Dschihadismus

Terror im Opferkleid

Von Thomas Thiel
15.10.2021
, 10:47
Darstellung einer Mudschahedin-Versammlung im Dschihad-Museum im afghanischen Herat
Eine Konferenz klärt über die verschiedenen Formen des Dschihad auf. Die religiöse Ideologie, die den Terror zusammenhält, kommt allerdings zu kurz.
ANZEIGE

Der militante Dschihad hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als 140 000 Zivilisten in den Tod gerissen und breitet sich besonders in Afrika wie ein Flächenbrand aus. Die Dschihadisten begriffen früh, dass sich dieser Krieg auch in den Medien abspielt und bereiteten sich seit den Achtzigerjahren darauf vor. Als die Terroristen des „Islamischen Staates“ Gräuelvideos ins Netz stellten, waren viele erstaunt über deren rohe Professionalität. Ebenso wunderte man sich über die Anleihen der Islamisten bei der ihnen eigentlich verhassten westlichen Pop-Kultur. Dass Medienkompetenz und archaische Moral zu­sammengehen können, war schon vor den Tweets der Taliban bekannt.

ANZEIGE

Die Konferenz „Notions of Jihad Reconsidered“, veranstaltet von der Nachwuchsforschergruppe „Dschihad im Internet“ an der Universität Mainz, warf von der Ästhetik ausgehend einen weiten Blick auf das Phänomen. Der Schwerpunkt lag auf terroristischen Formen des Dschihad. Die ethnographische Sektion wi­derlegte die lange Zeit einflussreiche These des Politikwissenschaftlers Olivier Roy, es handele sich beim Dschihad um eine nihilistische Jugendrevolte oh­ne religiösen Beweggrund. Bei den von Hamza Esmili und Anja Kublitz befragten Jung-Dschihadisten, die in die Länder des „Arabischen Frühlings“ zogen, mischten sich eschatologische Motive mit der Hoffnung auf eine Renaissance der Ummah und einem Unbehagen am Konsumkapitalismus.

Wurden hier die unterschiedlichen religiösen und sozialen Motivlagen deutlich, so versprach die abschließende Sektion die titelgebende Auffächerung des Begriffs. Es war zu erwarten, dass dort auch nichtmilitärische Aspekte zu Wort kommen würden. Dschihad kann auch moralische oder spirituelle Ertüchtigung bedeuten oder den Versuch, eine islamische Weltordnung auf gewaltlosem Weg zu errichten. Diese Chance wurde je­doch vertan. Für den britischen Soziologe Salman Sayyid stand Dschihad pauschal für vom westlichen Imperialismus unterdrückte Handlungsfähigkeit. Dar­aus war zu schließen: Schuld am dschihadistischen Terror sind nicht die Täter, sondern ein Westen, der Muslimen grund­sätzlich die schlechtesten Absichten unterstellt. Angesichts der Opferbilanz des Dschihad nicht nur in westlichen Ländern war das eine ziemliche Verharmlosung, die den expansiven Cha­rakter der islamistischen Herrschaftsideologie ausblendete ebenso wie die Tatsache, dass der Islam global betrachtet weit weniger eine unterdrückte als unterdrückende Religion ist. An der Unterscheidung zwischen legitimer Kritik an religiöser Gewalt und pauschaler Verdächtigung von Muslimen war Sayyid gar nicht erst nicht interessiert. Ganz Europa war für ihn vom Virus der Islamophobie befallen, weshalb er eine post-westliche Weltordnung dringend her­beiwünschte. Zur Islampolitik der neu­en Weltmacht China schwieg er.

Nährboden des Terrors

Die verbindende Ideologie des Dschihad kam so nicht in den Blick. Auch der politische Islam und dessen mächtigste Organisation, die Muslimbruderschaft, haben ja die Errichtung von Gottesstaaten unter Scharia-Recht zum Ziel. Weil sich dieser in der Regel gewaltfreie Islamismus in Europa hinter einer Fassade der Menschenrechte und des Antirassismus versteckt, ist seine Analyse schwieriger als die des militanten Dschihadismus. Besonders schwer zu erfassen ist das wechselseitige Verhältnis. Es gibt Abgrenzung und Sympathien.

ANZEIGE

Das in London ansässige Islamic Hu­man Rights Committee (IHRC) beispielsweise, das sich offiziell dem Menschenrechtsaktivismus verschreibt, organisierte nicht nur den antisemitischen Al-Quds-Tag, sondern gab auch Solidaritätserklärungen für Hassprediger und einen weltbekannten Terroristen ab, der Hunderte von Menschen, die er aus religiösem Hass für minderwertig hielt, in die Luft zu sprengen versucht hatte. Es wäre interessant zu erfahren gewesen, ob Salman Sayyid, ein häufiger Gast des IHRC , die Solidaritätsadressen seines Gastgebers ebenfalls zum Aufstand gegen unterdrückte Handlungsfähigkeit zählt.

Der Schlussvortrag des österreichischen Politikwissenschaftlers Farid Ha­fez strickte die Opferlegende fort. Hafez ist einer der bekanntesten Vertreter der Islamophobie-Forschung. Mit finanzieller Unterstützung der Erdogan-nahen Seta-Stiftung hat er den European Islamophobia Report herausgegeben, ein pseudowissenschaftliches Machwerk, das ausgiebig zur Diffamierung von Kritikern des politischen Islams genutzt wird. Zu den Autoren gehört beispielsweise Arzu Merali vom IHRC. Von der Konferenz hätte man sich dazu eine klare Positionierung gewünscht.

Hafez hatte in der Vergangenheit vielfach Kontakt zu Personen und Organisationen aus dem Aktionsfeld der Muslimbruderschaft und war ins Visier von Terrorfahndern geraten. Nach dem Wiener Attentat wurde seine Wohnung durchsucht. Vorgeworfen wurde ihm nun, ein führendes Mitglied der österreichischen Muslimbruderschaft und in Terrorfinanzierung verwickelt zu sein. Mittlerweile hat das Oberlandesgericht Graz die Razzia als teilweise rechtswidrig beurteilt. Das Verfahren gegen Hafez, das sich nicht allein auf die Hausdurchsuchung bezieht, läuft weiter. Strafbar bleibt die Verwicklung in Terrorfinanzierung. Die Gutachter, die von Hafez der Islamophobie beschuldigt worden waren, wurden mitt­lerweile vom Vorwurf der Befangenheit freigesprochen. Es gilt die Un­schuldsvermutung.

ANZEIGE

Aus diesen Vorgängen zu schließen, Kritik am politischen Islam und der Islamophobie-Forschung seien selbst nichts weiter als ein Produkt von Islamophobie, wie Hafez es tat, geht an der Realität vorbei. Der Islamophobia-Report ist dafür ein beredtes Beispiel. Als „islamophob“ wird hier schon ein Zeitungskommentar diffamiert, der Muslime dazu auffordert, Söhne und Töchter gleich zu behandeln. Über die Vordenker der Muslimbruderschaft hat Hafez eine Hagiographie verfasst, die deren An­tisemitismus und NS-Sympathien übergeht. Yusuf al-Qaradawi, der aktuelle Vordenker der Bruderschaft, lobt Hitler beispielsweise für den Holocaust und hofft darauf, dass die nächste Bestrafung der Juden durch Muslime ge­schieht. „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist un­sere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch“, lautet das Motto der Muslimbruderschaft. Auch diese Dimension des Dschihad hätte Beachtung verdient gehabt.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE