Kolumne „Uni live“

Der Blues vom Ende des Studiums

Von Maike Weisenburger
10.12.2021
, 15:13
Wenn aus den Einzugs- plötzlich Auszugskartons werden
Mit einem Bein noch in der Uni, mit dem anderen schon im echten Leben: Am Ende des Studiums überkommt einen plötzlich diese Wehmut. War’s das jetzt, war es genug?
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Kennt ihr Mitstudierenden das, wenn man durch die Stadt geht und an den Zweigen der kahlen Bäume hängt ein „Weißt du noch?“ Dieses Flüstern hört man am Ende einer jeden Ära, aber das Ende des Studiums kommt mir besonders bittersüß vor. Wenn man mit einem Bein noch in der Uni steht, aber mit dem anderen schon den Schritt ins echte Leben machen will. Klar ist das ein Sprung ins Ungewisse. Aber die größte Herausforderung ist, sich von einer bestimmten Art des Jungseins zu verabschieden.

Wie monumental, lebensverändernd, unfassbar es war, nach dem Abi irgendwo in einer neuen Stadt aufzuschlagen! Zum ersten Mal einen eigenen Haushalt schmeißen. Weit weg von der Vorsicht der Eltern, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, keinem mehr eine Erklärung schuldig zu sein. Was für ein Abenteuer. Zu Fremden in eine WG ziehen und dann Freunde werden. Und dann zu Vorlesungen sprinten, weil man sich in der Küche verquatscht hat. Zusammen prokrastinieren, lernen, verzweifeln, einander schwören, das nächste Mal pünktlich anzufangen. Alle haben Zeit, niemand hat Geld, also mit den letzten zehn Euro einen warmen Kasten Bier kaufen und auf taube Nachbarn anstoßen. Und wie es morgen weiter geht, sehen wir dann. Das ist Freiheit!

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Und dann scheint es, als hätte man nur geblinzelt und auf einmal ist man erwachsen geworden. Jedenfalls so erwachsen, dass man kein echter Teil dieser Zeit mehr sein kann. Dass man einfach nicht mehr reinpasst in dieses Lebensgefühl. Mit den Jahren verändern sich nicht nur die Gesichtszüge der Menschen, sondern auch deren Prioritäten. Weil man eine feste Beziehung hat und sich auf einmal gemeinsam ein Leben aufbauen möchte, statt sich einfach so von diesem überrumpeln zu lassen. Weil man um sieben aufstehen muss für eine Fünf-Tage-Woche. Weil man Urlaub planen muss, statt einfach in den Zug zu steigen und ins Ungewisse zu fahren. Da sind nach und nach die neuen Regeln, die man sich setzt, wenn man gezwungen wird, das Leben ein wenig ernster zu nehmen. Was für eine himmelschreiende Gemeinheit.

Werden wir etwa alt?

Die gewonnene Freiheit machen wir uns zum Schluss einfach selbst wieder madig. So kriegt sie einen, die Erwachsenenwelt: mit der Zeit ganz von alleine. Ihr kennt das wahrscheinlich, wie sich das anfühlt, wenn sich schließlich die Freunde zerstreuen und alle eigene Wege gehen. Die Einzugspartys werden zu Abschiedspartys. Es fühlt sich anders an, gemeinsam nachts auf die verbotene Dachterrasse zu schleichen, nicht wahr? Wenn man weiß, dass man dort vielleicht zum letzten Mal miteinander steht. Und man ist leiser geworden. Kennt ihr das? Versteht ihr, warum es sich schlimm anfühlt, das zuzugeben? Es ist, als müsse man sich eingestehen, dass die laute Zeit jetzt vorbei ist. Sogar, dass man von all den tausend verrückten Dingen, die man doch noch erleben wollte, vielleicht drei tatsächlich geschafft hat. Und schon steht die Frage im Raum: Wenn das die Zeit war, in der man wild und verrückt sein durfte, um danach ruhiger zu werden, habe ich sie dann genutzt oder habe ich sie verschwendet? Werden wir etwa alt?

Wenn ihr in eurer Stadt an all den Erinnerungen vorbeigeht, verspürt ihr dann Sehnsucht nach der guten alten Zeit? Ich verspüre keine Sehnsucht, wenn ich an sie zurückdenke, nur Freude, weil ich so glücklich war. Und ein bisschen Wehmut, weil ich merke, dass ich Abschied nehmen muss von etwas Schönem, in das ich nicht mehr hineinpasse.

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An alle Studierenden appelliere ich, auch und gerade in Corona-Zeitenn: Genießt diese einmalige, wilde, verrückte Zeit und erlebt eure eigenen Geschichten! Pflastert eure Stadt mit tausend Erinnerungen und verzeiht uns Studienabgängern derweil unsere Melancholie.

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Maike Weisenburger (27 Jahre alt) schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Mittelalterstudien und war im Zuge dessen entsetzt, dass das Studium danach zu Ende ist. Fordert alle Unwissenden zum Tjost auf, die ihre Begeisterung für mittelalterliche Literatur nicht verstehen.

Quelle: FAZ.NET
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