Das Ende Sigmund Freuds?

Das Monopol der Verhaltenstherapie

Von Marianne Leuzinger-Bohleber
Aktualisiert am 14.02.2020
 - 10:39
Bald ohne Freud: Die Vorherrschaft anderer therapeutischer Fachrichtungen gefährdet auch die klassische Analyse.
Der Bundesrat stimmt an diesem Freitag über die neue Psychotherapeuten-Ausbildung ab. Die Neuerungen könnten zu Einheitstherapie führen, befürchten manche – ein Gastbeitrag.

Nach mehr als zehn Jahren kontroverser Diskussion soll die Ausbildung zum Psychotherapeuten nun grundlegend verändert werden, der Bundesrat wird über die neue Approbationsordnung an diesem Freitag abstimmen. Im Herbst 2019 wurde das Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung verabschiedet. Analog zum Medizinstudium, soll ein neues, direkt zur Approbation führendes Studium zu einer Qualifizierung in den Grundlagen aller wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren für Patienten aller Altersgruppen führen.

Die psychodynamischen Verfahren, die Verhaltenstherapie und die systemische Familientherapie haben inzwischen so viele Studien zu ihrer Wirksamkeit vorgelegt, dass sie vom Wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie als „wissenschaftlich“ anerkannt wurden. Wie im Begründungstext des Gesetzes zu lesen ist, sollten alle wissenschaftlich anerkannten Verfahren ebenbürtig in das Studium einbezogen werden.

Diese Absicht wurde von vielen psychodynamisch orientierten Psychotherapeuten, den systemischen Familientherapeuten und Studenten begrüßt, weil sie hofften, damit einen zunehmenden Missstand der bisherigen Ausbildung an den Universitäten zu beheben. Fachverbände und Studenten hatten auch in einer Petition an den Deutschen Bundestag beklagt, dass im Psychologiestudium seit vielen Jahren fast ausschließlich Verhaltenstherapie gelehrt und als Therapierichtung empfohlen wurde. Doch leider zeigt die nun vorliegende Approbationsordnung, dass diese Hoffnung nicht nur enttäuscht wird, sondern sich die Missstände sogar noch zuspitzen könnten.

Gefahr der systematischen Einengung

Es besteht die berechtigte Sorge, dass die Bildung und Ausrichtung der nächsten Psychotherapeutengeneration nicht erweitert, professionalisiert und differenziert, sondern systematisch verengt werden soll. In der Approbationsordnung, die im Bundesrat zur Abstimmung steht, wird die Vielfalt der psychotherapeutischen Angebote in der Lehre nicht abgebildet. Es fehlen verbindliche Vorgaben, dass das Fachgebiet der Psychotherapie in seiner gesamten Breite im Studium vertreten sein muss und durch Hochschullehrer und Dozenten gelehrt wird, die über eine Weiterbildung in den zu lehrenden Verfahren in der jeweiligen psychotherapeutischen Richtung sowie die entsprechende Praxiserfahrung verfügen.

Ein vertieftes Verständnis und eine praktische Anschauung können nur Hochschullehrer und Dozenten vermitteln, die über das entsprechende theoretische und klinische Wissen verfügen. Die Forderung, dieser Voraussetzung in der Approbationsordnung zu entsprechen, hat auch der 35. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) am 16. November vergangenen Jahres in einer mit großer Mehrheit verabschiedeten Resolution erhoben. Doch wird sie in der Approbationsordnung nicht berücksichtigt.

Die Gefahr der systematischen Einengung des Fachgebietes der Psychotherapie ist begründet, weil 60 der 61 Professoren für Klinische Psychologie eine verhaltenstherapeutische Ausrichtung haben. Die Verhaltenstherapie und ihr Forschungsverständnis haben es den Kollegen erleichtert, ihr psychotherapeutisches Verständnis mit der Karriere in der Klinischen Psychologie zu verbinden. Doch gibt es auch andere psychotherapeutische Richtungen, die sogenannten psychodynamischen Verfahren, die durch entsprechende Studien „wissenschaftlich anerkannt“ sind. Psychodynamische Nachwuchswissenschaftler haben es weit schwerer, ihre aufwendige psychotherapeutische Ausbildung mit einer Hochschulkarriere zu verbinden.

Daher haben einige von ihnen ihre Universitätskarrieren nicht weitergeführt, sondern sich vor allem in interdisziplinären Forschungsprojekten oder in der psychodynamischen Weiter- und Fortbildung engagiert. Sie wären sehr geeignet, Studenten des neuen Psychotherapiewissenschaftsstudiums ihr eigenes Verfahren theoretisch, empirisch und bezogen auf die praktische Anwendbarkeit zu vermitteln. Das Fachwissen in den unterschiedlichen psychotherapeutischen Verfahren hat sich so sehr erweitert, dass es schwierig ist, dem Stand der Forschung und der Praxisanwendung gerecht zu werden, wenn man sich nicht in einem der Verfahren spezialisiert.

Das Ende der Unterschiede

So hat die umfangreiche empirische Studie der Psychologin Judith Lebiger-Vogel (2011) schon vor einigen Jahren gezeigt, dass die Hochschullehrer und Dozenten in Klinischer Psychologie in ihrer Lehre andere psychotherapeutische Verfahren als das von ihnen präferierte nicht „objektiv“, „neutral“ und „fair“, sondern mit einem abwertenden Unterton vermitteln. Zudem scheint Wissen zu den unterschiedlichen wissenschaftshistorischen Hintergründen und den damit verbundenen unterschiedlichen Menschenbildern, Vorstellungen von „psychischer Gesundheit und Krankheit“ und einem unterschiedlichen Forschungsverständnis kaum mehr gelehrt zu werden, Unterschiede, welche die beiden Hauptströmungen in der Psychotherapie, die psychodynamischen und die verhaltenstherapeutischen, prägen.

So ist die zentrale Schrift des Frankfurter Philosophen Jürgen Habermas (1968) nicht mehr Bestandteil der universitären Bildung heutiger Klinischer Psychologen. Er charakterisierte die Unterschiede in den Psychotherapieverfahren dadurch, dass die psychoanalytischen Ansätze aufgrund ihres Verständnisses von Forschen und Heilen einem „emanzipatorischen Erkenntnisinteresse“, die Verhaltenstherapie einem „technischen Erkenntnisinteresse“ verpflichtet seien. Stattdessen wird von einigen Klinischen Psychologen postuliert, dass eine empirisch abgestützte „Einheitspsychotherapie“ anzustreben sei. Bei näherem Hinsehen werden aber dadurch die eben skizzierten grundlegenden Unterschiede der beiden Psychotherapietraditionen zum Verschwinden gebracht.

Eine solche „Einheitspsychotherapie“ bedeutet deshalb, wie auch das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Forschungsgutachten feststellte (Strauß, 2009), einen Verlust an professioneller Kompetenz. So wurde in den mehr als hundert Jahren klinischer und empirischer Forschung in der Psychoanalyse ein breites Wissen zu den unbewussten Determinanten seelischen Leidens und ihrer Behandlung gesammelt. Es hat dazu geführt, dass wir inzwischen über weit differenziertere Behandlungstechniken und eine Diversität von psychodynamisch basierten Angeboten für Patienten verfügen als zu Freuds Zeiten.

Das Spektrum reicht von Kriseninterventionen, verschiedenen Formen von Kurzzeittherapien bis hin zu unterschiedlichen Formen der Langzeittherapie in verschiedenen Settings (für einzelne Patienten, Gruppen, Familien). Analoges gilt für die Verhaltenstherapie mit ihren lerntheoretischen Begründungen und ihrem naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma. Daher hat es einen Verlust an Professionalität zur Folge, wenn eine sogenannte „Einheitspsychotherapie“ gefordert wird, die scheinbar die Ergebnisse verschiedener „Schultraditionen“ integriert, real aber die spezifischen Praxis- und Forschungserfahrungen in höchst problematischer Weise einebnet.

Eine valide Entscheidungsgrundlage für Studenten

Auf die kommende Generation von Psychotherapeuten wird eine sich noch weiter ausdifferenzierende, komplexe Welt zukommen, mit Patienten mit neuen, komplexen Störungsbildern, die nicht „schematisch“ verstanden werden können, sondern einen innovativen, kreativen, wissenschaftlich basierten und professionellen Umgang erfordern. Wir leben in einer globalisierten, von medialen und ökonomischen Zwängen geprägten, pluralistischen Wissensgesellschaft, die vom hochspezialisierten Expertenwissen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen geprägt ist.

Dies gilt auch für den Bereich der Psychotherapie. Daher verdienen es künftige Psychotherapeuten, dass sie in ihrer universitären Ausbildung durch kompetente, gutausgebildete Vertreter der unterschiedlichen Psychotherapieverfahren für ihre komplexe Berufssituation so gut wie möglich vorbereitet werden. Es ist daher äußerst besorgniserregend, dass durch die vorgelegte Approbationsordnung die Verfahrensvielfalt an den deutschen Universitäten zum Verschwinden gebracht werden könnte.

Es geht dabei nicht, wie die Inhaber der Professuren der Klinischen Psychologie anführen, um die „Freiheit von Lehre und Forschung“, sondern um die „Freiheit, alle Teilgebiete der Psychotherapie universitär lehren zu können“, und um schwer durchschaubare Machtstrukturen. So sollen die neu zu schaffenden Stellen für den Psychotherapiestudiengang von den verhaltenstherapeutischen Lehrstuhlinhabern wiederum ausschließlich mit Vertretern der von ihnen präferierten Verhaltenstherapie besetzt werden.

Nur der Gesetzgeber könnte durch die entsprechende Änderung der Approbationsordnung garantieren, dass das Wirklichkeit wird, was er beabsichtigt: dass alle wissenschaftlich anerkannten Verfahren gleichberechtigt an der Universität vertreten und gelehrt werden. Nur dadurch haben Studenten eine valide Entscheidungsgrundlage, um für ihre sich anschließende fachpsychotherapeutische Weiterbildung das für sie persönlich und wissenschaftlich geeignetste Psychotherapieverfahren zu wählen. Gelingt es nicht, die unterschiedlichen Ausprägungen zu berücksichtigen, wird auch die wertvolle, wissenschaftlich gestützte Vielfalt der heutigen Psychotherapieangebote in der Versorgung der Patienten verschwinden. Auch sie hätten dann nicht mehr die Möglichkeit, das ihnen am ehesten entsprechende therapeutische Verfahren zu wählen, das ihnen am ehesten hilft, ihre seelische Gesundheit wiederzuerlangen.

Die Autorin ist Psychoanalytikerin und hat das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt geleitet.

Quelle: F.A.Z.
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