, die Lehrkraft sucht nach Inhalten, zum Beispiel Erklärvideos, kuratiert diese Inhalte in einem digitalen Lernpfad und bereitet so die fachlichen Inhalte in kleinen Lernhäppchen auf. Alternativ bietet sich auch hier wieder das Projektlernen an. So kann im Distanzunterricht zu Hause geforscht werden, und die Ergebnisse können dann zum Beispiel als digitales Poster auf der Lernplattform zur Verfügung gestellt werden. Die Lehrkraft kann im Arbeitsprozess auch beratend über Telefon oder Chat zur Verfügung stehen und muss sich nicht per Video mit den Schülerinnen und Schülern verbinden. Es gibt eben mehrere Spielarten eines Hybridunterrichts.

Welcher Hybridunterricht im engeren Sinn ist weniger frontal als der mit Live-Schaltung?

Bei den Halbgruppen gibt es die Möglichkeit, dass die Schülerinnen und Schüler zu Hause in Arbeitsgruppen, in sogenannten Breakout-Räumen, zusammengeschaltet werden, während die in der Schule in Kleingruppen vor Ort am gleichen Auftrag arbeiten. Das ist die Variante, die ich angepeilt hatte, als ich mit meinen Schülern im Halbgruppenunterricht war. Wenn sie wollten, konnten sich die Gruppen mittels Videokonferenz austauschen und mit kollaborativen Tools in Echtzeit zusammenarbeiten.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Vorgehen der Hardtschule in Durmersheim. Dort werden die zu Hause befindlichen Schüler mit einem Beamer im Unterricht präsent gemacht, die Lehrkraft kann direkt mit den Schülern sprechen. Dafür benötigt man natürlich eine besondere Ausstattung und eingespielte Strukturen. So etwas an einer Schule gemeinsam systemisch zu entwickeln, ist harte Arbeit.

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Am häufigsten aber war wohl im Lockdown und danach die Variante, Arbeitsaufträge über Messenger oder eine Lernplattform hochzuladen, zuweilen mit Begleitvideo.

Ja, der Nachteil dabei ist nur, dass für die Schüler eine Tagesstruktur fehlt. Und das ist, glaube ich ein, großes Problem. Denn Schüler finden nach meiner Erfahrung solche Strukturen gut. Ich würde es in Zukunft bei meinem Hybridunterricht so machen, dass ich alle Schüler live zum Unterricht begrüße, dann einen Arbeitsauftrag gebe, der aber nicht innerhalb der Videokonferenz erledigt werden muss. Er kann vom Schüler alleine oder in Breakout-Räumen bearbeitet werden. Ich muss dazu sagen, dass ich fast nur in der Oberstufe unterrichte. Am Ende der Stunde sollten alle Schüler aber nochmal in die Konferenz kommen. Der Gruppe, die ich vor Ort habe, kann ich über die Schulter schauen und sie unterstützen. Die Gruppe zu Hause bekommt natürlich auch eine Rückmeldung von mir. Aber es ist insgesamt wichtig, Schülern auch im digitalen Raum Vertrauen zu geben.

Es bleiben aber die technischen Probleme: Was, wenn ein Schüler nicht in die Videokonferenz hineinkommt oder er schlechtes W-Lan hat? Was, wenn ihm ein Arbeitsgerät fehlt? In Bremen, wo ich unterrichte und Lehrer ausbilde, ist inzwischen die Entscheidung gefallen, dass alle Schüler und Lehrer mit einem Tablet ausgestattet werden. Bis zum Ende des Jahres soll die Auslieferung erfolgt sein. Das wäre eine sehr gute Voraussetzung.

Unterricht kann dann immer noch am W-Lan scheitern.

Ja, daher würde ich sagen, wenn man Halbgruppen einrichtet, sollte man darauf achten, den Schülern, bei denen es Schwierigkeiten gibt – technisch oder räumlich – in der Schule einen festen Arbeitsplatz zu geben. Das kann auch für Schüler gelten, die auf der Kippe stehen. Natürlich muss man die Schülerinnen und Schüler im Blick haben. Je nach Situation muss entschieden, werden, ob ein Distanzunterricht geeignet ist oder nicht. Damit gewährleistet man, dass alle Schülerinnen und Schüler optimal unter den Corona-Bedingungen lernen können. In der Frage, welche Gruppen bevorzugt in der Schule unterrichtet werden sollten und welche hybrid, finde ich die Empfehlungsliste von McKinsey sehr gut und differenziert.

Das sind momentan die beiden Hauptargumente gegen den Hybridunterricht: Zum einen, dass er nicht bildungsgerecht sei, weil Kinder mit schlechten Voraussetzungen benachteiligt werden. Dem könnte man durch gute Differenzierung zumindest entgegenwirken. Das andere Problem ist, dass jüngere Schüler im Distanzunterricht zu Hause mehr oder weniger von den Eltern betreut werden müssten. Kann diese Herausforderung durch klare Struktur minimiert werden?

Strukturen sind sehr wichtig. Auch der Distanzunterricht muss einen klaren Beginn und ein Ende haben. Also: Morgens klarer, ritualisierter Beginn zum Beispiel in einer Morgenrunde mit der Klassenlehrkraft und am Ende des Schultages eine Abschlussrunde. Dazwischen immer wieder kleine Videokonferenzen mit Lehrkräften und kleinen Schülergruppen. Klare Deadlines, wann bestimmte Lernergebnisse abgegeben werden müssen. Man könnte dabei zum Beispiel auf die von Bob Blume erwähnte 4+1 Regel zurückgreifen: Vier Tage lernen, am fünften Tag eine Überprüfung des Gelernten oder Abgabe eines Lernprodukts. Das entlastet auch die Eltern zu Hause. Gute Ideen und Anregungen gibt es auf Websites wie Edutopia – im englischsprachigen Raum gibt es zum Teil längere Erfahrungen mit dem Hybridunterricht. Und Schülerinnen und Schüler, die keine technische Ausstattung zu Hause haben, Platzprobleme, noch jung sind oder denen die Betreuung zu Hause fehlt, die sollten natürlich in die Schulen gehen. Schulen haben ja bei einem durchgängigen Wechselunterricht in Halbgruppen noch freie Räume und könnten sogenannte Learningspaces oder Study Halls einrichten – also betreute Arbeitsplätze und die nötige Technik stellen.

Tim Kantereit ist Lehrer für Mathematik und Geographie in Bremen. Seit 2017 ist er auch in der Lehrerausbildung tätig. In dem Podcast „Lauschcafé“ und dem Newsletter „Bildungsbrief“ beschäftigt er sich mit der Nutzung digitaler Medien, agiler Didaktik und Feedback. 2020 hat er das Buch „Hybrid-Unterricht 101“ herausgegeben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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