Vorstoß aus Spanien

Menstruationsurlaub – Stigma oder Befreiung?

Von Natalia Wenzel-Warkentin
20.05.2022
, 10:22
In Spanien soll es Frauen künftig möglich sein, bezahlten Urlaub für extreme Menstruationsbeschwerden zu bekommen. Eine gute Idee auch für Deutschland?
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Schmerzhafte Krämpfe, Übelkeit, Durchfall – einige Frauen treffen die Begleitbeschwerden ihrer Menstruation so schwer, dass sie sich jeden Monat aufs Neue durch die Arbeitswoche kämpfen oder sich regelmäßig krankmelden müssen. Über den Grund ihrer Krankmeldung wird sich allerdings meist ausgeschwiegen. Die Menstruation ist nach wie vor schambehaftet, das Thema im professionellen Arbeitsumfeld oft ein Tabu. Der Arbeit fernbleiben zu können, wenn die Schmerzen zu stark werden, und das, ohne sich einen Grund für die Abwesenheit einfallen lassen zu müssen, davon können Arbeitnehmerinnen in Spanien seit dieser Woche träumen: Das Land will als erstes in Europa einen bezahlten sogenannten Menstruationsurlaub einführen.

Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde in dieser Woche dort offiziell vorgestellt und vom Kabinett gebilligt. Mindestens drei und höchstens fünf Tage im Monat sollen spanische Frauen dann künftig zu Hause bleiben dürfen. Ihre Beschwerden müssen sie aber von einem Arzt bestätigen lassen – der Weg führt am Ende also doch über die übliche Krankschreibung. Symbolpolitik, kritisieren die einen. Ein wichtiger Schritt zur Entstigmatisierung des weiblichen Zyklus, loben die anderen.

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Nur eine Handvoll Länder bietet Arbeitnehmerinnen heute schon ähnliche Regelungen. Sie konzentrieren sich vor allem auf den asiatischen Raum. Indonesien, Taiwan oder Südkorea haben Gesetze zum Menstruationsurlaub. Italien diskutierte 2017 darüber, doch der Entwurf scheiterte. In Japan greift ein ähnliches Gesetz schon seit 1947, eine aktuelle Umfrage aus diesem Jahr zeigt jedoch: Nur 10 Prozent der Arbeitnehmerinnen nehmen den Urlaub überhaupt in Anspruch. Viele fürchten berufliche Nachteile und Stigmatisierung. Dabei ergab eine groß angelegte, niederländische Studie von 2019, dass sich 80 Prozent der 30.000 Befragten während der Menstruation in ihrer Produktivität eingeschränkt fühlten. Obwohl die meisten angaben, regelmäßig Beschwerden zu erleiden, blieben nur 14 Prozent tatsächlich für mindestens einen Tag der Arbeit fern. Ein Drittel der befragten Frauen musste aufgrund starker Schmerzen schon einmal zum Arzt.

„Wir können den Tag nutzen, wie wir möchten“

Eine Debatte in Deutschland über Menstruationsurlaub wird nicht konkret geführt. Ein Gesetz über zusätzliche, bezahlte Urlaubstage würde hierzulande sogar gegen das Gleichbehandlungsgesetz verstoßen. Doch auch hier existieren einige wenige Unternehmen, die eigene Regelungen zu diesem Thema auf den Weg gebracht haben und es Konzernen wie Nike nachmachen. Dort gibt es den sogenannten Menstrual Leave schon seit 2007 im unternehmensinternen Code of Conduct. Die meisten anderen Unternehmen mit ähnlichen Angeboten sind junge Start-ups, die den Menstruationsurlaub als Benefit für Arbeitnehmerinnen sehen – Everdrop aus München zum Beispiel, die nachhaltige Haushaltsmittel produzieren.

Auch The Female Company aus Berlin, ein Start-up, das Periodenunterwäsche und Tampons herstellt, bietet seinen Mitarbeiterinnen passenderweise die Möglichkeit, sich aufgrund ihrer Periode offiziell krankzumelden. Einen anderen Weg geht die Kommunikationsagentur Styleheads aus Berlin mit ihren 120 Beschäftigten an zwei Standorten. Dort besteht seit einem Jahr die Möglichkeit, Periodentage zu nehmen und sich abzumelden – ohne Krankschreibung. Das System erfasst diese Tage nicht, offiziell sieht es so aus, als seien die Betroffenen da. Man wolle die Hürde, sich aufgrund von Menstruationsbeschwerden abzumelden, so niedrig wie möglich gestalten, sagt Anna Forssman. Sie ist Projektmanagerin und arbeitet seit 2005 in der Agentur. Ihr Chef und die Personalmanagerin haben sich im vergangenen Jahr zu dem Schritt entschlossen: „Wir können den Tag nutzen, wie wir möchten, und tun, was uns guttut. Für die einen ist das Sport, für die anderen ein Spaziergang, wieder andere bleiben einfach im Bett.“

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Am Anfang sei sie skeptisch gewesen. Würde überhaupt jemand davon Gebrauch machen? Die Menstruation und unser Umgang damit ist ein gelernter. Die Scham hält sich hartnäckig. Aber: „Tatsächlich wird das Angebot regelmäßig genutzt, ohne allerdings ausgenutzt zu werden.“ Nur wenige Kolleginnen Forssmans nähmen es aufgrund ihrer starken Beschwerden jeden Monat wahr. Und was sagen die männlichen Kollegen dazu? „Die sind in der Unterzahl“, lacht die 36-Jährige. Dass sich zumindest offiziell niemand deswegen beschwere, liege auch an der Haltung, die die Chefetage dazu vermittle: „Wir sehen euch, wir nehmen euch wahr. Nehmt euch den Raum, den ihr braucht. Danke, dass ihr den Scheiß trotzdem macht.“ Die Agentur beschäftigt zum Großteil Frauen, noch dazu im urbanen Raum. Wie ein mittelständischer Handwerksbetrieb auf dem Land zusätzliche freie Tage für Mitarbeiterinnen aufnähme, bleibt dagegen fraglich.

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Rückschritt auf der feministischen Agenda?

Kritik zu entsprechenden Vorhaben kommt längst nicht nur von Männern. Seit Jahrzehnten wird für die Gleichbehandlung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt gestritten. Frauen sind in Führungsetagen nach wie vor in der Unterzahl. Viele fürchten durch Menstruationsurlaub einen Rückschritt auf der feministischen Agenda. Frauen könnten langfristig nicht mehr als gleichwertig attraktive Arbeitnehmerinnen gelten und in den Ruf geraten, das Unternehmen mehr Geld zu kosten. Davor schützt hingegen die in Deutschland übliche Krankschreibung, die dem Arbeitgeber keinen Grund für die Abwesenheit liefert und es auch heute schon ermöglicht, wegen ärztlich diagnostizierter Beschwerden zu Hause zu bleiben.

Befürworter gesonderter freier Tage halten dagegen, dass die Hemmschwelle, Menstruationsprobleme als ernst anzusehen und sich deswegen auch krankzumelden, dadurch sinke. Schmerzen während der Periode werden immer noch als normal angesehen, dabei können sie auf schwerwiegende Krankheiten wie Endometriose verweisen. Etwa 15 Prozent der Frauen leiden daran, schätzen Wissenschaftler, viele bekommen die Diagnose aber erst nach jahrelangem Martyrium.

Ob der Menstruationsurlaub die richtige Konsequenz ist, darüber wird heftig gestritten. Einer der Alternativvorschläge wird spätestens seit Ausbruch der Pandemie in deutschen Büros gelebt: mehr Flexibilität durch Homeoffice. Am heimischen Schreibtisch lässt es sich für viele mit Wärmflasche und Tee etwas besser arbeiten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wenzel Warkentin, Natalia
Natalia Wenzel-Warkentin
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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