Internationale Studie

So schneiden deutsche Grundschüler im Vergleich ab

Von Heike Schmoll, Berlin
08.12.2020
, 10:30
Eine Studie untersucht die Leistung von Viertklässlern in Mathematik und den Naturwissenschaften. Dabei wird klar: Die Unterschiede zwischen Kindern aus Familien mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland groß.

Deutsche Schüler erzielen bei der internationalen Timss-Studie (Trends in Mathematics and Science Study) für Mathematik und Naturwissenschaften in der vierten Jahrgangsstufe Leistungswerte im Mittelfeld. Sie liegen damit unterhalb des OECD- und EU-Durchschnitts, aber knapp oberhalb des internationalen Mittelwerts der Timss-Teilnehmerstaaten. Ein Viertel der Viertklässler erreicht allerdings nur rudimentäre oder niedrige mathematische Kompetenzen. Diese Schülergruppe droht in weiterführenden Schulen den Anschluss zu verlieren, denn sie verfügt nur über sehr elementare Rechenkenntnisse.

Entsprechend klein ist auch die Leistungsspitze. Nur sechs Prozent der Schüler können der höchsten Kompetenzstufe in Mathematik zugeordnet werden, in Singapur sind es 54 Prozent. Im EU-Durchschnitt erreichen 9,4 Prozent das höchste Leistungsniveau, im Durchschnitt der OECD-Staaten 11,5 Prozent. Die Forscher schließen daraus, dass es an flächendeckenden und systematischen Förderprogrammen fehlt. Während die Leistungen in Mathematik bei Timss 2019 konstant blieben, gab es in den Naturwissenschaften eine leichte Verschlechterung, die ein Warnzeichen sein könnte. 27,6 Prozent der Grundschüler verfügen nur über schlechte Kenntnisse in den Naturwissenschaften, ihnen fehlen zentrale Grundlagen für den naturwissenschaftlichen Unterricht in der Sekundarstufe. Nur 6,9 Prozent erreichen die oberste Kompetenzstufe.

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Es sei angesichts des deutlich höheren Anteils von Schülern mit Migrationshintergrund eine Leistung, dass die Mathematikbefunde nicht schlechter wurden, meint der Hamburger Bildungsforscher Knut Schwippert, der die deutsche Auswertung verantwortet. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund liegt in Deutschland mittlerweile bei 22 Prozent, 2007 lag er noch bei 17,2 Prozent. Ziel der Timss-Studie ist eine langfristige Beobachtung und Interpretation der Mathematik- und Naturwissenschaftsleistungen. Auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hält die Ergebnisse wegen ihrer Stabilität seit 2007 und der schwierigeren Zusammensetzung der Klassen für gut. Neben der Förderung der Leistungsschwachen hält Hubig auch eine Förderung der Leistungsstarken für nötig.

An der Spitze der internationalen Rangliste stehen Singapur und ostasiatische Staaten. Bei den Naturwissenschaften liegen Singapur und Südkorea auf den ersten Plätzen, es folgen die Russische Föderation und Japan, Taiwan und Finnland. Teilgenommen haben am Test für die vierte Jahrgangsstufe mehr als 300.000 Schüler aus 58 Ländern. In einigen Ländern, auch in Deutschland, wurden die Tests computerbasiert erhoben, was für die Grundschüler schwieriger war als eine papierbasierte Erhebung. In Deutschland wurden für den internationalen Vergleich 4900 Schüler aus 203 Schulen in die Untersuchung einbezogen. Timss findet alle vier Jahre statt, zum ersten Mal gab es 1995 eine Timss-Studie. Die Inhalte für Mathematik umfassen Arithmetik, Messen und Geometrie, sowie Daten, die für den Sachunterricht, Biologie, Physik, Chemie und Geographie von Belang sind.

In der vierten Jahrgangsstufe schneiden die Jungen in Mathematik deutlich besser ab als die Mädchen, in den Naturwissenschaften sind es in einigen Ländern die Mädchen. In Deutschland liegen Jungen und Mädchen gleichauf. Das liegt vor allem daran, dass bei den Jungen ein Leistungsrückgang zu verzeichnen ist.

In der vierten Klasse geben 80 Prozent der Kinder an, gern Mathematik zu machen, 88 Prozent äußern dies für die Naturwissenschaften. In den Jahren 2015 bis 2020 gab es zwischen Jungen und Mädchen kaum Unterschiede, inzwischen nähmen sie wieder zu. Es gab nur vier Länder, in denen die Mädchen in Mathematik bessere Ergebnisse erzielten als die Jungen, berichtete der Direktor der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) Dirk Hastedt. Die IEA verantwortet die Studie, in den Ländern gibt es Länderkoordinatoren, die für die regionale Auswertung stehen.

Die Schüler, die bildungsaffine Eltern hatten, die mit den Kindern vor der Schule gerechnet und ihnen vorgelesen haben oder die in einer Vorschule waren, haben nach Aussage der IEA signifikant besser abgeschnitten. Hastedt verwies auch auf einen engen Zusammenhang zwischen Mobbing und Leistungsstärke. Wer häufig und stark gemobbt wird, kann keine Spitzenleistungen bringen. Im internationalen Vergleich waren es sechs bis acht Prozent der Schüler, die wöchentlich gemobbt wurden und deshalb durchschnittlich schlechtere Leistungen aufweisen. Eine klar strukturierter Unterricht mit erfüllbaren Anforderungen führte sowohl in Mathematik als auch in den Naturwissenschaften zu besseren Schülerleistungen.

Mehr als ein Jahr Vorsprung bei bildungsaffinen Eltern

Wenn in Deutschland beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, lagen die Kinder 34 Punkte in Mathematik schlechter als die Kinder mit zwei in Deutschland geborenen Eltern, in Naturwissenschaften waren es sogar 65 Punkte, was mehr als einem Schuljahr entspricht. Nur in fünf Staaten ist der Leistungsunterschied zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund größer, das sind die Türkei mit 85 Punkten, Finnland mit 54 Punkten, Schweden und die Flämische Gemeinschaft in Belgien mit jeweils 47 Punkten und Frankreich mit 46 Punkten. In den Naturwissenschaften sind die Leistungsdisparitäten zwischen Kindern aus Familien mit und ohne Migrationshintergrund nur in der Türkei und Finnland höher. Kinder aus Familien mit einem in Deutschland geborenen Elternteil haben sich seit 2007 in Mathematik deutlich verbessert.

Wer aus einem bildungsaffinen Elternhaus mit mehr als hundert Büchern kommt, erzielt in Mathematik einen deutlichen Leistungsvorsprung gegenüber seinen Mitschülern aus bildungsfernen Familien. Der Vorsprung liegt bei 41 Punkten, das ist mehr als ein Lernjahr. Die sozialen Leistungsdisparitäten haben sich in Deutschland seit Timss 2007 nicht vergrößert und Deutschland ist wider alle gegenteiligen Behauptungen auch nicht das Land mit den größten sozial bedingten Leistungsspreizungen. Sie sind in der Türkei, in Neuseeland und in Bulgarien weit größer. Besonders gering sind sie in den Niederlanden, aber auch in Lettland.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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