Wissenschaft vs. Tatort

Kann die Hirnforschung Lahme wieder gehen lassen?

Von Kais Harrabi
08.09.2019
, 21:45
In diesem Saal operieren die Roboter, Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt gegen Prof. Bordauer (Sebastian Bezzel)
Im neuen „Tatort“ verschwindet ein Querschnittsgelähmter und eine Ärztin wird ermordet. Die Spur führt zu einem Hirnforscher, der wahre Wunder vollbringt. Reine Science-Fiction? Wir haben einen Experten gefragt.
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Herr Prof. Ziemann, der Hirnforscher aus dem neuen „Tatort“, Prof. Bordauer, kann mithilfe von „Platinen“, die er ins Gehirn seiner Patienten verpflanzt, Depression und Demenz heilen, mit einem Chip in seinem eigenen Gehirn kann er angeblich Computer steuern. Auch ein Exoskelett kommt zur Sprache, dass über solch eine Schnittstelle bewegt werden kann. Wie weit ist die Forschung – wie viel davon ist heute schon Realität, wie viel noch Science-Fiction?

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Ulf Ziemann: Dieser Bereich der Neuromedizin wird aktuell sehr stark beforscht, und es ist auch schon viel entwickelt worden. Ich spreche jetzt natürlich aus einer klinisch-therapeutischen Perspektive und da zielen die Neurowissenschaften auch hin. Nehmen wir als Beispiel mal einen Patienten, der eine schwer verlaufende Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) hat, wie zum Beispiel Stephen Hawking, der verstorbene Physiker. Oder Menschen nach einem Schlaganfall, die komplett gelähmt sind und nicht mehr kommunizieren können, sogenannte Locked-In-Patienten. Denen können wir mit einem Brain-Computer-Interface die Möglichkeit geben, wieder mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Hierbei werden Elektroden durch einen neurochirurgischen Eingriff auf oder in das Gehirn eingebracht. Diese können elektrische Hirnaktivität messen, und diese Signale können vom Patienten prinzipiell genutzt werden, um zum Beispiel ein Buchstabierprogramm auf einem Computer anzusteuern. Dadurch steigt die Lebensqualität solcher Patienten enorm.

Prof. Ulf Ziemann ist Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie an der Uniklinik Tübingen und Experte für tiefe Hirnstimulation bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
Prof. Ulf Ziemann ist Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie an der Uniklinik Tübingen und Experte für tiefe Hirnstimulation bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Bild: Ingo Rappers/Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

Ein anderer Bereich ist die Tiefe Hirnstimulation. Dabei werden Elektroden tief ins Gehirn eingebracht, die diese Areale dann stimulieren. Das wird zum Beispiel bei Parkinson-Patienten eingesetzt, bei denen die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist: die Gliedmaßen sind steif und die Bewegungen zu klein und zu langsam. Durch Stimulation bestimmter Regionen tief im Gehirn können wir diesen Patienten wieder Bewegungsfähigkeit zurückgeben. Momentan werden diese Hirnareale noch dauerhaft stimuliert. Aber man hat herausgefunden, dass es noch viel effektiver ist, wenn man diese Areale als Antwort auf bestimmte Signale stimuliert. Deshalb ist die Neurowissenschaft dabei, Elektroden zu entwickeln, die auch die Hirnaktivität der umliegenden Areale messen können und dann adaptiv stimulieren. Das spart ganz profan auch Akku und Ressourcen.

Im Tatort geht es auch um einen Querschnittsgelähmten, der all seine Hoffnung in Prof. Bordauer setzt, um wieder laufen zu können. Kann die Hirnforschung wirklich etwas für Menschen, die querschnittsgelähmt sind, tun, sie bestenfalls sogar wieder gehen lassen?

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In den Vereinigten Staaten haben Forscher es geschafft, diese Signale bei einem querschnittsgelähmten Patienten dafür zu nutzen, ein Exoskelett anzusprechen. Bei einem Patienten ging das sogar so weit, dass er auf diese Weise einen Becher greifen und diesen zum Mund führen und trinken konnte. Das sind zwar noch Einzelpatienten, aber es handelt sich dabei schon um spektakuläre Fortschritte. Ich halte das Ganze für einen wichtigen Zukunftsbereich der Neuromedizin.

Prof. Bordauer gelte in der Szene als „Transhumanist“, heißt es an einer Stelle. Es wirkt fast wie ein Schimpfworf. Wie steht die Hirnforschung zu „Transhumanisten“?

Nach meinem Verständnis kommt dieser Begriff aus der Philosophie und bedeutet zunächst einmal, dass Menschen mit bestimmten Technologien über ihre biologischen Grenzen hinaustreten. Das gilt ja eigentlich schon für Steinzeitmenschen, die anfangen Werkzeuge einzusetzen. Aber wenn wir heute über Transhumanismus sprechen, dann geht es auch um Szenarien, die meiner Meinung nach ethisch nicht vertretbar sind. Wir müssen zum Beispiel ganz klar die therapeutische Neuromedizin vom Neuroenhancement abgrenzen, also von der Leistungssteigerung an sich gesunder Menschen durch entsprechende Eingriffe der modernen Neuromedizin. Ich glaube, ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen, wenn ich sage: Unsere Intention ist ganz klar, Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen zu helfen und deren Lebensqualität zu verbessern. Wir als Neuromediziner sind ausschließlich daran interessiert, unseren Patienten zu helfen.

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Am Ende stolpert Bordauer darüber, dass er Versuche an Menschen durchgeführt hat. Wie streng sind die Regeln für Versuche am Menschen in der Hirnforschung?

Da muss man ganz klar sagen, dass die Auflagen hier mittlerweile weltweit sehr streng sind. Klinische Studien müssen immer durch eine verantwortliche Ethikkommission genehmigt werden. Diese Kommissionen wägen Nutzen gegen Risiko ab. Patienten werden dann nur nach schriftlicher Aufklärung und Einwilligungserklärung in Studien eingeschlossen. Sämtliche Studien folgen den Grundsätzen der Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes zu ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen. Gerade in unserem Bereich kommen auch oft noch nicht zugelassene Medizinprodukte zum Einsatz und für deren Testung gelten ebenfalls sehr strenge Auflagen. Klinische Forschung am Menschen ist notwendig für den medizinischen Fortschritt. Sie ist aber so reguliert, dass sie ethisch und verantwortungsvoll durchgeführt wird.

Wenn Menschenversuche umstritten und ethisch schwierig sind, wie wird dann in der Hirnforschung eigentlich experimentiert und gearbeitet?

Klinische Studien mit Patienten erfolgen oft zunächst mit kleinen Patientengruppen, um Machbarkeit und Sicherheit neuer Therapieverfahren zu überprüfen, bevor Studien an großen Patientengruppen zum Nachweis der Wirksamkeit durchgeführt werden. Und es ist auch wichtig, dass diesen Patienten nachweislich durch zugelassene Behandlungsmethoden nicht ausreichend geholfen werden konnte. Ein wichtiger Bereich für uns Neuromediziner ist aber auch die tierexperimentelle Forschung. Viele klinische Studien werden mit tierexperimentellen Versuchen vorbereitet. Das wäre anders kaum denkbar. Die grundlegenden Kenntnisse, die wir heute über das Gehirn haben, kommen ursprünglich aus Tierversuchen und sind erst dann auf den Menschen übertragen und umgesetzt worden.

Die Fragen stellte Kais Harrabi

Quelle: FAZ.NET
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