Studium mit Behinderung

„Einige finden vor Überforderung gar nicht den Weg zur Beratung“

Von Caroline Lindekamp
26.09.2021
, 16:20
Die Technische Universität in Dortmund möchte das Studium mit Behinderung attraktiver gestalten.
Die Onlinelehre bietet ungeahnte Chancen wie Herausforderungen, sagt der Beauftragte für Behinderung und Studium der Universität Dortmund. Im neuen Semester sieht er noch viel Potential.
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Herr Bender, Sie haben um ein Gespräch via Zoom statt Teams gebeten, weil Sie eine starke Sehbehinderung haben. Warum bevorzugen Sie die Plattform?

Wir haben zu Beginn der Pandemie eine Reihe von digitalen Werkzeugen auf Barrierefreiheit getestet. Zoom hat insgesamt weniger Barrieren. Deshalb nutzen wir an der TU Dortmund vor allem Zoom statt Teams. Es ist für mich als Nutzer einer Sprachausgabesoftware weitgehend intuitiv nutzbar.

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Aus diesem Blickwinkel habe ich die Tools noch nie betrachtet. Begegnet Ihnen diese Art von Unwissenheit regelmäßig?

Ja, Unwissenheit erleben wir oft, aber glücklicherweise nur selten Ignoranz. Dem begegnen wir am besten mit Aufklärung. Wir unterstützen die Lehrenden bei der barrierefreien Gestaltung ihres digitalen Unterrichts und geben Hinweise, wie auf Bedarfe von Studierenden mit Behinderung und chronischer Erkrankung reagiert werden kann.

Ein grundsätzlicher Ratschlag für alle Lehrenden?

Offenheit! Steht ein Lehrender zum ersten Mal vor 50 Seminarteilnehmenden, kann er die unterschiedlichen Bedarfe nicht erkennen – und online erst recht nicht. Im Vorlesungssaal ist ein Rollstuhl kaum zu übersehen, im Videocall kaum bemerkbar. Dozierende sollten daher einen geschützten Rahmen bieten, in dem Studierende ihre Situation offenlegen können. Dann gilt es, sich auf den Einzelnen einzustellen. Die erste Maxime ist immer, Barrieren möglichst von vorn herein zu vermeiden. Ansonsten müssen Alternativen her. Hier ist Nachteilsausgleich ein wichtiges Stichwort.

Wie kann so ein Nachteilsausgleich aussehen?

Sehbehinderte können zum Beispiel nicht jede Form von Onlineklausuren ablegen. Statt eines nicht barrierefreien Multiple-Choice-Tests empfehlen wir dann etwa ein Open-Book-Format mit barrierefreien Dokumenten. Oder wenn Studierende aus der sogenannten Risikogruppe nicht zur Klausur in den Vorlesungssaal kommen konnten, musste es für sie unbedingt Alternativen geben. Zum Beispiel einen separaten Raum.

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Manche Beeinträchtigungen sind äußerlich erkennbar. Aber wie steht es um die Einschränkungen, die unsichtbar bleiben?

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Tatsächlich sind sogar die meisten gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die im Studium relevant sind, nicht ersichtlich. Psychische Erkrankungen, Autismus oder chronische somatische Erkrankungen machen den Großteil aus. Mit dem Ende der Präsenzlehre gingen Alltagsstrukturen und soziale Kontakte verloren. Darunter haben viele gelitten, aber Studierende mit Depression oder einer ADHS-Diagnose umso mehr. Wir haben das in den Beratungsanfragen erlebt. Als Reaktion haben wir unsere Gruppentreffen online angeboten. Hier kamen einige Studierende auf die Idee, sich in Lerngruppen zu organisieren. Sie verabreden sich beispielsweise jeden Morgen um zehn Uhr zu einer digitalen Lerngruppe, auch wenn sie völlig andere Studienfächer haben. So ein fester Termin kann schon unheimlich helfen.

Das setzt aber voraus, dass die Studierenden sich trauen, über ihre Beeinträchtigung zu sprechen.

Die große Unbekannte sind die Studierenden, die sich weder an uns noch an Lehrende oder Kommilitonen wenden – aus Sorge vor Stigmatisierung oder Diskriminierung. Es ist zu befürchten, dass ein Teil so überfordert ist, dass sie nicht mal den Weg zu einem Beratungsangebot finden. Diese Dunkelziffer war schon immer hoch. Während der Pandemie könnte sie noch gewachsen sein. Aber das wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Wir müssen ein Klima fördern, das Studierende ermutigt, offen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen umzugehen.

Carsten Bender. Er leitet den Bereich Behinderung und Studium (DoBuS) am Zentrum für Hochschulbildung der TU Dortmund
Carsten Bender. Er leitet den Bereich Behinderung und Studium (DoBuS) am Zentrum für Hochschulbildung der TU Dortmund Bild: privat

Wie könnte das gehen?

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Eine Möglichkeit sind Vorbilder. Unser Beratungsangebot tragen überwiegend Kolleginnen mit eigener Behinderungserfahrung. Zudem organisieren wir ein Programm, in dem erfahrene Studierende mit Behinderung Studienanfänger mit ähnlichen Herausforderungen begleiten. Auch unter den Lehrenden sollten Vorbilder sichtbarer gemacht werden. Das macht Mut und sorgt für Akzeptanz.

Die Pandemie hat die Digitalisierung an den Hochschulen gestärkt. Können Sie dem etwas Positives abgewinnen?

Es gibt durchaus Chancen. Studierende mit einer Hörbeeinträchtigung folgen Onlinevorlesungen mit Untertiteln. Chronisch kranke Studierende haben uns häufig berichtet, dass ihnen die räumliche und zeitliche Flexibilität den Alltag erleichtert. Sie müssen unter Umständen häufiger Ruhepausen einlegen, Therapietermine wahrnehmen oder zur Dialyse. Nun Vorlesungen unkompliziert im Video-Replay nacharbeiten zu können erleichtert ihnen die Organisation. Aber auch in diesen Fällen gilt: Die Formate müssen den Barrierefreiheitsstandards entsprechen.

Klingt, als könnte man aus den vergangenen Monaten auch einiges für die Präsenzlehre mitnehmen.

Wir müssen uns schon fragen, wie wir die Präsenzlehre verbessern können. Digitale Tools haben das Spektrum an Möglichkeiten vergrößert, wir sollten sie weiterhin nutzen. Für einen Studierenden mit Behinderung kann schon der Weg zur Hochschule eine kraft- und zeitraubende Hürde bedeuten. Warum sollte man darauf bestehen, statt ihm auch zukünftig die Onlineteilnahme zu ermöglichen.

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Sie sehen also auch das Potential im neuen Semester?

Ja, aber unsere Herausforderung ist nun, die verbesserten Optionen beizubehalten und gleichzeitig Verlässlichkeit zu bieten. Manche haben nun schon drei Semester Studium hinter sich, aber den Campus noch nie betreten. Wenn jetzt doch der Start des Präsenzstudiums ansteht, müssen sie unter Umständen erst einmal eine behindertengerechte Wohnung am Studienort finden oder eine Studienassistenz beantragen. Bei den Planungen für eine bedingte Rückkehr zur Präsenzlehre werden diese Bedarfe häufig nicht gesehen. Aber diese dürfen nicht ignoriert werden, wenn Studierende mit Behinderung nicht zu den Leidtragenden der Pandemie zählen sollen.

Quelle: F.A.Z.
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