Migrantenkinder in der Schule

Es geht nicht darum, die Eltern mit ins Boot zu holen

Von Uwe Ebbinghaus
06.12.2020
, 13:59
Die Schüler der Gräfenauschule in Ludwigshafen haben zu mehr als neunzig Prozent einen Migrationshintergrund.
Sie dürfen nicht länger auf der Strecke bleiben: Die Journalistin und Lehrerin Melisa Erkurt schreibt ein streitlustiges Buch über die schulischen Chancen von Migrantenkindern.

Das Buch der österreichischen Journalistin Melisa Erkurt hätte eigentlich einen passenderen Titel verdient. Denn so naheliegend es vielleicht ist, die Überschrift einer vielbeachteten Reportage für ihr erstes Buch zu verwenden, so sehr führt er in die Irre. Es geht darin nicht um eine weitere Warnung vor fundamentalistischen Jung-Machos aus muslimisch geprägtem Hause, die Mitschüler mit „haram!“-Rufen auf die Scharia verpflichten wollen und manche Lehrer finster in die Zukunft Europas blicken lassen.

Melisa Erkurts Buch ist vielmehr als Gegenschrift zu Bestseller-Erlebnisberichten wie „Kulturkampf im Klassenzimmer“ von Susanne Wiesinger oder „Eine Lehrerin sieht rot“ von Doris Unzeitig konzipiert. Auch Erkurt hat als Lehrerin gearbeitet, auch sie argumentiert scharf, doch ihr Buch ergreift Partei für die ihrer Meinung nach falsch verstandenen Migrantenkinder, wobei sich die geschilderten österreichischen Verhältnisse weitgehend auf Deutschland übertragen lassen.

Das Besondere an diesem Buch ist seine Perspektive einer Bildungsaufsteigerin, die verschiedene Migrantenmilieus von innen her kennt und weiß, wie es sich anfühlt, wenn man für sein gutes Deutsch gelobt wird, obwohl man zeitlebens in Österreich gelebt hat, und wie fatal es für das berufliche Fortkommen ist, mit Akzent zu sprechen. Darüber hinaus eröffnet ihr ihre Herkunft eine besonderes Gespür für alle Formen der Animosität gegen Muslime.

Das alles lernt man nicht in der Lehrerausbildung

Im Bosnien-Krieg mussten die Autorin und ihre muslimische Familie um ihr Leben fürchten, mit ihrer Mutter floh Erkurt 1992 aus Sarajevo nach Niederösterreich. Das Kind sprach im Kindergarten kein Wort, musste die neue Mehrsprachigkeit erst verarbeiten, lernte früh das Lesen lieben und wurde von einer einfühlsamen Grundschullehrerin fürs Gymnasium empfohlen. Als der Vater aus dem Krieg zu seiner Familie in Österreich stößt, darf sie zu Hause kein Deutsch sprechen und beginnt zum Ausgleich, in ihrer zweiten Sprache zu schreiben. Sie macht die Matura, studiert und zweifelt, weil ihre Eltern es aus Unerfahrenheit ebenfalls tun, bis zum Tag ihrer Prüfung, ob sie den Abschluss schafft. Durch Zufall gerät sie in den Journalismus, arbeitet heute für den Österreichischen Rundfunk und verfasst Kolumnen für die Wiener Stadtzeitschrift „Falter“ und die „taz“.

Diese Lebensgeschichte in Kombination mit einem ausgeprägten Gespür für gesellschaftliche Widersprüche prägen den Ton des Buchs. Es ist streitlustig und kämpferisch, manchmal auch spöttisch, zum Beispiel in der Frage, warum die Österreicher eigentlich in politischen Kampagnen und bei Schulspeisungen ein so großes Interesse daran zeigten, ihr Schweinefleisch mit den Muslimen zu teilen.

Der schulbezogene Befund Melisa Erkurts wird schon im Einleitungskapitel formuliert: „Es scheint, als würde das ganze Land hinnehmen, dass hier eine Bevölkerungsgruppe über Jahrzehnte hinweg auf der Strecke bleibt.“ Grund dafür sei eine tiefliegende Ignoranz gegenüber den kulturellen, sozialen und häuslichen Verhältnissen, in denen Migranten leben. Wie mit Schülern umzugehen ist, die sich mit Geschwistern ein Zimmer, einen Computer und eine schlechte W-Lan-Verbindung teilen, lerne man nicht in der Lehrerausbildung. Aus Erkurts Sicht passt der gängige Schulunterricht vor allem in den stark migrantisch geprägten Städten und Bezirken nicht mehr zur Realität. Schulen müssten sich daher anpassen, müssten sich „von der Illusion verabschieden, die Eltern mit ins Boot holen zu können“, schreibt Erkurt. Das Beharren darauf zerstöre lediglich Bildungschancen der Kinder.

Melisa Erkurt: „Generation haram“. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben. Paul Zsolnay Verlag
Melisa Erkurt: „Generation haram“. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben. Paul Zsolnay Verlag Bild: Verlag

Beeindruckend sind die vielen Hintergrundgeschichten, die die Autorin aus ihrer Zeit als Lehrerin berichtet. Sie schildert eindrücklich den Druck, der auf muslimischen Mädchen, ob mit oder ohne Kopftuch, lastet. Die klügsten und augenöffnenden Sätze des Buches aber betreffen die jugendlichen Provokateure mit Migrationshintergrund, die Erkurt mit großer Empathie betrachtet: „Weil manche von ihnen sich wie Machos und Patriarchen aufführen, vergisst man oft, dass sie die Rolle spielen, die man ihnen abnimmt.“ Sie wüssten, „dass sie nicht mithalten können“, und reagierten daher „mit Provokation, veralteten Rollenbildern, gefährlichen Verhaltensvorschriften, Demokratiefeindlichkeit“. Zumindest in einem Punkt könnten sich viele dieser Benachteiligten, das lernten sie früh, mächtig fühlen: „Der Islam steht für sie für die Macht über die Ängste der anderen.“ In gezielten Provokationen spielten sie mit diesen Ängsten.

Erkurt beschönigt die Auswüchse dieser Haltung nicht, setzt aber auf ihre Veränderbarkeit durch gezielte Maßnahmen. Sie fordert eine kostenlose Ganztagsschule mit vorgelagerter Kindergartenzeit von zwei Jahren. Lehrer müssten angeleitet werden, die psychischen Probleme von Flüchtlingen und Migrantenkindern zu erkennen. Sie müssten lernen, deren Mehrsprachigkeit und Selbständigkeit zu schätzen. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, bestimmte Frauenbilder und patriarchale Strukturen müssten im Unterricht gezielt thematisiert und diskutiert werden. Im Berufsleben sollten Migrantenquoten eingeführt werden, denn Jugendliche mit Einwanderungshintergrund brauchten Vorbilder.

Die Corona-Krise hat zu einer Verschärfung geführt

Wenig überzeugend in dem Buch ist die Rede von einem „antimuslimischen Rassismus“, auf dessen Existenz Erkurt mit dem Argument beharrt, die Religionszugehörigkeit werde heute zunehmend ethnisiert. Der Begriff aber verhärtet nur die Fronten, während Erkurts Argumentation nicht schwächer würde, wenn sie durchgehend von einer Diskriminierung migrantischer Kinder und Jugendlicher spräche. Das würde auch die Berührungspunkte mit Gleichaltrigen aus bildungsfernen Familien ohne Migrationshintergrund deutlicher machen.

Durch die Corona-Krise, die im Buch am Rande bereits vorkommt, werden einige von Erkurts Befunden bestätigt. Vielen Lehrern und Bildungspolitikern wurde die prekäre häusliche Situation mancher Schüler im Lockdown erstmals mit Nachdruck bewusst. Aus dieser Erkenntnis müssten jetzt die richtigen Schlüsse gezogen werden. Melisa Erkurts Buch zeigt, wo es über eine verbesserte technische Ausstattung hinaus anzusetzen gilt.

Melisa Erkurt: „Generation haram“. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020. 192 S., geb., 20,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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