Kolumne „Nine to five“

Einmal Büro putzen, bitte!

Von Ursula Kals
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 18:44
Die Verständigung mit Mund-Nase-Filter schafft immer neue Überraschungen.
Der wattige Sound von Mund-Nase-Bedeckungen führt im Berufsalltag zu den peinlichsten Missverständnissen. Doch so sehr der Satz „Können mich alle hören?“ nervt, Telefonkonferenzen haben durchaus Vorteile.

Um empathischer zu reagieren, hilft es, in einen Alterssimulationsanzug zu schlüpfen, wobei von Schlüpfen keine Rede sein kann. Es geht darum, sich in eine schwere, mit Gewichten belastete Weste zu winden, eine Verdunklungsbrille aufzusetzen und eine Haube, die die Ohren bedeckt und das Gehör dämpft. Wer einige Stunden in so einem Anzug geschwitzt hat, kann sich besser in ältere Menschen und ihre Gebrechen versetzen. Vielleicht hält dieser Effekt.

Eine Ahnung davon, was ältere Kollegen in ihrem Schwung dämpft, erhalten seit Corona alle. Die Mund-Nasen-Maske schluckt Töne. Hat die Kollegin wirklich gerade gesagt, sie wolle ihm das tragen? Was denn tragen? Ach nein, fragen wollte sie was. Wie bitte, spinnt der jetzt, der Chef, ich „darf gern sein Büro putzen“?! Putz’ doch selbst, du Macho...! Oh, der spricht von nutzen, wie nett. Die Praktikantin hat einen Elefantenauftritt hingelegt? Geht’s noch? Warum ist die nicht angesäuert und strahlt stattdessen? Gemeint war ein eleganter Auftritt. Neue Computer von Anus werden angeschafft? Hüstel, hüstel. A-s-u-s, korrigiert der Kollege. Darf ich mich vorstellen, ich bin der neue Friseur? Komisch, was macht denn ein Friseur in dieser Runde? Obwohl, einen ordentlichen Haarschnitt hätte hier so mancher nötig. Nein, das ist ein Ingenieur. Ingenieur versus Friseur versus Gehör?! Sauingenieur? Nein, Bauingenieur! Ein akustisches Buchstabendreher-Gemurkse, das an die blödsinnigen Alternativen erinnert, die einem das Autokorrektur-Programm oder die Rechtschreibhilfe anbieten, und die wir übersehen, wenn es hektisch wird. „Hast Du schon ein Wehrmachtsgeschenk für Oma?“ lautet die Fachliteratur dazu. Es ging übrigens um Weihnachten.

Fragen über Fragen. Wie bitte? Könnten Sie das noch einmal wiederholen? Und immer wieder fällt der therapeutische Satz: Habe ich Sie richtig verstanden? Das strapaziert Konzentration und Nerven, hat aber eine gute Seite: Kollegen, die sich selbst gern reden hören, wird das Labern vermiest: Kommt auf den Punkt. Fasst euch kurz. Drückt euch klar aus. Sonst schalten die anderen ab. Und nein, meine Familie und ich, wir schreiben uns nicht Kalb. Am Ende steht ein S, wie Siegfried.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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