Neues von den Germanen (3)

Was wir über Runen wissen

Von Uwe Ebbinghaus
25.01.2019
, 15:53
Warum legten die Germanen Grabsteine mit dem Runenalphabet bäuchlings auf Gräber? Und warum kommen einem die Buchstaben so bekannt vor? Gespräch mit dem Altskandinavisten Arnulf Krause.

Welches war der jüngste germanische Runenfund, der Sie in Erstaunen versetzt hat?

Arnulf Krause: Eine der letzten wissenschaftlichen Sensationen, die mir einfällt – der Fund liegt allerdings schon 15 Jahre zurück – war ein für Laien ganz unscheinbarer. In einem Vorort von Erfurt ist man auf eine germanische Siedlung mit einem Opferschacht gestoßen, aus der Zeit um 300 nach Christus. Dort hat man allerlei gefunden: Tierknochen, Waffenscherben und auch einen nur wenige Zentimeter großen Kamm aus einer Knochenbeinart, sehr kunstvoll geschnitzt, aber zerbrochen. Beim Zusammensetzen ist den Archäologinnen und Archäologen, unterstützt von der Runologie, aufgefallen, dass dort Schriftzeichen, Runen, eingeritzt waren. Es waren insgesamt nur vier, die man von Anfang an gut lesen konnte: „KABA“. Da wir von späteren Funden beziehungsweise durch sprachhistorische Erkenntnisse wissen, dass man in gewissen Lautkonstellationen, in diesem Fall bei folgendem „B“, auf die Nasallaute, vor allem das „M“, verzichtete, ist zu lesen: „kamba“. Der Kamm wird also als solcher benannt.

Sonderbar.

In Fachkreisen war der Frienstedter Kamm eine Sensation. Erstens hatte man so weit südlich noch keine Runenfunde gemacht. Die älteren stammen alle aus dem südskandinavischen Bereich, vor allem aus Dänemark. Der Fund war aber auch sprachgeschichtlich interessant. Die Form „kamba“ muss dem Westgermanischen zugeschrieben werden, die älteren bis dahin vorliegenden Inschriften waren alle nordgermanisch. Dies war also der älteste westgermanische Fund. Und schließlich kann man sich der Überlegung hingeben, warum jemand auf einen Kamm dessen Bezeichnung ritzt. An dieser Frage können sich auch Nichtwissenschaftler beteiligen. Man ist zunächst natürlich versucht, von einer kindlichen Einübung in die Zeichen zu sprechen. Doch das ist unwahrscheinlich, Runen gab es schon lange genug, und ein Kamm wäre wohl auch zu wertvoll gewesen für solche Schreibübungen. Ein anderer Erklärungsansatz wäre der magische. Durch die Runenbeschriftung sollte möglicherweise eine bestehende magische Bedeutung hervorgehoben werden.

Der Frienstedter Kamm ist ein gutes Beispiel für viele Runenfunde gerade der älteren Zeit: Sie sind recht klein, sehr unspektakulär, provozieren aber eine Reihe von Fragen, die meist über Jahrzehnte hinweg heftigst diskutiert werden. Zentral ist immer wieder die Frage: Ist Runenschrift als etwas Profanes zu sehen oder ist sie sakral, magisch zu verstehen?

Wodurch würde beim „Kamm“-Kamm die Magie genau entstehen?

Zum einen muss man den Runenzeichen selbst eine magische Bedeutung unterstellen. Das würde bedeuten, dass die Aufschrift die Funktion des Kammes magisch unterstützt. Denn es kommt hinzu: Das Haar selbst hatte bei den Germanen wahrscheinlich eine magische Bedeutung, das wissen wir aus der späteren Überlieferung. So trugen die Merowinger langes Haar, weil dies zu ihrer Königswürde gehörte. Kämme könnten also nicht nur zur Haarpflege verwendet worden sein, ihnen kann auch eine eigene magische Bedeutung angehaftet haben.

Das ist erstaunlich an Runeninschriften, dass sie inhaltlich aus heutiger Sicht oft etwas Redundantes oder Nebensächliches haben. Auf einem Kamm steht „Kamm“ – oder bei einer Inschrift wird umständlich erklärt, wer sie verfasst hat.

Das Runen-Fundkorpus ist relativ groß, wir haben mehr als 6500 Runeninschriften, viele kleine kommen noch hinzu. Von den großen Inschriften befinden sich mehr als 2000 auf schwedischen Runensteinen. Diese letzten haben die profane Aufgabe, an die Toten der Wikingerzeit zu erinnern, die ja häufig ausfuhren und zum Teil irgendwo in der Welt den Tod fanden. Diese Inschriften kann man gut nachvollziehen, das hat mit Magie nicht viel zu tun, es handelt sich oft sogar um christlich geprägte Runensteine. Was sie angesprochen haben, trifft eher auf die älteren Inschriften zu. Mit unserem Nützlichkeitsdenken können wir diese kaum mehr erschließen.

Ein anderes Beispiel. Einer der ältesten Runensteine, der Stein von Einang, kommt aus Norwegen, aus der Zeit von etwa 400 nach Christus. Er steht auf einem Grabhügel, die Inschrift gedenkt aber nicht eines Toten, sondern hält fest, wer die Runen geritzt hat. Das ist schwer nachzuvollziehen. Für die Runologie bietet sich eigentlich nur die magische Option an. Der Runenschreiber, oder wie man später gesagt hat: der Runenmeister, hatte offenbar eine derartige Autorität, weit weg von einem bürokratischen Schreiber, dass die Dokumentation seiner Tätigkeit wahrscheinlich eine magische Funktion erfüllte. Man kann jetzt spekulieren, wozu seine Inschrift genau diente. Hängt sie mit der Angst der Germanen vor den Toten zusammen und sollten die Runen den Toten im Grabhügel bannen oder ging es um das Fernhalten von Grabfrevlern, die an die reichen Grabbeigaben gelangen wollten? Das sind aber alles nur Interpretationsansätze. Genau wissen wir es nicht. Wir müssen konstruieren, was am meisten Sinn gemacht hätte in einem bestimmten gesellschaftlichen und kulturhistorischen Kontext.

Würde die Selbsterwähnung des Schreibers oder Meisters bedeuten, dass er für die Magie des Aufgeschriebenen bürgt?

Man sollte die Magie vielleicht nicht zu sehr am Eigennamen festmachen, dessen Zuordnung im Lauf der Jahrhunderte ja ohnehin verloren ging. Auch das Formelhafte an sich spielt schon eine Rolle. Wahrscheinlich haben die Formeln die magische Wirkung ausgemacht. Noch ein Beispiel: Es gibt ebenfalls aus dem 5. Jahrhundert die Steinplatte von Kylver auf der schwedischen Insel Gotland (siehe Einsteigsbild), die ein Grab bedeckte. Auf dieser Platte befindet sich eine komplette Runenreihe, die des älteren Futhark, bestehend aus 24 Runen. Die Steinplatte lag nun so auf dem Grab, dass die Inschrift dem Toten zugewandt war. Wir können hier nur den Schluss ziehen: Allein die Runenreihe, ohne einen Satzzusammenhang, ohne eine Formel, war wohl schon von magischer Bedeutung. Sie sollte möglicherweise den Toten davon abhalten, das Grab zu verlassen und die Lebenden zu terrorisieren, so wie das später oft in den Isländersagas beschrieben wird.

Wie steht es mit Runenfunden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland? Einen haben wir schon genannt. Wie viele gibt es insgesamt?

Es gibt eher wenige. Sie werden alle dem älteren Futhark zugeschrieben. Der älteste Fund wäre der beschriebene Erfurter. In Deutschland, das ich als Südgermanien bezeichnen würde, haben wir weit unter hundert Inschriften. Es gibt keine Runensteine, sondern lediglich lose Gegenstände, Fibeln, Waffen oder Schmuckstücke. Man muss dabei immer bedenken, dass der Runengebrauch im Deutschen schon im 7. Jahrhundert endet. Es gibt dann keine Überlieferung mehr, während in Skandinavien die Blütezeit der Runeninschriften erst beginnt, nämlich in der Wikingerzeit. Im 11. Jahrhundert werden in Schweden gar christliche Formeln verwendet. Auch unter den Angelsachsen, in England also, ist weiterer Runengebrauch verbreitet, dort sogar in klerikalen Kreisen. In Deutschland hat wohl die Christianisierung stärker gewirkt. Generell sollte man die Runen aber nicht als heidnisch oder in einer Gegenposition zum Christentum sehen.

Die ältesten Runenzeugnisse stammen aus dem 1./2. Jahrhundert nach Christus. Die Runen sind also ein sehr spätes Schriftsystem. Wie ist ihr Aufkommen zu erklären?

Das ist aus wissenschaftlicher Sicht eines der größten Geheimnisse. In Südskandinavien, wozu historisch in unserem Sinn auch das heutige Schleswig-Holstein gehört, ist man auf Runen aus der von Ihnen genannten Zeit gestoßen. Einschließlich des 3. Jahrhunderts finden sie sich auf wenigen Dutzend Objekten. Davon ausgehend hat man versucht, die Genese der Runenschrift zu erklären und ist beizeiten darauf gekommen, dass etliche Runen eine starke Ähnlichkeit mit dem lateinischen Alphabet aufweisen, der lateinischen Großschrift, der Capitalis. Es ist also verbreitete Ansicht in der Wissenschaft, dass die Runenschrift kurz nach der Zeitenwende nach dem Vorbild mediterraner Alphabete, wie es genau heißt, entstand. Vom römischen Alphabet auszugehen ergibt insofern Sinn, als die Germanen in Kontakt zu den Römern standen. Es gibt allerdings Zusatzzeichen, von denen man nicht weiß, woher sie stammen. Gehen sie vielleicht auf ältere germanische Zeichen zurück? All das ist nicht klar.

Wie könnte sich diese Entlehnung vollzogen haben?

Da gibt es viele offene Fragen. War es der Genieakt eines Einzelnen? Es musste jedenfalls eine sehr anspruchsvolle intellektuelle Arbeit vollzogen werden. Hinzu kommen ganz spezielle Eigenarten, zum Beispiel die Anzahl von 24 Schriftzeichen oder die unterschiedliche Lautzuordnung. Jedes Runenzeichen hat einen Lautwert, aber auch einen Begriffswert. Jede Rune hat einen Namen, der für einen bestimmten Begriff steht. Hinter der Runenschrift steht ein ausgeklügeltes, sagen wir ruhig: intellektuelles System. Wahrscheinlich gab es auch ein magisches System.

Wie sind bei den Runen die Ähnlichkeiten mit Zweigformationen zu erklären?

Eine übliche Interpretation ist: Das ist der Epigraphik geschuldet, technischen Anforderungen, die mit dem wohl frühesten Material zusammenhängen, das unter den Germanen sehr populär war, dem Holz. Hierzu gibt es aber kaum Funde, Holz verrottet ja auch leicht.

Die Ähnlichkeit würde auch zu der von Tacitus überlieferten Episode passen, der berichtet, dass die Germanen Lose werfen.

Ja, Tacitus spricht um 98 nach Christus in der „Germania“ von „notae“. Er hat den beschriebenen Vorgang aber sicher nicht selbst erlebt. Ob er ihn richtig widergibt, sei dahingestellt. Aber es ist durchaus möglich, dass damit Runen gemeint sind. Es gibt ja heute noch in der Esoterik das Runenorakel, das Runenstäbchenwerfen, für das wir aber ansonsten keine Zeugnisse haben.

Wenn diese Technik allerdings einer älteren Tradition entstammt, würde dieser Umstand gewissermaßen mit der Entlehnungstheorie kollidieren.

Das Problem ist, als Nichtarchäologe kann ich es vielleicht sagen, die germanische Sachkultur der Zeit vor Christus ist sehr dürftig. Da gibt es im Grunde nichts, woran wir anknüpfen können. Es gab schon Bestrebungen, unabhängige Traditionslinien zu ziehen, hin zu germanischen Symbolzeichen, die bis zu den nordgermanischen Felszeichnungen der Bronzezeit, um tausend vor Christus, zurückgehen. Hier kommt dann meist allerdings ein zutiefst ideologischer Ansatz ins Spiel. Im Dritten Reich und in der Völkischen Bewegung etwa wollte man die Runen als genuine, authentische germanische, und eben nur germanische Schriftzeichen sehen. Wissenschaftlich sind diese Theorien in keiner Weise haltbar. Es gibt hier einfach eine große Lücke.

Brauchten die Germanen überhaupt eine Schrift in dieser Zeit um 100 nach Christus?

Diese Frage muss man sich in der Tat stellen. Ich verweise da immer gerne auf die frühere keltisch-gallische Kultur in Frankreich. Die Gallier waren ja, bevor sie von Cäsar unterworfen und romanisiert wurden, eine sehr entwickelte Kultur, viel entwickelter im zivilisatorischen Sinn als die germanischen Stämme. Und die Gallier haben nachweislich auf die Entwicklung einer eigenen Schrift verzichtet. Im Handel haben sie zum Beispiel auf das griechische Alphabet zurückgegriffen.

Schauen wir auf die germanischen Stämme in der Zeit der sogenannten Schlacht im Teutoburger Wald, 9 nach Christus, ins erste Jahrhundert, in dem der römische Einfluss im Rheingebiet stark und etabliert ist. Wofür brauchte diese Gesellschaft eine Schrift? Sicher nicht für den Handel, auch nicht für staatliche Strukturen oder Verwaltungszwecke. Und das sind ja die Verwendungsarten, die wir aus den frühen Hochkulturen kennen. Die Germanen waren aber keine Hochkultur, allenfalls eine antike Randkultur, die sich nur langsam den römischen Kultureinflüssen öffnete. Man kann hier wieder sagen, dass, wenn dieses Schriftsystem mit Praktikabilität nichts zu tun gehabt haben kann, es wohl sakral-magische Bedeutung gehabt haben musste. Da könnte man allerdings wieder entgegenhalten: Warum dann der recht große Aufwand eines Schriftsystems, das in der noch über Jahrhunderte hinweg oralen germanischen Kultur völlig überflüssig war?

Der schöpferische Akt, der hinter diesem Schriftsystem steht, ist beeindruckend. Es gibt einen bestimmten geistigen Hintergrund, man kommt in Kontakt mit Alphabeten und kombiniert beides ganz bewusst, mit großem Aufwand und ohne Not.

Das ist faszinierend. Man fühlt es geradezu: Irgendein Schöpfungsakt liegt wohl vor, in engem Kontakt mit Rom. Andererseits haben wir aber das Problem, dass die ersten Runen eben nicht in der Nähe des römisches Reichs gefunden werden, sondern in Südskandinavien.

In Ihrem „Runen“-Buch scheinen Sie die These unterstützen zu wollen, dass der Schöpfungsakt im Umkreis des Germanenstamms der Eruler stattgefunden hat.

Diese These ist, das erwähne ich ja auch in meinen Buch, sehr stark Otto Höfler geschuldet. Höfler war ein Wiener Altskandinavist mit einer dunklen Nazivergangenheit. Gleichwohl hatte er originelle Ideen, die ihm in der Forschung durchaus noch nach 1945 Anerkennung eingebracht haben. Ihm war die Stammesgruppe der Heruler oder Eruler aufgefallen, die nach den spätantiken Historiographen in der spätrömischen Zeit und während der Völkerwanderung vielerorts in Europa bezeugt ist. Für Höfler verbergen sich dahinter Kriegergruppen wie wir sie aus der Wikingerzeit kennen. Deren Führungsschicht hätte auch priesterliche Funktionen erfüllt und hätte das intellektuelle Potential besessen, die Runenschrift zu kreieren. In Höflers fantasiereicher Theorie hakt es an vielen Enden, aber die Zuschreibung der Runenschrift zu einer bestimmten Gruppe beeindruckt. Es ist ein faszinierender Erklärungsansatz und solange wir nichts Besseres haben, können wir darauf mit gebotener kritischer Distanz zurückgreifen.

Viele junge Menschen kommen mit Runen wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben durch die Tolkien-Verfilmungen in Berührung. Die Rune, die der Zauberer Gandalf im Film auf Bilbos Tür malt, was bedeutet die?

In den historischen Runenreihen ist es die Fehu-Rune, die erste Rune. Auf welches Zeichen die Filmrune in den von Tolkien entwickelten Runenreihen eventuell zurückzuführen ist, darüber mögen die Tolkien-Fans streiten - übrigens eine Gemeinde, die ihr Geschäft geradezu mit „wissenschaftlicher“ Akribie betreibt. Dieses Motiv ist allerdings nicht von Tolkien selbst, der schreibt im „Hobbit“ lediglich von einem „queer sign“, einem sonderbaren Zeichen. Die Rune in dieser Szene ist also eine Interpretation der Filmleute.

In Ihrem Buch bin ich zweimal auf den Begriff der „Bierrune“ gestoßen. Was ist darunter zu verstehen?

Ja, das wüssten wir auch gerne. Das ist eine Überlieferung aus der eddischen Literatur, aus dem 13. Jahrhundert. In dem betreffenden Lied lehrt eine Walküre den Helden Sigurd verschiedene Runen, unter anderen auch Bierrunen. Man weiß aber nicht, worauf sich der Begriff bezieht. Man kann da nur spekulieren. Hat man vielleicht das Biertrinken ausdrücklich geweiht? Im literarischen Kontext muss man zudem mit einem fiktiven Motiv rechnen.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Einen anschaulichen Einblick in die Runenforschung gibt das Kieler Runenprojekt

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Arnulf Krause ist Honorarprofessor der Universität Bonn (Fach Skandinavistik), Lehrbeauftragter an den Universitäten Köln und Münster und Übersetzer der altnordischen „Eddas“. Promotion mit einer Arbeit zur altnordischen Skaldendichtung, Autor zahlreicher Sachbücher, darunter:
„Runen. Geschichte – Gebrauch – Bedeutung“ (marix Verlag, 2017)
„Die Götter und Mythen der Germanen“ (marix Verlag, 2016)
„Die Welt der Wikinger“ (Nikol Verlag, 2013)
„Die wirkliche Mittelerde. Tolkiens Mythologie und ihre Wurzeln im Mittelalter“ (Theiss Verlag, 2013)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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