Kolumne: „Nine-to-Five“

Voll von der Rolle

EIN KOMMENTAR Von Ursula Kals
20.12.2020
, 09:25
Herr W. kann der ganzen Weihnachtsfeierei und der infantilen Verzwergung der Bürowelt nichts abgewinnen. Alle Jahre wieder drückt er sich davor. In diesem Dezember ist das ganz anders. Die Kolumne „Nine to Five“.

Der Kollege ist ein angenehmer Zeitgenosse, nur einmal im Jahr tritt er unangenehm in Erscheinung. Herr W. kann der ganzen Weihnachtsfeierei nichts abgewinnen. Alle Jahre wieder geht seine Motzerei los. Die erste Lebkuchen-Sause in der Teeküche nimmt W. traditionell zum Anlass, auf die süßlich-verlogene Geschäftemacherei zu schimpfen. Alles findet er doof: rote Zipfelmützen, Glühweinplörre, Last-Christmas-Endlosschleife in der Kantine, einfallslose Kundenpräsente. Gipfel des Grauens ist für ihn die Weihnachtsfeier im Betrieb. Meist erkrankte der sich ganzjährig bester Gesundheit erfreuende W. am Vortag spontan: ein obskurer Magen-Darm-Infekt, ein Migräneanfall. Keiner im Kollegenkreis glaubte ihm. Am Tag danach tauchte W. wundergeheilt auf, während die anderen sich den Kaffee per Pipeline einverleibten, um ihren Kater niederzuringen und sich über das gelungene Fest austauschten – schön war es, das weinselige Mahl mit vergnüglichem Schrottwichteln.

Seit die Pandemie das Berufsleben arg beschneidet, hat sich die Wahrnehmung vertrauter Routinen gedreht. Die schärfste Kehrtwende hat W. vollzogen. Der Single hat das Alleinsein im Homeoffice und traurige Tütensuppenpausen satt. So eine Feier wäre doch ein Lichtblick?! Während die anderen noch dem Lokalbesuch nachtrauern, versendet W. Online-Tools zum Wichteln und bewirbt die virtuelle Weihnachtsfeier. Die Kollegen können es kaum glauben – was ist denn in den gefahren? Abends schalten sich alle zusammen. W. hat zwar kein Rentiergeweih aufgesetzt, aber ein strahlendes Lächeln, eine Kerze ins Videobild gerückt und würdigt jedes Wichtelgeschenk: Klug gewählte Bücher, gute Filme werden ausgewickelt und in die Kamera gereckt. Hohoho. Drei hatten die gleiche Idee und packten eine Klopapierrolle mit Motivaufdruck dazu, eine umhüllt vom kultigen Häkelmützchen. Nicht auszudenken, was das früher bei W. an Spottreden über fäkale Infantilisierung der Bürowelt und geistige Verzwergung des Teams ausgelöst hätte. Pandemiebedingt ist W. milde gestimmt und erklärt ein wenig sentimental seinen Sinneswandel: „Ich vermisse euch und brauche das als Jahresabschlussritual.“ So ist der Mensch: Was verboten ist, ist plötzlich begehrenswert.

In der Kolumne Nine-to-Five schreiben wechselnde Autoren über Kuriositäten aus dem Alltag in Büro und Hochschule.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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