Online-Klausuren

Universitäten spähen Studenten mit Software aus

Von Anna Schiller
29.07.2021
, 19:08
Student schreibt Klausur mit Maske
Datenschützer schlagen Alarm: Proctoring-Programme, die Täuschung bei Tests verhindern sollen, greifen massiv in die Privatsphäre der Prüfungsteilnehmer ein.

Bei Prüfungen vor laufender Kamera scannt eine Künstliche Intelligenz die Bewegungen der Klausurteilnehmer auf Täuschungsversuche. Trojaner kontrollieren, dass Studenten am heimischen Rechner keine Suchmaschinen aufrufen. Vor wenigen Jahren galten solche Szenarien noch als dystopische Auswüchse einer fernen Zukunft. Seit dem vergangenen Jahr sind sie für viele Studenten Realität. Die Pandemie hat deutsche Hochschulen ins digitale Zeitalter katapultiert. Klausuren wurden aufgrund der Infektionsgefahr erstmals flächendeckend online abgehalten. Bei der Aufsicht scheinen viele Universitäten über das Ziel hinausgeschossen zu sein.

Die Hochschulen tun sich schwer damit, geeignete Räumlichkeiten zu finden, in denen man Prüflinge mit genügend Abstand verteilen könnte. Es liegt also durchaus nahe, Klausuren daheim schreiben zu lassen. Aber wie stellt man sicher, dass die Teilnehmer im vermeintlichen Schutz der eigenen vier Wände nicht schummeln? Klausuren online zu beaufsichtigen scheint für einige Dozenten zum Mittel der Wahl geworden zu sein.

Studenten wählen sich beispielsweise in herkömmliche Videokonferenzsysteme ein und lassen Kamera und Mikrofon für die Zeit der Klausur eingeschaltet. Der Prüfer am anderen Ende schaut ihnen dabei zu – das ist jedoch äußerst personalintensiv. Sogenannte Proctoring-Software schafft Abhilfe: Sie automatisiert die Prüfungsaufsicht über das Internet. Proctoring lässt sich aus dem Englischen mit „Beaufsichtigung“ übersetzen. Studenten, die an einer digital überwachten Klausur teilnehmen, müssen auf ihrem Rechner vorab ein Programm oder ein Browser-Add-on installieren. Viele der Programme verfügen über eine Künstliche Intelligenz, die über die Webcam die Identität des Prüflings feststellt und dessen Bewegungen während der Klausur auf mögliche Täuschungsversuche analysiert. Auch das Tipp- und Browsing-Verhalten wird ausgewertet. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat in der vorvergangenen Woche ein Gutachten zum Einsatz von Online-Proctoring veröffentlicht. Darin heißt es, angesichts der Fähigkeiten dieser Software drängte sich der „Vergleich mit (staatlicher) Überwachungssoftware“ auf.

Uni-Software datenschutzrechtlich fragwürdig

Rolf Schwartmann, Leiter der Kölner Forschungsstelle für Medienrecht an der Technischen Hochschule Köln und Vorsitzender der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit, sieht den Einsatz von Fernaufsicht per Videokonferenz und vor allem Proctoring-Software kritisch. Es handele sich bei der „Fernaufsicht um einen Hoheitsakt der Hochschule, der faktisch bei den Studenten zu Hause mit deren Hilfe“ erfolge. Dies stelle einen Eingriff in die Privatsphäre der Studenten dar, der auf das erforderliche Maß zu beschränken sei. Staatliche Hochschulen dürften nur jene Daten verarbeiten, die notwendig seien, um ihre Aufgaben – hier die Erfüllung des Prüfungsanspruchs – wahrzunehmen. Proctoring hält er für nicht erforderlich und datenschutzrechtlich besonders fragwürdig, weil dabei die Hochschule oder der Anbieter der Software in deren Auftrag technisch auf die private Hardware der Studenten zugreife. Ob man hierin wirksam einwilligen kann, hält er für fraglich.

Dennoch kommen solche Programme vielerorts zum Einsatz. Die Technische Universität Darmstadt beispielsweise nutzt die Software Proctorio, die in diesem Jahr den Big Brother Award des Vereins Digitalcourage erhielt. Der Verein zeichnet damit jedes Jahr Unternehmen aus, die die Privatsphäre ihrer Nutzer in besonderem Maße einschränken. Auf eine Anfrage dieser Zeitung teilte ein Sprecher der Universität mit, dass die Software bislang bei vier Klausuren mit hoher Teilnehmerzahl zum Einsatz gekommen sei. In der Regel versuche man jedoch, auf andere Klausurformate auszuweichen. Zudem liege die finale Entscheidung über einen vermeintlichen Täuschungsversuch immer beim Prüfer, nicht bei dem Programm.

An der Universität Erfurt wird das Programm Wiseflow des dänischen Herstellers Uniwise eingesetzt. Auf Nachfrage teilte eine Sprecherin dieser Zeitung schriftlich mit, das Programm werde von den Studenten sehr gut angenommen. Außerdem nutze man die Software „mit Genehmigung des obersten Thüringer Datenschutzbeauftragten“. Ferner heißt es: „Es wird überdies niemand gezwungen, seine Prüfung online zu Hause und überwacht zu schreiben. Man kann die Prüfung nach Rücksprache mit dem Dozenten auch online ohne Kamera (aber unter Aufsicht) vor Ort auf dem Campus (oder alternativ in einem späteren Semester) ablegen.“ Doch wie freiwillig kann ein Student diese Entscheidung derzeit treffen, wenn die einzige Möglichkeit einer infektionsschutzkonformen und überwachungsfreien Klausur in einer Zukunft nach der Pandemie liegt?

KI hat ein Problem mit Schwarzen und Frauen

Die Pressestelle weist zudem auf die Datenschutzerklärung zur Nutzung von Wiseflow hin, die auf der Website der Universität Erfurt zugänglich ist. In dieser heißt es, dass das Programm die Gesichtserkennungssoftware Rekognition des amerikanischen Konzerns Amazon verwende. Rekognition wurde in den Vereinigten Staaten von Bürgerrechtsorganisationen kritisiert. Laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology von 2019 hat das Programm Schwierigkeiten, Schwarze und Frauen zu erkennen.

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Bei der datenschutzkonformen Organisation der digitalen Prüfungsaufsicht betraten viele Universitäten zweifellos Neuland. Vielerorts finden sich in den Prüfungsordnungen und den Landeshochschulgesetzen schlichtweg keine expliziten Formulierungen, wie zu verfahren sei. Lediglich Bayern, Baden-Württemberg und Hessen haben bislang Rechtsgrundlagen geschaffen, welche die Aufsicht von Klausuren im Netz regeln. Die bayerische Fernprüfungserprobungsverordnung beispielsweise erlaubt Proctoring-Software nur unter bestimmten Voraussetzungen. So dürfe die Funktionsfähigkeit des Computers des Prüfungsteilnehmers während der Klausur „nur in dem zur Sicherstellung der Authentifizierung sowie der Unterbindung von Täuschungshandlungen notwendigen Maße beeinträchtigt“ werden. Auch die Vertraulichkeit der auf dem Rechner befindlichen Daten und die Informationssicherheit dürfe zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt werden. In ihrem Gutachten kommt die Gesellschaft für Freiheitsrechte jedoch zu dem Schluss, dass es „mehr als unwahrscheinlich“ sei, dass eine Proctoring-Software diese Anforderungen erfülle.

Schwartmann zufolge gäbe es häufig eine bessere Möglichkeit, bei den in der Pandemie durchgeführten Prüfungen Leistungskontrolle, Chancengleichheit und Infektionsschutz miteinander zu verbinden. Er empfiehlt, wann immer das die Aufgabenstellung ermöglicht, sogenannte Open-Book-Tests durchzuführen, bei denen die Studenten in einem gemeinsamen Zeitfenster dieselben Fragestellungen zu Hause bearbeiten. Dabei dürfen sie, wie bei einer Hausarbeit, alle zugelassenen Hilfsmittel und Informationsquellen verwenden, nicht aber in Gruppen zusammenarbeiten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schiller, Anna
Anna Schiller
Volontärin.
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