Kolumne „Uni live“

Warum Studierende heute nicht mehr sorglos sind

Von Lina von Coburg
01.07.2022
, 13:36
Ohne Perspektive: Manchmal scheinen wir in der Einbahnstraße festzustecken.
Unser Studentenleben hat gerade wenig von der Sorglosigkeit, die man jungen Menschen sonst so nachsagt. Statt dessen stecken wir fest: in Grübeleien und Perspektivlosigkeit. Die Kolumne „Uni live“.
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Im Herbst 2014 zerrten mich meine Eltern in den damals neu angelaufenen Kinofilm „Interstellar“. Ich will es vorsichtig sagen: Meine Stimmung war angeknackst. Schließlich war ich vierzehn und alles, was mich beschäftige, waren Shoppen mit meinen Freundinnen, die neue Staffel Germany’s Next Topmodell und Maxi aus der 8b. Doch als der Film begann und mich in die dystopische Geschichte von dem verwitweten Hauptdarsteller Cooper und seiner Tochter zog, war der Groll vergessen. Ich wurde in eine Zukunft hinein katapultiert, in der das Leben auf der Erde bald unmöglich sein würde. Starke Umweltbelastungen, der technische Niedergang und knapp werdende Lebensmittel belasten in dem Film die Menschheit, sodass sich Cooper mit einigen anderen auf die Suche nach einem Plan B – einem anderen lebensfähigen Planeten – begibt. Damals war ich wie berauscht. Doch all die Notlagen, die der Film schilderte, schienen mir weit weg.

Fast zehn Jahre später kommt mir das regelrecht naiv vor. Natürlich herrschte auch damals auf der Welt nicht nur Frieden und Sorglosigkeit. Berichte über den Klimawandel waren längst in den Medien allgegenwärtig, der Russland-Ukraine-Konflikt wurde mit der Krim-Krise entfacht. Dennoch schien, vielleicht auch meinem Alter geschuldet, früher alles noch nicht so überladen mit Negativ-Schlagzeilen.

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Klima, Krieg, (Corona-)Krise – die drei übermächtigen K-Wörter, die sich derzeit über jeden noch so optimistischen Geist legen, spuken mittlerweile ständig in meinem Kopf umher. Permanente mediale Dauerbeschallungen und aufploppende Push-Benachrichtigungen auf dem Smartphone lassen mich nie vergessen, dass die Welt gerade im Überlebensmodus ist. Da fällt ein Satz wie „Krise kann auch geil sein“, geschrieben vom deutschen Influencer und Musiker Fynn Kliemann mehr als auf. Und egal wie gemeint oder aus dem Kontext gerissen denke ich nur: Leider nein, so gar nicht.

Innere und äußere Krisenzustände

Gerade wir jungen Studierenden leiden unter der aktuellen Lage. Denn anders als im Film, gibt es keinen Plan B – weder für die Erde noch für unsere Zukunft. Dass sich angesichts dessen Gefühle des Kontrollverlusts oder gar der Perspektivlosigkeit einstellen ist mehr als naheliegend, finde ich. Schließlich ist es kaum mehr möglich, sich die eigene Zukunft vorzustellen, ohne über finanzielle Sorgen, Erderwärmung oder einen sich potentiell noch weiter ausbreitenden Krieg zu stolpern.

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Neben diesen weltlichen Krisenzuständen durchleben viele von uns eine weitere, weitaus subtilere und kaum sichtbare Krise – die sogenannte „Quaterlife-Crisis“. So nennen Fachleute einen psychischen Krisenzustand in der Altersphase zwischen 21 und 29, der permanenter Unsicherheit geschuldet ist. Fragen wie „Was will ich nach dem Studium machen?“ – „Treffe ich gerade die richtige Entscheidung für meine Zukunft?“ – „Entwickle ich mich gerade so wie ich sollte?“, rücken in den Vordergrund und scheinen nach Antworten zu verlangen. Die aktuellen Krisen der Welt verschmelzen so mit inneren Krisen und Konflikten und lassen uns Studenten zuweilen mit dem Gefühl blanker Überforderung zurück.

Diese diffusen Krisenzustände junger Menschen lassen sich sogar in Zahlen fassen. In der Trendstudie „Jugend in Deutschland“ etwa berichten fast die Hälfte der Befragten im Alter von 14 bis 29 Jahren, sie seien gestresst. Mehr als ein Drittel fühlt sich antriebslos, ein Zehntel hat Gefühle der Hilflosigkeit. Was also tun gegen diese Wand, die uns manchmal einfach zu erschlagen droht?

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Aktiv statt ohnmächtig

Entgegen dieser Orientierungslosigkeit und Ohnmacht, scheinen viele Studierende sehr genau zu wissen, was ihnen helfen könnte – und stellen politische Forderungen. Nicht nur der durch „Fridays for Future“ angeheizte Klimadiskurs, sondern auch der Ruf nach vermehrter psychologischer Unterstützung werden lauter. Viele haben auch ganz konkrete Wünsche an die Bildungspolitik. So könnte etwa ein schon in Schulen vermittelter allgemeiner Umgang mit Stress, junge Heranwachsende in ihrem späteren (Studenten)alltag entlasten. Solche Forderungen zu äußern – egal ob auf der Straße, auf dem Papier oder anderswo – entlastet auch.

Wem es nicht genügt, sich auf diese Art zu engagieren, dem bleiben auch noch alltägliche kleine Tricks und Kniffe zur Selbsthilfe. So ist es vielleicht manchmal schwer, das Smartphone beiseite zu legen. Es hilft aber ungemein, mal nicht auf die nächste Aktualisierung der Nachrichten-App zu warten – oder auch seine eigenen Unsicherheiten, die Zukunft und sich selbst betreffend, anderen zu offenbaren. Vielleicht ist das nicht viel und beruht vor allem auf Selbstverantwortung. Aber es verspricht zumindest eines: ein wenig Frieden für die eigene Seele.

Lina von Coburg (22 Jahre alt) studiert im Bachelorstudiengang Publizistik in Mainz. Neben ihrem Studium schreibt sie Gedichte, philosophiert über das Leben und macht sich Gedanken darüber, wie man als angehende Journalistin bestehen kann.

Quelle: FAZ.NET
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