Leben und Arbeiten in Reykjavik

Reykjavik hat mehr Tageslicht als Miami

Von Robert von Lucius
28.06.2004
, 07:00
Mehr als die Hälfte der Isländer lebt in und um Reykjavik
Risikobereiten Deutschen bieten sich in Islands Hauptstadt nicht nur gute Karrieremöglichkeiten, sondern auch ein ein relativ streßfreies und selbstbestimmtes Leben.
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Vulkane, Sagen, Geysire, Islandpferde, eine urtümliche Sprache: Zu Island kommen zuhauf Assoziationen, auch bei jenen, die nie auf der Insel waren. Alles scheint dort etwas anders. In welcher anderen als der nördlichsten Hauptstadt der Welt gibt der Bürgermeister um Mitternacht einen Empfang, und um ein Uhr morgens üben Jugendliche auf dem Ingolfstorg mit ihrem Skateboard.

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Der einzige Zeitpunkt, da Reykjavik einen echten Verkehrsstau erlebt, ist zwei Uhr morgens samstags und sonntags früh, wenn Autos hupend durch die Kneipenstraße Laugavegur fahren auf der Suche nach einem Parkplatz, den sie eine Parallelstraße weiter leicht finden könnten. Wenn der Sommer kommt mit dem immerwährenden Licht, scheinen die Hormone sich zu verändern, Island erlebt einen Auf- und Ausbruch. Dabei mangelt es trotz düsterer Winter und beständigen Windes nicht an Helligkeit: Im Jahresverlauf hat Reykjavik mehr Tageslicht als Miami oder Rio de Janeiro.

Isländer sind weltoffen und neugierig

So ist die Gruppe der Liebhaber der Atlantikinsel groß, die geographisch und geologisch an der Scheide zwischen Europa und Amerika liegt, kulturell aber Teil Europas ist. Aber bei nur wenigen wird die Zuneigung so groß, daß sie zum Arbeiten auf die Insel wechseln. Meist ist der Grund dann eine Ehe oder Partnerschaft; ohne sie ist eine feste soziale Einbindung schwer. Die Kluft zwischen Sehnsüchten und Möglichkeiten ist enorm, auch wenn das nicht an fehlendem Willen oder an einer Fremdenscheu liegt: Isländer sind vom Naturell her weltoffen und neugierig, mit einem Schuß von Mittelmeer und fehlender Organisation. Irgendwie klappt alles, aber es kann dauern, und Geduld ist vonnöten.

Der Grund für geringe Arbeitsmöglichkeiten ist einfach: Das Land ist zwar groß, die gesamte Bevölkerung aber mit 290 000 Menschen so klein, daß kaum ein ausländisches Unternehmen dort eine Niederlassung hat, der Markt ist einfach zu schmal. Derzeit gibt es nur ein einziges deutsches Tochterunternehmen auf Island, eine südwestdeutsche Gruppe für Werkzeuge und Maschinen, und auch deren deutscher Geschäftsführer wird bald von einem Isländer ersetzt. Dann ist offenbar der einzige Deutsche, der direkt von einem deutschen Konzern bezahlt und in dessen Obhut tätig ist, ein Ingenieur, der am Wasserstoffauto werkelt, und auch er hat nur einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag.

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Deutsche bilden die zweitgrößte Ausländergruppe

Deutsche Markenzeichen sind zwar viele zu sehen in der Stadt, die dank des Drangs ins Grüne und zu Einfamilienhäusern eine größere Fläche besitzt als San Francisco; aber die Handels- und Importhäuser werden von Isländern betrieben. Wer also in Reykjavik arbeiten will, muß risikobereit sein und auf die Einbindung in das deutsche Pensions- und Sozialsystem verzichten. Selbst für den Leiter des Goethe-Zentrums gilt das, eines der wenigen aktiven und sichtbaren Bindeglieder zur "alten Heimat". Ansonsten steht es mit dem Zugang zu Deutsch schlecht, will man nicht nur auf die Botschaft, die Germanisten an der Universität und die vielen Touristen angewiesen sein. Eine der beiden großen Buchhandlungen hat eine Abteilung mit deutscher Literatur, vorwiegend Krimis, deutsche Tageszeitungen aber gibt es nicht zu kaufen. Immerhin: Das Fernsehen überträgt samstags ein Bundesligaspiel live.

So sind viele der etwa 600 Paßdeutschen in Reykjavik - bis zu 1500 oder 2000 Deutsche gibt es insgesamt, sie bilden damit die zweitgrößte Ausländergruppe - in die Gesellschaft integriert. Das setzt das Erlernen der Sprache voraus, die an das Althochdeutsche erinnert und daher beim Lesen Wiedererkennung ermöglicht. Das Sprichwort "Morgunstund gefur Gull i Mund" bedarf kaum einer Übersetzung. Fast jeder in der Hauptstadt spricht zwar Englisch, alles findet aber auf isländisch statt. Bisweilen helfen Isländer ihren Besuchern, etwa der Kaffeehausbesitzer an der Laugavegur, der über seiner Tür auf isländisch, englisch und deutsch stehen hat "Führe uns in Versuchung".

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Viele üben mehrere Berufe nebeneinander aus

Er ist Teil des über die Landesgrenzen hinaus legendären Wochenend-Nachtlebens, das 180 Bars und Restaurants für etwa 180000 Menschen im Großraum Reykjavik gestalten. Auch das kulturelle Angebot ist herausragend in einer Stadt mit der gleichen Bevölkerungszahl wie Hamm, die allein vierzehn Kunstmuseen bietet und innerhalb eines Monats nicht nur ein Kunstfestival mit internationalem Niveau organisiert, sondern auch Bands wie Kraftwerk und Pixies anlockt.

Isländer leben zwar intensiv, sie arbeiten aber auch hart und lang, und viele üben gleich mehrere Berufe nebeneinander aus. Wenn jemand über die 40-Stunden-Woche reden will, lachen sie breit und ungläubig. Wer am Feiertag einen Mitarbeiter des staatlichen Geologiediensts erreichen will, muß im Büro anrufen. Jungen Deutschen mit Elan und Sprachbegabung bieten sich innerhalb kurzer Zeit bei Banken und auch in der Staatsverwaltung Berufschancen, die ihnen in der Heimat verwehrt blieben. Ein junger Optiker, der 1981 nur wußte, daß das Regentief stets aus Island kam, und nur kurz dort arbeiten wollte, bekam nach zwei Wochen das Angebot, den Betrieb zu übernehmen, und blieb hängen. Jetzt spürt er nach drei Urlaubswochen in Deutschland Heimweh nach Island, dessen soziales Schutzsystem er für gut und gerecht hält.

Arbeitsmarktlage für Ausländer ist nicht gut

Isländer haben nicht nur eine hohe Geburtenrate, sondern auch eine der international längsten Lebensalter. Die Naturverbundenheit, reines Wasser und saubere Luft - fast die gesamte Energie kommt aus der Erdwärme - tragen dazu bei, aber auch ein relativ streßfreies und selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft, die Kriminalität kaum kennt.

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Einiges mag abschrecken, zum Beispiel die dank der langen Transportwege hohen Preise. Die Löhne sind nicht hoch, auch wenn Isländer nach der Statistik ein international hohes Lebenshaltungsniveau haben. Das voll staatliche Gesundheitssystem ist solide, für den Zahnarzt aber muß jeder selbst aufkommen. Das Ausländergesetz - sieben Prozent der Bewohner sind Ausländer - wird beständig verschärft, zuletzt im Mai. Auslandsschulen gibt es nicht, alles wird auf isländisch unterrichtet.

Die Gesellschaft ist so klein, daß es schwerfällt, anonym zu bleiben, wenn man das möchte. Bürokratische Hürden sind anfangs hoch, besonders ohne eine für alles erforderliche Personenkennziffer, und noch mehr, wenn man nicht aus Europa kommt. Die Arbeitsmarktlage für Ausländer ist nicht gut. Vor allem ungelernte Arbeitskräfte in Fischfabriken werden gesucht und im Sommer Hilfsbeschäftigungen im Fremdenverkehr und in der Landwirtschaft. Für Bürger der EU ist eine Aufenthaltsgenehmigung - und damit Arbeitserlaubnis - nur erforderlich bei Arbeiten von mehr als drei Monaten.

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