Freiheit der Wissenschaft

Weltschmerz in der Führungsetage

Von Sebastian Huhnholz
21.07.2021
, 10:18
Wie kommen namhafte Ordinarien massenhaft darauf, die Wissenschaftsfreiheit für bedroht zu halten? Für die große Mehrheit der Wissenschaftler ist sie ein Privileg der Mächtigen.

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dessen Gründung am 3. Februar 2021 bekanntgegeben wurde, weist fünf Monate später 546 Mitglieder aus, von denen 442 einen Professorentitel führen. Sie eint die in den Verlautbarungen des Vereins nur pauschal belegte Sorge, dass der Meinungsspielraum an den höheren Lehr- und Forschungsinstituten Deutschlands enger werde. Die mediale Dauerpräsenz vieler der vermeintlich geächteten Andersdenker macht ihre Vorwürfe nicht solider. Vom „Versuch, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren“, ist beim Netzwerk die Rede, von aktivistischen Versuchen, die Verfassung auszuhöhlen und den Rechtsstaat zu unterwandern.

Dass es auch und vielleicht gerade im Wissenschaftsbetrieb Scheinheiligkeit, Starrköpfigkeit und karrieristische Diffamierungen gibt, ist unbestritten. Auch entgleiste Debatten gehören zum Alltag unserer Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Doch wenn die Lage neuerdings so besonders dramatisch ist, woran liegt dann die Schwierigkeit, genau anzugeben, woher der militante Sturm weht? Gegen wen wird zur Selbstverteidigung aufgerufen? Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit will doch eine Frühwarnfunktion wahrnehmen. Das Frotzeln gegen die ja keineswegs nur aktivistischen, überdies wenigen gender- und postkolonialen Forschungsansätze wirkt jedoch hilflos; ebenso die Pseudoamerikanisierung hiesiger Diskurse und Hochschulwirklichkeiten.

Selbst die sehr gut untersuchten Phänomene der sogenannten Identitätspolitik ließen sich sowohl in ihren theoretischen Beiträgen wie in ihren gesellschaftlichen Wirkungen ordentlich vergleichen und durchaus wissenschaftlich diskutieren. Das setzte aber voraus, Gleichstellungs-, Minderheiten- und Diversitätspolitik von ihrer äußerst differenzierten Erforschung zu unterscheiden. Identitätspolitische Deutungen hingegen rundherum als dumme Provokationen und Zumutungen für jede „echte Wissenschaft“ zu lesen gerät schnell selbst zum Ausdruck der beklagten Ideologisierung.

Martenstein und Nuhr verbreiten das Gerücht

Die aufgekratzte Debatte ist keine, wenn alle Beteiligten sich nur als vorsätzlich Marginalisierte inszenieren und als vermeintlich Mundtote umso lauter klagen. Es wirkt zurechtgelegt, mutieren ausgerechnet die lebendigsten und allgemeinsten Debatten zum Ausweis einer immer stärker unterdrückten Wissenschaftsfreiheit. Beliebte Kommentatoren wie Jan Fleischhauer, Harald Martenstein oder Dieter Nuhr greifen den Befund auf und verstärken ihn zum Klischee aggressiver Denk- und Redeverbote. Die für die politische Öffentlichkeit typischen Diskriminierungen, Verletzungen und Verleumdungen werden dabei auf „die Wissenschaft“ projiziert.

Zweifellos steckt das deutsche Hochschulsystem in einer tiefen Krise, und wir alle sind Zeitzeugen eines populistischen Strukturwandels der Öffentlichkeit. Doch was hat die eine mit dem anderen zu tun? Wieso wird die Diskussion um Wissenschaftsfreiheit beispielsweise mit Rechtschreibfragen vermischt? Warum arbeiten sich professionelle Vertreter eines hermetischen, für die Allgemeinheit oft unzugänglichen Sprachstils, wie ihn die spezialisierten und internationalisierten Wissenschaften erfordern, so leidenschaftlich an öffentlichen Debatten um die deutsche Sprache ab? Für all so etwas gibt es plausible Vermutungen, lassen sich kluge Hypothesen formulieren. Geraune reicht nicht, man müsste schon wissenschaftslogisch argumentieren.

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Doch genau das passiert nicht. Und entsprechend selbstreferenziell ist die Diskussion geworden: Jede Nachfrage, wo der gefühlte Maulkorb angelegt worden sei, wird nur als neuerlicher Beweis seiner Existenz gefeiert. Wünschen neutrale Zweifler hard facts, werden bevorzugt noch einmal die besonders berühmten, breit und kontrovers diskutierten Fälle aus der Mottenkiste geholt. Veraltete oder ganz unpassende Beispiele, aus denen – Baberowski, Münkler, Lucke, Gomringer – die medienstrategisch mitunter überforderten Universitätsleitungen ja durchaus gelernt haben.

Andeutungen grausamer Geheimnisse

Angeführt werden zudem Gerüchte, Mutmaßungen oder der Radikalismus studentischer Sekten. Deren Furor könnte man auch bloß romantisch finden, denn an den Hochschulen ist er selten geworden. Wo er Gewalt begrüßt, stößt er ohnehin auf breite und verlässliche Distanzierung. Seine Vertreter sehnen sich nach Aufmerksamkeit, sicher. Aber stören sie wirklich den globalen Wissenschafts- und Lehrbetrieb?

Seltsam ist auch, dass die Warnung vor Duckmäusertum und Heuchelei von einer so namhaften Auswahl ordentlicher Professoren vorgetragen wird. Wann wurden deren mitunter sehr spezielle und persönliche Ansichten öffentlich oder fachwissenschaftlich unterdrückt? Aus dieser beeindruckenden Masse müssten sich doch unzählige Beispiele vorbringen lassen, die für mehr bürgen als Flurgespräche, die also mehr sind als Andeutungen grausamer Geheimnisse, die ans Licht der Öffentlichkeit gehörten. Wohlwollend könnte man sicher annehmen, diese Mutigen seien gar nicht direkt betroffen, sondern stellten sich in Sachen Wissenschaftsfreiheit im Interesse einer besseren Zukunft nur vor ihre Schützlinge, den oft noch immer so genannten Nachwuchs.

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Dieser mit Kettenbefristungsverträgen und gesetzlich vorgeprägtem Berufsverbot tatsächlich systematisch drangsalierte „Mittelbau“ aber ist dem Netzwerk seiner Vorgesetzten kaum der Rede wert. Ist es denn selbstverständlich, dass die Mitarbeiter bestallter Professoren keine Freiheit genießen? Stromlinenförmig sollen sie Themen beforschen, die draußen ankommen, den klammen Hochschulen den Lehrbetrieb und die „Drittmittel“ externer Interessenten sichern, darum politisch relevant, vielleicht moralisch wohlfeil und allemal für die globalisierten Verlagsoligopole optimal verwertbar sind – und damit die Reputation ihrer Doktoreltern erhöhen. Für diese riesige Mehrheit der deutschen Hochschullandschaft ist die sogenannte Wissenschaftsfreiheit ohnehin das Privileg weniger Übermächtiger.

Worin besteht der Angriff?

Dafür kann das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit nichts. Doch sein Geist, der den eigenen, grundgesetzlich verbrieften Sonderstatus durch gesellschaftlichen Wandel und gefühlte Diskriminierung substanziell angegriffen wähnt, wirkt nicht sehr forschungsfröhlich. Weltschmerz in der Führungsetage reicht nicht, wenn man mit dem Kollektivhabitus wissenschaftlicher Überlegenheit und exakter Sachlichkeit glänzen will. Zu passförmig werden doch die vagen Vorwürfe und diffusen Vorurteile angeblich feindseliger Gegner bedient, werden Themen, Orte und Anlässe vermengt. Worin genau besteht der systemrelevante Angriff?

Dass gesellschaftliche Diskurse – ob sprachliches Gendern, politischer Moralismus, Minderheitenquoten oder liberaler Paternalismus – auch in den Hochschulen präsent sind, ist einfach selbstverständlich. Wie kommt es nur, dass sich kaum ein öffentlich debattiertes Massenthema findet, das Mitglieder des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit nicht als exklusives Leiden des Wissenschaftsbetriebs reklamieren würden?

Diese Rückfragen stellen nicht das – allerdings vielschichtige – Phänomen der Identitätspolitik in Frage. Die hierzulande eher zwischen Selbstgerechtigkeit und empörender Essentialisierung changierende Behauptung, legitimes Sprechen beglaubige sich immer und nur in authentischer (oder aus Authentizitätsvererbung abgeleiteter) Erfahrung, pervertiert die Idee der Repräsentation und torpediert die Routinen demokratischer Institutionen. Genau das wird seit Monaten diskutiert. Wer Gesellschaft nur nach kleinteiligsten Opfersekten und irgendwelchen Täterkollektiven spaltet, erfährt hierzulande gerade keinen Zuspruch. Lust auf Rollenvielfalt, Perspektivenwechsel, Toleranz und Anerkennung bekommt man so nämlich nicht, so der hegemoniale Tenor der öffentlichen Meinung. Ist das an den Hochschulen so ganz anders? Nein.

Die Wissenschaftsfreiheit der Eta­blierten ist nicht bedroht. Dass sie überall und über alles sprechen können – und das auch tun –, provoziert die Frage, worum es eigentlich geht. Um das große Ganze, heißt es. Darunter macht man’s nicht. Gemeinwohl, Liberalität, Wissenschaftsfreiheit, sicher. Doch genau diese Werte fordern, sich nicht in elitären Allgemeinplätzen zu verlieren, sondern zu bedenken, wer über was in wessen Namen, mit was für einer Art Autorität und mit welchen Zielen spricht. Darum sind vermeintlich identitätspolitische Forderungen, die akademische Ausbildung zeitgemäß zu gestalten, kulturelle Deutungsmuster zu reflektieren und eine Diversifizierung des Kanons nicht aus Gerechtigkeits-, sondern aus Objektivitätsgründen anzustreben, wissenschaftliche Selbstverständlichkeiten und keine „Cancel Culture“. Die Fragen etwa, ob Kant ein Rassist war, inwieweit unsere Kulturschätze auch Raubgut sind, ob das deutsche Wirtschaftsmodell Frauen strukturell diskriminiert und wieso lautstarke Minderheiten schnell als unantastbare Mehrheiten erscheinen, sind klassischer Stoff für die Forschung. Sie nagen an Idealismus, Universalismus und Statusvorrechten und mögen schon deshalb provozieren. Wer sich davon „wissenschaftlich“ diskriminiert fühlt, hat es vielleicht verdient

Quelle: F.A.Z.
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