Studieren in Sierra Leone

Wenig Platz für Bildung

Von Pauline Stahl
17.06.2021
, 14:33
Mariama Precious Gallant
In Sierra Leone studieren nur ein Prozent aller Frauen. Wie zwei von ihnen es bis zum Master geschafft haben.

Als Mariama Precious Gallant zehn Jahre alt war, starb ihr Vater, ein Jahr später ihre Mutter. Damit sie weiterhin zur Schule gehen konnte, nahm sie jeden Job an, den sie kriegen konnte. „Frittierte Hühnchen, frittierte Hühnchen.“ Für einen Hungerlohn lief Gallant durch die Straßen von Bo, die drittgrößte Stadt in Sierra Leone, und bot Essen an. Dann verkaufte sie Seifen, auch mit selbst gemachten Schuhen versuchte sie Geld zu verdienen. „Es gibt Frauen da draußen, die machen genau dasselbe und noch viel mehr, nur um zu überleben“, sagt Gallant. „Du wachst jeden Morgen auf und denkst darüber nach, was du essen und anziehen kannst.“ Die meisten von Gallants Freundinnen haben die Schule abgebrochen.

Sierra Leone in Westafrika ist eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem Index für menschliche Entwicklung rangiert Sierra Leone auf Platz 182 von 189. Nicht mal die Hälfte der über 15-Jährigen können lesen und schreiben. Das ist eine der niedrigsten Alphabetisierungsraten weltweit. Nur ein Prozent der Frauen im Land haben Zugang zu einer Ausbildung oder Universität. Die restlichen 99 Prozent heiraten meist früh, oft sind sie noch Mädchen, und bekommen jung Kinder – auch als eine Art Familienabsicherung. Politische Konflikte verhindern eine langfristige Entwicklung. Auch die Ebola-Epidemie in den Jahren 2014 bis 2016 ist eine Folge der instabilen Verhältnisse gewesen. Sie brachte viele Waisenkinder hervor, die kaum eine Chance auf Bildung haben.

Gallant gehört zu den Ausnahmen. Ihr Pastor hat ihr ein Stipendium verschafft, mit dem sie trotz allem die Schule abschließen konnte. Jetzt studiert sie Massenkommunikation in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone.Ohne Nebenjob ging es trotzdem nicht. „Die meisten Menschen hier sind arm, und es gibt kaum finanzielle Möglichkeiten, uns durch die Schulzeit zu bringen“, sagt die 20-Jährige. Da in den oft großen Familien nicht alle Kinder finanziert werden können, haben die männlichen Nachkommen Vorrang. Die einzige Möglichkeit, trotzdem eine Schule zu besuchen, ist, selbst Geld zu verdienen. Gleichzeitig ist es für Frauen besonders schwierig, einen Job zu finden. „Viele Chefs fragen, ob du mit ihnen schläfst, bevor sie dich einstellen“, sagt Gallant. „In Sierra Leone eine Frau zu sein ist wirklich hart.“ Zu den finanziellen Hürden kommt die weit verbreitete Einstellung, dass nur Männer Zugang zu Bildung haben sollten, während die Frauen sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Zwar steht die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Verfassung, aber sie deckt sich nicht mit der Realität in den Dörfern.

Es geht nicht nur um ein höheres Einkommen

Gallant ist eine von sechs Frauen unter 20 Männern in ihrem Studiengang. In anderen Fächern sieht es ähnlich aus. Adam Goguen lehrt seit 2011 Jura in Sierra Leone. Zurzeit arbeitet er an einem neuen IT-Studiengang für das Canadian College of Modern Technology, wo auch Gallant studiert. Obwohl sich das Geschlechterverhältnis in den meisten Einrichtungen langsam angleiche, seien vor allem die Wissenschaftsbereiche noch immer eindeutig männlich geprägt, erklärt er. „Frauen hier kommen nicht aus Zufall an die Universität“, sagt Goguen. „Jede Einzelne steht für eine Reihe von zielgerichteten Entscheidungen und Kämpfen, um hierherzugelangen.“ Der Amerikaner weiß, dass sich vor allem in ländlichen Gebieten traditionelle Ansichten mit finanziellen Hürden paaren und dazu führen, dass meist nur Jungs die Möglichkeit bekommen, eine Schule zu besuchen, und Mädchen stattdessen Kinder bekommen.

Dass sie ein „Opfer von Teenagerschwangerschaft und früher Heirat geworden wäre“, hätte sie die Schule nicht abschließen können, denkt auch Adamsay Turay. Ihr Vater starb, als sie zwölf Jahre alt war. Ihre Mutter verkaufte Kohle, um sie und ihre acht Geschwister zu ernähren. Für Bildung war da nicht viel Platz. Turay ging zur Schule, aber weiter als bis zum Abschluss dachte sie nicht. „Aus den ländlichen Gebieten Sierra Leones zu stammen reduziert meine Chancen, eine gebildete Frau zu werden“, sagt sie.

Dass Turay trotzdem weitermachte, lag daran, dass ihre Schule, betrieben von der Organisation EducAid, ihr Potential erkannte und sie an die Partnerorganisation L’appel empfahl. 2016 hatte L’appel das Förderprogramm „Women Empowerment“ gestartet, mit dem Bachelor- und Masterstudentinnen unterstützt werden. Turay war eine der ersten Frauen, die an dem Programm teilnahmen. Bis heute wurden zehn Stipendiatinnen aufgenommen.

„Wir können nur einen Bruchteil der Frauen fördern, die es verdient und nötig hätten“, sagt Katharina Altmann, die in Witten Medizin studiert und bei L’appel arbeitet. Ein Studium in Sierra Leone kostet 1000 Euro jährlich, und wer sich für die Förderung bereit erklärt, verpflichtet sich für das gesamte Studium. So will L’appel sicherstellen, dass die Frauen die Ausbildung durchziehen. Spenden akquiriert der Verein hauptsächlich über einen Förderkreis in Deutschland. Die 24-jährige Altmann fühlt sich verpflichtet zu helfen, weil sie als deutsche Studentin selbst in einer privilegierten Situation ist. „Ich denke, Bildung ist der Schlüssel zu ganz vielen Möglichkeiten“, sagt Altmann. Es geht nicht nur um ein höheres Einkommen. Bei Kindern von gebildeten Müttern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das fünfte Lebensjahr überleben, doppelt so hoch. Zudem sinkt das Risiko, sich mit HIV anzustecken und schon als Minderjährige zu heiraten.

Gallant kennt viele Frauen in Sierra Leone, die mit ihren Lehrern schlafen, damit sie in der Schule bleiben können. „Es gibt das Klischee, dass Frauen nicht für wichtige Positionen gemacht sind“, sagt sie. So sitzen an den entscheidenden Stellen fast ausschließlich Männer. Ihnen wird damit das Gefühl gegeben, dass sie besser und wichtiger sind. „Und für Frauen ist oft der einzige Weg, sich auf die Männer zu verlassen.“ Gallant hat viele Träume und Pläne. Sie hat für eine Fernsehstation an ihrer Uni gearbeitet und möchte nach dem Studium zur BBC oder zu CNN. „Ich will Journalistin werden, um anderen Frauen zu zeigen, dass sie es bis zur Ziellinie und sogar darüber hinaus schaffen können.“

Quelle: F.A.Z.
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