Universität Halle

Von Sparplan zu Sparplan

Von Vincent Streichhahn
02.12.2021
, 08:11
Der Löwe ruht, ansonsten ist viel in Bewegung: am Hauptgebäude der Martin-Luther-Universität Halle
Im Haushalt der Universität Halle klafft ein Millionendefizit. Drastische Kürzungen stehen im Raum – wie eigentlich immer in den vergangenen dreißig Jahren. Über eine Hochschule im Dauersparmodus.
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Zwischen zwei großen Plattenbauten und einem Studentenwohnheim steht ein unscheinbares Backsteinhaus. Die Farbe blättert von Fenster- und Türrahmen. Nur die flaschengrünen Schilder neben der Eingangstür bezeugen, dass das Haus nicht leer steht. Auf einem prangt „Ehemaliges Zentrum für Ingenieurwissenschaft“. Als das Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2016 endgültig seine Pforten schloss, war der Beschluss zur Abwicklung der Fakultät schon zehn Jahre alt. Der einstige Direktor des Zentrums, Joachim Ulrich, ist bis heute nicht ausgezogen. Fast täglich geht er noch kurz ins Büro, um „Restarbeiten“ zu erledigen, wie er sagt.

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Ein Blick auf die Geschichte der Ingenieurwissenschaft ist gerade in diesen Tagen lohnenswert. Erst im Frühjahr hatte Universitätsrektor Christian Tietje eine Bombe platzen lassen: Im Haushalt fehlen 15 Millionen Euro – jedes Jahr! Im Mai präsentierte das Rektorat einen weitreichenden Vorschlag, dem zufolge mehrere Professuren gestrichen und ganze Fakultäten umgruppiert werden sollten. Der Akademische Senat, das höchste Gremium der Universität, sollte das Papier durchwinken. Der Aufschrei war groß. Auf der Senatssitzung war von einem „Blutrausch des Rektorats“ die Rede. Das Papier wurde in der vorliegenden Form nicht beschlossen, aber der Senat leitete ein Verfahren ein, an dessen Ende Kürzungsbeschlüsse stehen sollen.

Wie langwierig solche Strukturveränderungen sind, weiß kaum jemand so gut wie Ulrich. Als die Schließung der Ingenieurwissenschaft in Halle mit seinen mehr als 120 Mitarbeitern 2006 endgültig beschlossen wurde, waren der heute pensionierte Professor für Thermische Verfahrenstechnik und seine Kollegen enttäuscht und wütend. Doch statt sich andernorts auf eine Stelle zu bewerben oder die Professur auf Lebenszeit auszusitzen, übernahm Ulrich Verantwortung. Er wurde Direktor des Zentrums für Ingenieurwissenschaft und Prorektor der Universität mit dem Auftrag, die Abwicklung zu gestalten. „Nicht weil mir das zu diesem Zeitpunkt Spaß gemacht hätte, sondern schlicht und einfach, weil ich der Meinung bin, dass man den Prozess für die betroffenen Menschen fair gestalten muss.“ Die Mitarbeiter seien ihm immer wichtig gewesen. Davon zeugen auch die vielen Fotos von Doktoranden und Kollegen in seinem Büro.

Wer glaubt, mit der Schließung von Fächern oder ganzen Fakultäten von heute auf morgen Geld zu sparen, irrt. „Am Tag nach dem Beschluss hat sich gar nichts geändert“, erinnert sich Ulrich. Jeder Student hat das Recht, sein Studium zu beenden. Im Idealfall dauert das fünf Jahre, erst danach spart eine Universität wirklich Geld. Rechnet man Elternschaft, Wiederholungsprüfungen und Krankheiten ein, sind es realistisch sieben bis acht Jahre. In dieser Zeit wird weiter Personal für Lehre, Betreuung, Prüfungen und Verwaltung benötigt. Unbefristete Stellen können nicht einfach gekündigt werden. Auslaufende Stellen werden nicht neu besetzt. Permanent sind Löcher zu stopfen.

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Ungefähr ein Drittel der einstigen Mitarbeiter war noch übrig, als die letzten Studenten die Hochschule verließen. Für sie wurde nach internen Lösungen gesucht. „Ich halte es mir zugute, dass keiner durch die Ritzen gefallen ist“, sagt Ulrich. Mehrere Jahre später ist kein Groll bei ihm zu spüren. Er trägt ein ausgefärbtes blaues T-Shirt mit dem Logo der Universität. Es ist auch seine Uni. Auf die aktuellen Kürzungsdiskussionen angesprochen, sagt er: „Wir müssen die Schäden der Vergangenheit unter ganz schwierigen Bedingungen reparieren.“

Lasten aus den Wendejahren

Der 63 Jahre alte Bertold Marquardt hat die Geschichte der Universität seit der Wende miterlebt. Sein Weg führte ihn vom thüringischen Ilmenau schon 1985 nach Halle. Dort war er anfangs Mitarbeiter in der Physik. Seit 1990 vertritt er im Personalrat die Interessen der Beschäftigten. Sein Büro befindet sich in einer Nebenstraße unweit des alten Campus. Neben einem Nagelstudio ist ein Durchgang zum Hinterhaus, dritter Stock, verwinkelte Gänge.

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Als Marquardt sein Amt antrat, wurde das ostdeutsche Hochschulsystem gerade auf den Kopf gestellt. Transformationsprozess nennt man das in der Verwaltungssprache. Es kam zur Abwicklung von systemnahen Bereichen, einem massiven Personalabbau und zur Zunahme befristeter Beschäftigung. Anfang der Neunzigerjahre musste die geschichtsträchtige Universität Teile der aufgelösten Pädagogischen Hochschule Köthen und der Technischen Universität Merseburg integrieren. Das ging nicht ohne Verluste. Die Beschäftigtenzahl sank allein in Halle von 4322 Mitarbeitern im Dezember 1989 auf 2769 Mitarbeiter drei Jahre später. Es kam zu gravierenden Strukturproblemen. In manchen Fachbereichen gab es nun zu viele Mitarbeiter für dieselbe Stelle, in anderen zu wenig. „Eigentlich hätten Umstrukturierungen in dieser Größenordnung jeder Hochschule auf Jahre hinaus genügend Probleme bereitet“, sagt Marquardt.

Doch die Universität kam nicht zur Ruhe. Nach der Jahrtausendwende beschloss die Landesregierung die Streichung jeder fünften Mitarbeiterstelle. Grund waren Studien, die von Mitte der Neunzigerjahre an sinkende Studentenzahlen voraussagten. Dazu ist es nie gekommen. Ausgelegt ist die Universität eigentlich für 14 000 Studenten, eingeschrieben sind heute mehr als 21 000. „Wir haben damals so viel dagegen argumentiert, was das für Folgen hat, dass die Zahlen nicht stimmen“, sagt Marquardt. Vergeblich. Das damalige Rektorat wollte zügig Fakten schaffen und legte dem Personalrat am Nikolaustag 2001 fast zweihundert Kündigungen zur Zustimmung vor. Um betriebsbedingte Entlassungen zu vermeiden, wurde zuvor in Absprache zwischen Landesregierung, Gewerkschaften und Personalrat eine „Wissenschafts-Service-Gesellschaft“ gegründet – ein schicker Name für eine Auffanggesellschaft. Betroffene waren nach einem Wechsel vor einer Kündigung geschützt.

Das Rektorat versprach sich durch die harten Einschnitte längere Planungssicherheit. Weit gefehlt. Schon 2003 verkündete die Landesregierung weitere Kürzungen der Hochschulmittel, um den Landeshaushalt zu konsolidieren. In dieser Kürzungsrunde, der auch die Ingenieurwissenschaft zum Opfer fiel, wurde die Lehramtsausbildung in Magdeburg geschlossen und komplett nach Halle verlegt. Die Doppelstrukturen seien Luxus, den man sich nicht leisten könne, war damals das Argument. „Das klingt erst mal toll“, sagt Marquardt, „in Wirklichkeit ist nichts verlagert worden, man hat schlicht die Ausbildungskapazität fast halbiert.“ Welche Auswirkungen das nicht nur für die Universität, sondern für das ganze Land hat, ist heute offenkundig. Sachsen-Anhalt leidet unter akutem Lehrermangel. Unterricht fällt regelmäßig aus – ganz ohne Corona. In manchen Fächern ist die Bedarfsdeckung so gering, dass Schüler in einzelnen Fächern keine Noten bekommen.

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Endlose Spardebatten

Bei der Zustandsbeschreibung sind sich alle einig: Der universitäre Haushalt ist seit Jahrzehnten unterfinanziert. Die größten Finanzlöcher konnten temporär durch zusätzliche Gelder gestopft werden. Das Grundproblem der strukturellen Unterfinanzierung wurde dadurch aber nur hinausgeschoben. Alle Jahre wieder brechen deshalb Kürzungsdiskussionen aus — wie im Jahr 2013. Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt sollten damals fünfzig Millionen Euro sparen. „Die hatten ernsthaft vor, die Medizin in Halle zu schließen“, sagt Marquardt noch heute fassungslos. In der Folge kam es in der Stadt zu den größten Demonstrationen seit der Wende. Die Landesregierung ruderte zurück und schloss mit den Hochschulleitungen den sogenannten „Bernburger Frieden“.

Manche meinten damals, dass sich die Universität gesund kürzen müsse. Das sei zwar ein schmerzhafter Prozess, aber danach könne man endlich mit dem Haushalt auskommen. Diese Position vertritt auch Ulrich, der damals selbst zu den Betroffenen zählte. „Wenn man eine bestimmte Menge Geld hat, kann man dafür nur eine bestimme Leistung anbieten. Was wir im Moment als Uni machen, ist unseriös.“ Die Kritiker dieser Strategie verweisen darauf, dass sie schon oft probiert worden, aber noch nie erfolgreich gewesen sei. Es brauche mehr Geld. An einen unverhofften Finanzsegen durch das Land glaubt jedoch niemand so recht.

Nach den aktuellen Sparplänen des Rektorats würden rund 250 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Eine gesamte Fakultät steht auf dem Spiel. „Das ist richtig heftig und eine Größenordnung, bei der wir früher Sozialpläne verhandelt haben“, sagt Marquardt. Für Ulrich hingegen führt daran kein Weg vorbei. „Im Moment erzeugen wir Schäden, permanent, flächendeckend.“ Das müsse sich ändern.

Wer am Ende von den Streichungen betroffen sein wird, weiß niemand. Mehrere Senatskommissionen arbeiten an Vorschlägen. Ende des Jahres sollen erste Entscheidungen getroffen werden. Vom Land kommen derweil irritierende Signale. Von Unterfinanzierung will man dort offiziell nichts wissen. Der Schließung von Fakultäten werde man nicht zustimmen, hieß es im Sommer. Stattdessen müsse die Universität endlich ihre Hausaufgaben machen. Über solche Aussagen können Ulrich und Marquardt nur den Kopf schütteln. Auf die Frage, ob man trotz einer weiteren Kürzungsrunde dieselbe Debatte in ein paar Jahren wieder führen wird, antwortet Marquardt lakonisch: „Ja, aber das ist doch seit dreißig Jahren so.“

Quelle: F.A.Z.
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