Kolumne „Uni live“

Mehr Mündlichkeit im Studium!

Von Laura Kinzig
05.08.2022
, 10:00
Ein leeres Heft muss kein Zeichen von Gedankenlosigkeit sein.
Der akademische Austausch findet heute hauptsächlich schriftlich statt. Doch Texte sind deshalb nicht wichtiger als Vorträge und Gespräche. Schreiben wir zu viel und reden zu wenig?
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Ein großer Teil unserer gegenwärtigen Wissenschaftskultur basiert auf Schriftlichkeit – ganz besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern. Es wird permanent geschrieben: Klausuren, Hausarbeiten, Essays, Seminarnotizen, E-Mails. Schreiben zu können, ist eine Grundvoraussetzung des Studiums. Wie essentiell es tatsächlich ist, habe ich erst bemerkt, als ich mir eine Sehnenscheidenentzündung in beiden Händen zugezogen habe. Ihretwegen kann ich seit einigen Wochen kaum eine PC-Tastatur anrühren, ganz zu schweigen von einem Stift.

Wenn die Hände streiken und das Schreiben verhindern, bleibt zum Glück noch ein anderes Organ, um sich auszudrücken: die eigene Stimme. Und es gibt nützliche Tools, die dabei helfen, das gesprochene Wort in Sekundenschnelle in geschriebenen Text zu verwandeln. Ohne die Existenz solcher Helferlein wäre ich bereits am Rande der Verzweiflung. Seit ich meine Texte einspreche, statt sie zu schreiben, habe ich viel über mich selbst gelernt – und darüber nachgedacht, welches Verhältnis wir in der Wissenschaft zum Schreiben und Sprechen haben.

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Mir scheint, dass das geschriebene Wort einen deutlich größeren Raum in der geisteswissenschaftlichen Kommunikation einnimmt als das gesprochene, und zwar oft zu Unrecht. In vielen Lehrveranstaltungen, die ich im Laufe meines Studiums besucht habe, wurden als Teilnahme- und Prüfungsleistungen vor allem Essays, Hausarbeiten oder Klausuren gefordert – Hauptsache, ein Schriftstück. Mündliche Prüfungen waren demgegenüber eine absolute Seltenheit. Mir ist bewusst, dass die Prüfungsformen stark von den Gepflogenheiten des Studiengangs und der Universität abhängen, und dass das mitunter auch durchaus sinnvoll ist.

Weg vom einsamen Gelehrten!

Es gibt einige Punkte, die für schriftliche Prüfungs- und Kommunikationsformen sprechen. Die Beurteilung einer Hausarbeit oder Klausur gestaltet sich für die Dozierenden vermutlich leichter als diejenige eines mündlichen Vortrags oder Gesprächs, da das Format handfester ist und eine bessere Bewertungsgrundlage liefert. Gerade im Hinblick auf die berufliche Zukunft ist es zudem ein klarer Vorteil, wenn Studierende sich regelmäßig in Rechtschreibung und Zeichensetzung üben und sich schriftlich gewandt ausdrücken können. Und manche Themen und Sachverhalte sind so komplex, dass es um einiges leichter und naheliegender ist, sie in einem Text auszuführen, als sie in einem Vortrag zu skizzieren.

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Gerade in Zeiten der Pandemie hat sich durch den verstärkten digitalen Austausch gezeigt, dass Texte verlässliche und beständige Kommunikationsmittel sind. Ihre Leser können sie sich nach Belieben zu Gemüte führen, ohne dafür örtlich oder zeitlich gebunden zu sein. Anders als bei einer (analogen) Sprechstunde, einem Vortrag oder einer Gesprächsrunde ist niemand darauf angewiesen, dass die Zuhörer anwesend sind, die Internetverbindung stabil bleibt und das computerinterne Mikrofon nicht plötzlich in den Streik tritt.

Doch der schriftliche Austausch kann auch zeitraubend und anstrengend sein – oft sind im Studium nicht nur einige große, wichtige Klausuren oder Hausarbeiten gefordert, auf die sich Studierende dann voll und ganz konzentrieren können, sondern viele kleine, die aber eine ebenso große Zahl an Creditpoints einbringen, sodass der Großteil der Semesterferien darauf verwendet werden muss, im Hörsaal oder am PC zu sitzen und einen gut formulierten Absatz nach dem anderen zu Papier zu bringen. Obendrein erhält man teilweise zu den mühsam erdachten Texten wenig bis gar kein Feedback, wenn man nicht explizit danach fragt oder darauf besteht. Auf diese Weise kann sich das Ablegen schriftlicher Prüfungsleistungen so anfühlen, als ginge man dem Geschäft eines einsamen Gelehrten nach, der in seiner Schreibstube sitzt und Texte produziert, für die sich hinterher niemand wirklich interessiert. Und das ist beim besten Willen nicht der Sinn des Studiums.

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Vorteil des Gesprächs

Ich möchte hier deshalb dafür plädieren, der mündlichen Kommunikation im Studium mehr Platz einzuräumen, denn sie hat gegenüber der schriftlichen einige Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen sind, aber leider oft vergessen werden. Da wäre zum einen die leichtere Kommunikation: Ein kurzes Gespräch ist oft viel besser als eine E-Mail geeignet, um zügig Absprachen zu treffen, Feedback zu erhalten oder gar ein Problem zu erklären. Zugleich kann man sich mündlich ganz unkompliziert regelmäßig austauschen und tatsächlich im Gespräch bleiben.

Zum zweiten kann ein fundierter, anregender Vortrag eine deutliche bessere Grundlage für eine Seminardiskussion bieten als die Lektüre eines langwierigen, schwer verständlichen Textes, den alle mehr oder weniger gut vorbereitet haben. Eine meiner Dozentinnen hat uns in ihren Kursen jede Woche aufs Neue dazu ermutigt, nicht nur ein Referat zu halten, sondern auch unsere Essays oder Hausarbeiten zum Besten zu geben – ganz egal, ob sie sich noch im Entstehungsprozess befanden oder bereits fertig waren. Erst im Nachhinein habe ich erkannt, was für ein großartiges Angebot das war.

Das Sprechen ist in der Wissenschaft nämlich nicht dazu da, aberwitzig lange Vorträge auszuarbeiten oder lästige Gruppenreferate zu halten, sondern vor allem für das angeregte Gespräch. Dazu gehört, eigene Gedanken in Diskussionen einzubringen, aber eben auch, die eigenen Texte vorzulesen und zu präsentieren. Dafür braucht es am Anfang etwas Überwindung, aber wenn man erst einmal über den eigenen Schatten gesprungen ist, hat es große Vorteile. Erst durch das Vorlesen bemerkt man holprige Formulierungen, zu lange Sätze und unzusammenhängende Abschnitte.

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Spielerischer Umgang

Außerdem gewinnt man Selbstvertrauen dadurch, dass man über die eigenen Texte spricht, Gedankengänge teilt, offene Fragen diskutiert und von Kommilitonen neue Ideen bekommt. Dabei kann es besonders hilfreich sein, wenn die formalen und inhaltlichen Erwartungen nicht zu hoch geschraubt werden und spielerisch an die Diskussion herangegangen wird: Mal liest beispielsweise jemand seinen Text selbst vor, mal lässt er ihn von jemand anderem vorlesen, mal hält ein Kommilitone einen spontanen Kurzvortrag von zehn Minuten über sein Hausarbeitsthema. Für solche Ideen und Formate sollten Dozierende meines Erachtens auch außerhalb des dafür fest vorgesehenen Rahmens von Kolloquien Platz schaffen. Denn das wissenschaftliche Gespräch sollte nicht auf einzelne Veranstaltungstypen festgelegt sein, sondern überall stattfinden können.

Unsere Sprache ist ein starkes und vielfältig einsetzbares Werkzeug der Kommunikation. Deshalb sollten wir sie uns zunutze machen und in der Wissenschaft sowohl den schriftlichen als auch den mündlichen Austausch suchen. Ein erster Schritt ist es, immer wieder aufs Neue darüber ins Gespräch zu kommen, ob die bestehenden Kommunikations- und Prüfungsformen für die jeweiligen Zwecke sinnvoll gewählt sind und inwieweit es möglich wäre, diese zu ändern, um auf die Bedürfnisse und Interessen von Studierenden einzugehen.

Schriftliche Texte sind hervorragend geeignet, wenn es um komplexe Sachverhalte, inhaltliche Präzision und Eleganz im Ausdruck geht. Doch es ist die mündliche Kommunikation, die an Universitäten dringend gefördert werden sollte. Denn Vorträge, Gespräche, Diskussionen – das sind die Mittel, die wirklich dynamischen Austausch fördern. Beim Sprechen werden gemeinsam neue Lösungen gefunden, Zweifel überwunden und Ideen auf den Weg gebracht. Durch das Gespräch kann man auch lernen, spontaner und intuitiver an Themen heranzugehen, Texte rhetorisch zu verfeinern und vorzutragen und Gedanken bereits vor dem Sprechen zu strukturieren. Geübtes Sprechen in der Wissenschaft verleiht nicht nur dem allgemeinen Austausch, sondern auch den eigenen Texten eine größere Lebendigkeit.

Laura Kinzig, 26 Jahre alt, promoviert im Fach Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen über das Verstehen literarischer Texte. Sie sammelt fremdsprachige Lieblingswörter wie andere Leute Briefmarken und fragt sich, wie man die Disziplin, sechs Bücher parallel zu lesen, zum Beruf macht.

Quelle: FAZ.NET
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