Serie „Ich mach mein Ding“

Das Glück eines Gauklers

Von Jan Grossarth
10.08.2015
, 12:40
Jörg von Winterfeld entstammt einer alten preußischen Militärfamilie, aber ein Leben wie ein Hippie war ihm lieber. Es hat sich gelohnt - auch wenn es Härten gab.
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Ich habe kaum Zweifel daran, dass Jörg von Winterfeld ein glücklicher Mensch ist. Ein glücklicherer ist mir noch nie begegnet, jedenfalls nicht im Münsterland. Er ist so knapp fünfzig Jahre alt - nach dem genauen Alter habe ich ihn nicht gefragt -, und er geht schon, seit er ein erwachsener Mensch ist, dem Beruf eines Gauklers nach. Davon gibt es in der heutigen Zeit nicht mehr viele, aber man kann davon wirklich gut leben, obwohl das Mittelalter, in dem es noch sehr viele Gaukler gab, nun schon seit einer ganzen Weile vorüber ist.

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Die Geschichte seines Glücks ist eine Geschichte vom Mut, den eigenen Weg zu gehen. Das betrifft nicht nur den Beruf, sondern das ganze Leben. Dazu braucht es keine starke Überzeugung, aber Vertrauen, keine Marktforschung, aber Charakter. Es braucht keine Vision, aber Liebe. Es war eine ganz einfache Geschichte, wie es dazu kam: Jörg von Winterfeld, Sohn aus einer normalen und finanziell sorglosen bildungsbürgerlichen Familie, wollte nach dem Abitur gern Schauspieler werden und scheiterte leider an den Schauspielschulen. Er plante eine Ausbildung und begann ein Germanistikstudium und brach es gleich wieder ab, als er eine mittelalterliche Schauspielgruppe kennenlernte. Denn mit denen war es, alles in allem, ein schönes, ein lebendiges Leben: Sie fuhren von Stadt zu Stadt mit einem Mittelaltermarkt, mit vielen Schaupielern, Feuerschluckern, Händlern und Gauklern, nur einen richtig guten Geschichtenezähler gab es noch nicht, das wurde dann Jörg von Winterfeld.

Er sieht, wenn man ihn so betrachtet, nicht übermäßig gesund aus, sondern schon ein wenig vom vielen Leben gegerbt, wenn man ihn an seiner Wiese mit dem Zirkuswagen besucht, in dem er lebt. Ja, Jörg von Winterfeld ist ein starker Raucher, da gibt es nichts zu beschönigen - aber kein wahrhafter Suchtraucher, sondern ein Genussraucher. Er ist ein starker Genießer, vielleicht also ein Genusssüchtiger. „Ich bin ein Suchtmensch“, meint er dazu selbst - so wie sein Vater, der damit immerhin ein Alter von 87 Jahren erreicht habe.

Streit mit Jörg von Winterfeld? Schwierig

Der Gaukler liebt die Sonne, das Bier und spanische Ska-Musik von Manu Chao, die mit dem Schaf-Geblöke des Münsterlandes ziemlich harmoniert. „Der Lebensstil der Hippies war bisher der einzige, der mich wirklich überzeugt hat“, sagt von Winterfeld plötzlich. Er entstammt einer alten preußischen Militärfamilie, aber sein Vater war dem Wehrdienst im Nazi-Reich glücklicherweise entkommen und desertiert. Erst kürzlich, was er früher niemals getan hätte, reiste Jörg von Winterfeld zu einem Treffen der Großfamilie, wie es sie in adligen Kreisen gibt, wo er es auch „sehr nett“ fand, wie er sagt.

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Der Gaukler als Privatier findet die Menschen in der Regel nett, und erst wenn man ihn erlebt, bemerkt man, wie selten und angenehm diese Eigenschaft geworden ist, da ja der Gutmensch und Menschenfreund mittlerweile zum Schimpfwort geworden sind. Mit Jörg von Winterfeld müsste man es wohl schon sehr böse treiben, um ernsthaften Streit mit ihm zu bekommen.

Bild: Jan Grossarth

Wir lernten uns vor fünf Jahren kennen, als ich ihn für ein Buch über Aussteiger auf ein Mittelalterfest an einem langen Wochenende in den Odenwald begleitete. Das ist dann ein echtes Künstlerleben: Es geht zünftig, komisch und ungesund zu in der Mittelalterschauspielszene. Und es war zu beobachten, dass Magister von Winterfeld, wie sein Gauklername in Anspielung auf sein unvollendetes Studium ist, einen anstrengenden Beruf hat. Abends schauspielerte er vor einem mäßig kultivierten Publikum, das auch gern fraß und soff, beim Mittelaltermahl, mittags dann gab er den Clown: einen beinahe nackten Mann von der Burgmauer mit Hasenzahngebiss, und dann zog er sein rosa Gauklergewand über und die Schnabelschuhe aus braunem Leder an und tat stundenlang mit heiserer Stimme das, was ein Gaukler so eben tut: gaukeln. „Ich bin ein Geschichtenerzähler“, erklärte er.

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Hier darf sich schon mal „tot“ auf „rot“ reimen

Überall liefen phantasievoll verkleidete Leute herum: Burgfräulein, Wahrsagerinnen, Ritter und Leute in merkwürdigen Lumpen. Eine Traumwelt ist das, diese Arbeitswelt. Der Witz der Rolle, die Magister von Winterfeld darin einnimmt, ist vor allem derjenige, dass er die Erscheinungen der Gegenwart mit einem mittelalterlichem Blick kommentiert: gegelte Haare, Turnschuhe, Kinderwagen etwa. Der Gaukler spricht die Leute dann an und erzählt von den Nachteilen des Schweinefetts im Haar und fragt, warum der Esel nicht vor die Kutsche, sondern dahinter gespannt wurde. Auch die Banane ist dem Mittelalter fremd, das bestenfalls fettige Würste kennt, und so ist auch die Banane immer einen Scherz wert.

Ein spontaner Minnegesang mit Hasenzähnen ist auch Teil des Programms; hier darf sich schon mal „tot“ auf „rot“ reimen, und „lalala“ auf „wunderbar“. Und neben der Improvisation befinden sich im Repertoire eigene Gedichte, die zum Beispiel von Odysseus handeln.

Andererseits hat der Beruf auch sehr entspannende Seiten. Der Gaukler hat von montags bis freitags meistens frei und arbeitet dann am Wochenende. Dass diese Arbeitszeiten gegensätzlich zu anderen bürgerlichen Arbeitsrhythmen stehen, musste er erfahren und bezahlte dies mit der Scheidung. Seinen beiden Kindern wollte er unbedingt nahe bleiben, und zog deshalb in den Zirkuswagen bei Ostbevern um. Den ließ er sich maßanfertigen für 36 000 Euro. Seitdem er nur noch ein paar wenige Quadratmeter zum Leben hat, ist er noch glücklicher. Hier gibt es alles, was man braucht, und kein bisschen mehr: Holz, ein Bett, ein Laptop, ein Radio, eine Kaffeemühle, die mit der Hand zu betreiben ist und die dazu führt, dass man nach der langen Mahlprozedur den Kaffee umso mehr genießen darf.

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In der Nachbarschaft gibt es drei blonde Kinder und zwölf blonde Schafe

Wenn Jörg von Winterfeld frei hat, findet man ihn hier auf der Veranda, bei Sonnenschein sitzt er aber noch lieber davor, draußen auf der Wiese. Der Zirkuswagen steht im Münsterland, und in der Nachbarschaft gibt es drei blonde Kinder und zwölf blonde Schafe mit einigen Lämmern, die von der Veranda aus genaustens zu beobachten sind. Manchmal rauscht dann ein Zug vorbei, aber das ist auch nicht so schlimm. Manchmal, aber ganz selten, kommen Journalisten, zum Beispiel vom Lokalfernsehen, die „etwas über Aussteiger“ machen wollen. Dann freut er sich immer und erzählt, was sie wissen wollen. Es seien sehr nette Journalisten gewesen, sagt er später. Kürzlich lud man ihn zu einer Sendung über Nachbarschaftsstreit ein. Aber mit seinen Nachbarn ist er wirklich gut befreundet, weshalb er absagte.

Am Wochenende muss Jörg von Winterfeld arbeiten gehen. Er fährt mit der Vespa zum Bahnhof und dann mit dem Zug zu irgendeinem Burgfest oder Mittelaltermarkt. Gelegentlich spielt er Krimi-Dinner, und er hat auch schon Theater auf kleineren Bühnen gespielt, zum Beispiel den Faust. Darin, sagt er, sei er Mittelklasse gewesen. Und unter lauter Mittelklasseschauspielern, die unter ihrer Mittelmäßigkeit litten und allerhand Schuldige dafür ausmachten, aber ziemlich verbiestern wirkten, hatte es ihm nicht so gut gefallen. Die Gaukler aber, die sind echte Hippies. Ach was: Auch da gab es schlechte Erfahrungen.

„Die Neunzigerjahre waren vergleichsweise goldene Zeiten“

Es gab Öko-Dogmatiker und Leute, die Geld böse fanden, einen konsequenten mittelalterlichen Lebensstil einforderten, die böse Witze über Juden machten, und es gab auch solche Leute, die selbst ordentlich viel Geld verdienten, aber einem kleinen, verträumten Gaukler wie Jörg von Winterfeld einen mageren Lohn zahlten, über den er sich aber nicht beschwerte. „Die Neunzigerjahre waren vergleichsweise goldene Zeiten“, erinnert er sich, „damals zahlten die Städte gute Honorare, sie finanzierten den gesamten Mittelaltermarkt, und heute müssen sie sich selbst über Wasser halten, weil die Kommunen kein Geld mehr übrig haben.“

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Auf den Reisen sind es die Veränderungen, die er liebt. Die Bewegung, das ständige Neue. Stadt und Land, romantische Kulisse und Theater, Luxushotels und Heuböden zum Schlafen. „In diesen Übergängen und Veränderungen liegt sehr viel Energie“, sagt der Gaukler.

Man muss, wenn man über Jörg von Winterfeld schreibt, unbedingt auch seine freundliche Stimme beschreiben. Die Stimme ist das wichtigste Werkzeug für einen Gaukler. Nur wenn er eine angenehme Stimme hat, wird er erfolgreich sein. Seine ist krächzend und warm zugleich, lustig und zugewandt. Noch wichtiger aber, als dass man diese Stimme mögen muss, ist, dass er die Menschen so sehr mag. Und, dass er sie ärgern mag. Denn das ist sein ganzes Geheimnis und sein Kapital: seine ganz besondere Freiheit.

Quelle: F.A.Z.
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