Ärzte der Zukunft

Der Brotberuf der Begabten

Von Christina Hucklenbroich
03.05.2011
, 14:35
Die Bewerberzahlen für das Medizinstudium explodieren, der Numerus clausus schießt nach oben. Vor allem talentierte Frauen versprechen sich von dem Beruf eine sichere Zukunft. Porträt einer Ärztegeneration.
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Das Florence-Nightingale-Semester kommt in Turnschuhen und Jeans, T-Shirts und grauen und blauen Kapuzensweatern - die Uniformen von Menschen, die sich nicht über Äußerlichkeiten definieren wollen. Nur die Turnschuhe unterscheiden sich. Manche sind schlicht und sportlich, manche pink oder mit Blumenmuster. Die Turnschuhe bahnen sich ihren Weg durch Linden- und Eichenlaub, vorbei an der Augenklinik und am Zentrum für Reproduktionsmedizin. Es ist ein warmer Oktobertag, die Bäume entlang der Domagkstraße in Münsters Klinikenviertel leuchten in allen Gelbtönen, der Himmel in Graublau, als ob es jeden Moment regnen könnte, aber es wird den ganzen Tag kein Tropfen fallen. Für das Florence-Nightingale-Semester ist dieser Tag der erste des Medizinstudiums.

Medizinstudenten in Münster: Studienplätze sind rar, der Wettbewerb groß.
Medizinstudenten in Münster: Studienplätze sind rar, der Wettbewerb groß. Bild:

Es ist das dreißigste Mal, dass die Uni Münster einem Medizinerjahrgang einen Namenspatron an die Seite stellt. In den vergangenen Jahren gab es unter anderem das Gerhard-Domagk-Semester und das Rita-Levi-Montalcini-Semester. „Wir suchen immer den Namen eines berühmten Arztes oder einer berühmten Ärztin aus“, hat der Pressesprecher der Medizinerfakultät am Telefon erzählt. „Naja“, hat er hinzugefügt, „mit den berühmten Ärztinnen ist es manchmal etwas schwierig. Es gibt nicht so viele.“ Deshalb hat man in diesem Wintersemester auf die berühmte britische Krankenschwester Florence Nightingale zurückgegriffen.

„Man hat später viele Möglichkeiten“

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Die 80 Mädchen und 57 Jungen, die zum Florence-Nightingale-Semester gehören, treffen in der Auffahrt des Dekanatsgebäudes zusammen, eines mächtigen Klinkerbaus mit sandsteingefassten Fenstern. Man versammelt sich in kleinen Grüppchen, wer allein steht, wird schnell angesprochen. Auch die Journalistin. „Ich stell mich mal hier dazu“, sagt Hannah. Ihre Turnschuhe sind dunkelblau. Sie ist neunzehn und kommt aus Köln. Sie spielt Klavier und Fußball. Für das Medizinstudium hat sie sich schon früh entschieden. „So in der neunten, zehnten Klasse“, sagt sie. Sie will Ärztin werden, weil sie glaubt, dass es ihr Spaß machen wird. „Man hat später viele verschiedene Möglichkeiten, und man hat viel mit Menschen zu tun.“ Hannahs Leistungskurse waren Biologie und Psychologie. Ihr Abitur hat sie im Frühjahr mit der Note 1,0 abgelegt. Es war das beste Abitur ihrer Schule.

Hannah ist kein Zufallstreffer. Sechzig Prozent der angehenden Ärzte, die an diesem Mittwochmorgen in Münster im Herbstlaub stehen, haben die Abiturnote 1,0. „Wir mussten in diesem Jahr achtzig Bewerber ablehnen, obwohl sie ein 1,1-Abitur hatten“, sagt Bernhard Marschall. Der 46 Jahre alte Chirurg ist seit acht Jahren Studiendekan der Mediziner in Münster. Er steht im Dekanatshörsaal und wartet darauf, dass die Erstsemester eintreffen und die aufsteigenden Sitzreihen vor ihm füllen.

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Vierzigtausend Abiturienten wollten im Sommer 2010 Medizin studieren

Vierzigtausend Abiturienten haben sich gleichzeitig mit den jungen Leuten aus dem Florence-Nightingale-Semester für einen Medizinstudienplatz beworben - so viele wie nie zuvor. Es ist der vorläufige Gipfel einer langjährigen Entwicklung. Mitte der neunziger Jahre war die Bewerberzahl auf einen Tiefpunkt gesunken: Nur fünfzehntausend Abiturienten wollten noch Medizin studieren. Seitdem ist die Bewerberzahl fast kontinuierlich angestiegen. Das trieb den Numerus clausus nach oben, vor allem an begehrten Fakultäten wie Münster, Berlin oder Heidelberg. Es kam schon vor, dass selbst noch unter den Kandidaten mit der Note 1,0 noch gelost werden musste.

„Nach dem Examen ist alles offen”: Manche Ärztinnen werden Schauspielerin - wie Maria Furtwängler...
„Nach dem Examen ist alles offen”: Manche Ärztinnen werden Schauspielerin - wie Maria Furtwängler... Bild: dpa

Bernhard Marschall muss sich seitdem oft fragen lassen: Werden das denn die besseren Ärzte? Und er muss seine Studenten verteidigen: gegen den Verdacht, sie seien eine abgehobene, volksferne Elite, Mediziner aus dem Elfenbeinturm, Hochbegabte ohne Sozialkompetenz. Er tut es ebenso leidenschaftlich wie routiniert, er beschwört Zahlen, Zensuren und Studien. „Unsere Einsnuller“, sagt Marschall, „das sind keine grauen Mäuschen, sondern vielseitig begabte junge Leute.“

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Gute Abiturnote, gute Softskills

An der Uni Münster argumentiert man außerdem mit dem Studienhospital, einem umgebauten Schwesternwohnheim, in dem Schauspieler Patienten mimen und Medizinstudenten ärztliche Gesprächsführung trainieren. Für den Umgang mit den Patienten gibt es hier Zensuren. Es habe sich gezeigt, dass diejenigen, die über die Abiturnote ihren Studienplatz erhielten, auch in den sogenannten Softskills nicht schlechter abschnitten als die Studierenden, die in ihrer Wartezeit bereits Berufserfahrungen gesammelt hätten, sagt Marschall.

In einer Studie will man an der Uni Münster jetzt die Hypothese überprüfen, dass die Medizinstudenten mit dem Spitzenabitur insgesamt breit begabt sind, dass sich unter ihnen überdurchschnittlich viele „Jugend musiziert“-Gewinner finden, Nachwuchssportler auf Nationalkaderniveau, junge Mitglieder in Parteien, Vorsitzende von kirchlichen Landesjugendvertretungen, Mathematikolympiaden-Finalisten. Die ersten Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass diese Annahme stimmt: dass die jungen Leute, die am vielseitigsten begabt sind, nicht Banker oder Lehrer werden, nicht Anwalt, Ingenieur oder Künstler. Sie werden heute Arzt.

Kommt die Landarztquote?

Aber man kann es auch anders betrachten: Innerhalb von fünfzehn Jahren hat sich die Anzahl der Abiturienten, die sich für ein Medizinstudium bewerben, fast verdreifacht. Das Nadelöhr Zulassung ist dadurch immer enger geworden. So eng, dass heute nur noch die mit den Spitzennoten durchkommen.

...und manche Ärzte werden auch Wirtschafts- oder Arbeitsminister - wie Ursula von der Leyen und Philipp Rösler.
...und manche Ärzte werden auch Wirtschafts- oder Arbeitsminister - wie Ursula von der Leyen und Philipp Rösler. Bild: dpa

Es gibt Stimmen in der Politik und auch in der Ärzteschaft selbst, die diesen Prozess gern rückgängig machen würden. Bald könnte den deutschen Hochschulen etwa eine Landarzt-Quote ins Haus stehen. Gesundheitsminister Rösler plant, Studienplätze für junge Leute mit mäßigem Abitur zu reservieren, die bereit sind, Patienten in entlegenen Gegenden zu versorgen. Auch manch eine Landesärztekammer fordert von den Medizinerfakultäten, Auswahlgespräche mit Bewerbern zu führen, um den Numerus clausus zu lockern. Nur zwanzig Prozent der Studienplätze sind nämlich für die „Abiturbesten“ vorgesehen. Weitere sechzig Prozent der Studierenden dürfen die Hochschulen sich selbst aussuchen. Sie müssen in ihre Auswahlkriterien allerdings die Abiturnote zu mindestens 51 Prozent einfließen lassen. Viele Hochschulen, auch Münster, lassen sich von der zentralen Vergabestelle allerdings schlicht die „Nächstbesten“ nach den Abiturbesten schicken. Sie verzichten auf ihr Recht, Tests oder Auswahlgespräche durchzuführen, womit man den Numerus clausus immerhin um ein paar Zehntel würde drücken können.

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Der Beruf zieht Frauen an

Marschall, der Studiendekan in Münster, deutet die Bewerberschwemme und den hohen Anteil an Spitzenabiturienten im Semester hingegen als etwas, was sich nicht so leicht aufhalten lässt: als Symptom eines Generationswechsels. „Mein Eindruck ist, dass dieser Beruf, der früher für viele ein Karriereberuf war, heute zu einem Versorgungsberuf geworden ist“, sagt er. Die Medizin bediene inzwischen Bedürfnisse nach einem sicheren Job und Vereinbarkeit mit der Familienplanung. Gerade in Krisenzeiten würden solche sicheren Berufe stärker nachgefragt. „Altruismus und Abgesichertsein - das sind Vorstellungen, die viele Studienbewerber mit dem Arztberuf verbinden.“ Und die Folgen? Marschall formuliert es vorsichtig. Inzwischen sei der Beruf „femininer“ geworden, sagt er.

Auch diese Schauspielerin hat Medizin studiert: Christiane Paul
Auch diese Schauspielerin hat Medizin studiert: Christiane Paul Bild: dpa

Dreiundsechzig Prozent der Erstsemester im Fach Medizin sind inzwischen Frauen. Bei den berufstätigen Ärzten ist der Frauenanteil in den vergangenen zwanzig Jahren kontinuierlich von einem Drittel auf mehr als vierzig Prozent geklettert. Es sind Frauen mit vielen Begabungen, die entschlossen sind, für sich zu sorgen. Bereit, sich etwas zuzumuten.

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„Nicht der schlechtbezahlteste Beruf“

Eva gehört zu diesen gut vierzig Prozent. Sie ist 27 und Assistenzärztin. Derzeit ist sie im zweiten Jahr der Facharztausbildung an einem großen deutschen Krankenhaus. „Die Einsnuller“, sagt Eva, „das sind nicht die Leute, die das große Geld wollen. Es sind eher Leute, die immer auf Nummer Sicher gehen. Schon um einen Schnitt von 1,0 im Abi zu bekommen, muss man ja planen.“ Zu der Gruppe der Bewerber mit dem 1,0-Abitur, über die sie fast ein wenig spöttisch spricht, gehörte sie vor neun Jahren selbst. „Es gibt zwar auch andere Studienfächer, die interessant sind“, sagt sie. „Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftsinformatik zum Beispiel. Aber das trauen sich viele nicht, auch wenn sie ein 1,0-Abitur haben. Informatik, das kann ja kaum einer.“ Sie grinst, als sie hinzufügt: „Da haben die Einsnuller dann Angst, dass die Nerds sie übertrumpfen.“ Ärztin, sagt sie, sei ein Beruf, der zu einem Wunsch nach Sicherheit passe: „Ein sicherer Beruf. Und es ist ja auch nicht der schlechtbezahlteste Beruf.“

Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen ist ebenfalls Arzt.
Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen ist ebenfalls Arzt. Bild: dpa

Als Eva sich im Jahr 2002 für Medizin immatrikulierte, galt der Arztberuf nicht als sonderlich gut bezahlt. Gerade erst war das Gerede von der Ärzteschwemme der neunziger Jahre verstummt, die Vorstellung vom taxifahrenden Arzt verschwand langsam. Ärzte an Krankenhäusern wurden noch nach dem Bundesangestelltentarifvertrag entlohnt. Sie verdienten nicht mehr als andere Akademiker im öffentlichen Dienst, arbeiteten aber länger und trugen mehr Verantwortung. Wer die Approbation haben wollte, musste nach dem Examen noch immer als „Arzt im Praktikum“ arbeiten: Anderthalb Jahre Dienst im Krankenhaus für kaum mehr als tausend Euro brutto. In der Öffentlichkeit wurde der „AiP“ zum Symbol dafür, dass junge Ärzte schlecht verdienten. Ende 2004 wurde der „AiP“ abgeschafft. Im Herbst 2005 schließlich lösten sich die Ärzte aus der Tarifgemeinschaft mit Verdi.

Berufseinstieg mit 3900 Euro brutto nach der Uni

Beim Marburger Bund spricht man heute von der „historischen Hauptversammlung“, wenn die Ablösung erwähnt wird. Im Jahr darauf gingen die Ärzte monatelang auf die Straße, bis die Arbeitgeber in einen eigenen Ärztetarif einwilligten. „Arztspezifisch“ nennen die Berufsverbände die damals verabschiedeten Verträge; von „Wertschätzung“ ist oft die Rede - für die Leistungen, die Ärzte erbringen, und für die besonderen Belastungen, denen sie unterworfen sind: Nachtdienste, Dauerstress, Verantwortung für das höchste Gut: das Leben von Menschen.

Die WM-Hymne „Schland o Schland” des jungen Arztes Christian Landgraf (Mitte) wurde 2010 ein Sommerhit
Die WM-Hymne „Schland o Schland” des jungen Arztes Christian Landgraf (Mitte) wurde 2010 ein Sommerhit Bild: dpa

Diese Verträge gelten beim Marburger Bund bis heute als der entscheidende Schritt: Junge Ärzte steigen heute nach dem Examen an Unikliniken mit einem Gehalt von 3900 Euro ein; das Gehalt wird bis zum sechsten und letzten Jahr der Facharztausbildung auf 4800 Euro angehoben. An kommunalen Krankenhäusern liegt es etwas darunter. Nach der Assistenzzeit trägt man den Facharzttitel, etwa für Kinderheilkunde, für Gynäkologie oder für Psychiatrie. Wer den Arztberuf wählt, bekommt jetzt etwas, was in anderen Berufen nicht selbstverständlich ist: eine Laufbahn. Eine Jobgarantie. Und, sagt Eva, erst einmal auch so etwas wie die Illusion von Freiheit. „Wenn du Medizin studierst, ist alles so offen wie nach dem Abitur“, sagt sie. „Vielleicht gehst du in die Forschung, vielleicht in die Pharmaindustrie, vielleicht zu McKinsey.“

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Man macht nichts falsch, wenn man Medizin studiert

Das mag die Sogkraft erklären, die der Beruf auf die vielseitig Begabten ausübt. Diese Gruppe auf einen anderen Weg zu lotsen, ist inzwischen schwierig geworden. Christian Landgraf zum Beispiel ist 30 und seit zwei Jahren Arzt. Wenn es nach der Deutschen Physikalischen Gesellschaft gegangen wäre, dann wäre er heute Physiker. Beim Abitur verlieh ihm der Physikerverband einen Preis für die beste Physikleistung der Schule, verbunden mit einem Jahresabo des „Physik Journals“ und einem Vieraugengespräch bei einem Bielefelder Physikprofessor, der Landgraf für das Physikstudium gewinnen sollte. Es gelang nicht. „Das war damals die Phase, als ich eigentlich noch Musik studieren wollte“, sagt Landgraf heute. Mit fünf Jahren hatte er mit dem Klavierspielen begonnen, später gewann er Preise bei „Jugend musiziert“, als Jugendlicher war er das unumstrittene musikalische Talent seiner Schule.

Im Jahr 2006 gingen die deutschen Mediziner monatelang für einen eigenen Ärztetarif auf die Straße - mit Erfolg
Im Jahr 2006 gingen die deutschen Mediziner monatelang für einen eigenen Ärztetarif auf die Straße - mit Erfolg Bild: dpa

Anderthalb Jahre nach dem Abitur schrieb er sich schließlich an der Uni Münster ein - für Medizin. „Medizin hatte ich immer irgendwie im Hinterkopf“, sagt Landgraf. „Ich wusste, dass ich es bewältigen würde, weil ich in der Schule gut in den Naturwissenschaften gewesen war. Und man hat ja auch nicht gerade das Gefühl, dass man was falsch macht, wenn man Medizin studiert.“

Aus der Zeitungsredaktion ins Medizinstudium

So vertagte Landgraf die Entscheidung, ob er Künstler oder Wissenschaftler werden sollte. Er schloss sich während des Studiums einer Funk-Band und einem Jazz-Trio an und jobbte als Barpianist. Nach dem Examen entschied er sich für eine Promotion und experimentierte nebenbei weiter mit seiner musikalischen Begabung. Dabei wurde er fast ein bisschen berühmt. Im vergangenen Sommer schrieb er das Lied „Schland O Schland“, einen Song zur Fußball-WM mit der Melodie von Lena Meyer-Landruts „Satellite“. Als das Video, das er mit seinen Freunden gedreht hatte, bei Youtube 500 000 Mal angeklickt worden war, bekam Landgrafs Band einen Plattenvertrag. Die Medizin hat ihm etwas erlaubt, was junge Menschen nur vor dem Schulabschluss erleben können: viele Talente zu haben, ohne sich für eine einzige Zukunft entscheiden zu müssen. Und ohne auf den Brotberuf verzichten zu müssen.

Josephina Maier ist früher oft gefragt worden, was sie aus ihrem Leben machen will. Sie übersprang zwei Klassen und machte mit siebzehn in Freiburg ihr Abitur mit der Note 1,3. Danach studierte sie in Darmstadt Wissenschaftsjournalismus, ein medienwissenschaftliches Fach, das zugleich Grundlagen in Biologie, Chemie und Physik vermittelt. Sie schloss es mit dem Bachelor ab. Ich traf sie im Sommer 2008 auf einer Tagung in Barcelona, unter den Journalisten war sie die Jüngste. „Ein Bachelor in Wissenschaftsjournalismus - glaubst du, das reicht, um beruflich Fuß zu fassen?“, fragten viele Kollegen unverblümt. Als es ihr einmal zu viel wurde, sagte sie: „Ich bin erst einundzwanzig. Ich kann immer noch Medizin studieren.“ Sie fand kurze Zeit später eine Stelle als „feste Freie“ bei der „Zeit“, wo sie über Zebrafische, Nanotechnologie und Gehirn-Doping schrieb. „Das lief alles wie von selbst, ich hatte mit zweiundzwanzig einen Beruf, den ich toll fand“, sagt sie.

Eine flexible und doch verlässliche Karriereplanung

Jetzt ist sie gerade vierundzwanzig geworden und macht im Sommer ihr Physikum in Hamburg. Ihre Stelle bei der „Zeit“ hat sie aufgegeben, um Medizin zu studieren. Einmal im halben Jahr schreibt sie noch einen großen Artikel, ihre Miete verdient sie sich mit zwei Kolumnen in der „Badischen Zeitung“. Die Hamburger Fakultät hat sie in ein Exzellenzprogramm aufgenommen, das für die besten zehn Prozent eines Semesters vorbehalten ist; sie hat jetzt eine Mentorin, die eine Arbeitsgruppe zu den Themen Schmerz und Placebo leitet. So will man begabte Studenten früh für die Forschung begeistern. Ob sie sich dafür entscheiden, in den Journalismus zurückkehren oder aber Kinderärztin wird - Josephina Maier möchte sich noch nicht festlegen. Sie hat auch nicht das Gefühl, dass sie es schon müsste.

Eine flexible und doch verlässliche Karriereplanung, das sei es, was die Nachwuchsärzte wollten, sagte der Leiter einer großen Universitätsklinik im März auf dem Kongress der deutschen Kinder- und Jugendpsychiater in Essen. Er sprach auf einer der typischen Vortragsveranstaltungen zur Zukunft des Faches, die die Kongresse des Berufsstandes prägen: überschrieben mit dem Titel „Quo vadis?“. Hauptthema: der Nachwuchsmangel. „Wir spüren den Ärztemangel ständig“, wandte sich der Klinikleiter an seine Kollegen. „Fragen Sie mal einen normalen Arzt, ob er samstags zu einem Symposium in die Klinik kommen will, um die Anwesenheitsliste zu führen und den Beamer wegzuräumen. Dann werden Sie merken, dass die Prioritäten sich verschoben haben.“

„Der Arbeitsmarkt ist entspannt“

Unter den jungen Ärzten lässt sich ein neues Selbstbewusstsein ausmachen, auf das sich die ältere Generation erst einstellen muss. Im Medizinerforum medi-learn.de, in dem sich junge Ärzte austauschen, fragt „carishima“, ob sie es riskieren könne, noch während der Facharztausbildung schwanger zu werden. „Was halten die Chefärzte davon, wenn man einige Monate gearbeitet hat und dann schwanger wird?“, schreibt sie. „Sobald Kinderwunsch da ist: zulassen“, antwortet eine andere junge Frau knapp und begründet: „Der Arbeitsmarkt ist entspannt und am Ende des Lebens fragt einen keiner, in welchem Alter man den Facharzt gemacht hat.“ Es ist ein Ton, den man selten antrifft anderswo in der Arbeitswelt.

Die Freiheit, wählen zu können, zieht nicht nur die 1,0-Abiturienten an, sondern auch viele mit schlechteren Noten. Nur für achtzig Prozent der Studenten ist die Abiturnote entscheidend. Die restlichen zwanzig Prozent waren so fest entschlossen, dass sie Wartesemester sammelten oder schon ein erstes Studium absolviert haben, dessen Note dann statt der Abiturnote herangezogen wird.

Vom Halbgott in Weiß zum soliden Frauenberuf

Bernhard Marschall hat für das Florence-Nightingale-Semester eine Begrüßungsrede vorbereitet, in der er versucht, alle Gruppen zu integrieren: Einsnuller genauso wie Langzeitwarter, Teenager ebenso wie Dreißigjährige, die es noch einmal wissen wollen. Er spricht über das Zulassungsverfahren, das so hart geworden ist, dass sich mittlerweile keiner mehr völlig darauf verlassen kann, eine Zusage am gewünschten Studienort zu bekommen. Er bietet einen Exkurs in die Geschichte des Arztberufes, der seinen Nimbus im 19. Jahrhundert erhielt, als Ärzte zu den Bezwingern der Seuchen wurden und damit zu Halbgöttern in Weiß. Und er lässt offen, wohin der Beruf sich jetzt entwickeln wird. Ob er wirklich zu dem werden wird, worauf alles hindeutet: zu einem soliden Frauenberuf. Am Ende blendet er ein Bild von Helmut Schmidt ein, der gesagt hat: „Eine Elite muss immer auch eine Elite der Verantwortung sein.“

Eine junge Frau in einer der vorderen Reihen blickt ernst, als das Wort Elite fällt. Ein 1,0-Abitur, so wie viele andere hier, habe sie nicht, sagt sie. Nur einen sehr guten Magisterabschluss in Kommunikationswissenschaften. Sie ist 26 und hat bis vor ein paar Monaten freiberuflich in der Marktforschung gearbeitet. Mit einem Medizinstudium noch einmal von vorne anzufangen sei keine leichte Entscheidung gewesen. „Ich habe mir Pro- und-Kontra-Listen gemacht“, sagt sie. Zwei Jahre dauerte der Entscheidungsprozess. Wenn sie nach so langer Zeit über ihre Motivation spricht, klingen ihre Sätze überlegt und druckreif. Vielleicht sind es dieselben Sätze, die auch in dem Motivationsschreiben stehen, mit dem sie einen der raren Plätze für Zweitstudienbewerber ergatterte. „Ich habe mich für das entschieden, was für mich am meisten Sinn macht“, sagt sie. „Medizin finde ich als Studium fachlich interessant - aber ich finde die spätere Tätigkeit auch sinnvoll.“

„Ärztin sein ist Flexibilität“

Bevor sie sich entschied, sah sie sich Stellenanzeigen für Ärzte an. „In den Stellenanzeigen für Kommunikationswissenschaftler steht immer: Wir verlangen von Ihnen.“ Ein Studium im Schnelldurchlauf, Topnoten, Auslandserfahrung. „Und das alles am besten für 500 Euro“, sagt sie. „In den Stellenanzeigen für Mediziner steht: Wir bieten Ihnen.“ Sie meint die Stellenanzeigen im „Deutschen Ärzteblatt“. Von reizvoller Landschaft ist da jede Woche die Rede, von Betriebskrippen und sehr gutem Arbeitsklima, von „Entlastung von administrativen Tätigkeiten“ und einer arbeitgeberfinanzierten betrieblichen Altersversorgung. „Ich habe mich für etwas entschieden, was ich nur mit dem Wort Flexibilität beschreiben kann. Wenn ich einmal Ärztin bin, kann ich überall arbeiten, auch im Ausland. Für mich ist das Freiheit.“

Dann verschwindet die junge Kommunikationswissenschaftlerin in einer Traube von Erstsemestern, sie wollen die Mensa besichtigen. Wenn alles gutgeht, wird sie eines Tages Teil eines Berufsstandes sein, der sich die Bedingungen nicht diktieren lassen muss. Dafür nimmt sie es in Kauf, erst mit zweiunddreißig Jahren ins Arbeitsleben einsteigen zu können. Vielleicht ist es die Lektion, die eine ganze Generation gelernt hat: Es reicht nicht, zu den Begabten zu gehören. Man muss auch zu den Gefragten gehören.

Quelle: F.A.Z.
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