Kolumne „Uni live“

Ja sagen im Studium

Von Laura Kinzig
24.09.2021
, 15:32
Eine Eheschließung verbinden viele Menschen mit Sicherheit, Nachwuchsplanung und Sesshaftwerdung. Die Studienzeit ist oft vom Gegenteil geprägt. Ist es trotzdem sinnvoll, während des Studiums zu heiraten?
ANZEIGE

Sollte man während des Studiums heiraten? Auf den ersten Blick gibt es viele Gründe, die dagegen sprechen. Gerade Eltern und Großeltern bringen gern folgende Argumente: Eine Hochzeit ist eine große Lebensentscheidung, die man nicht leichtfertig treffen sollte. Wenn man heiratet, bindet man sich rechtlich ein Leben lang an seinen Ehepartner und verpflichtet sich, für ihn zu sorgen. Deshalb ist es wichtig, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Traditionell gesehen soll die Ehe auch dem Zweck der Familiengründung dienen, weshalb früher oder später Kinder vom Ehepaar erwartet werden. Im Studium zu heiraten, ist deshalb aus Sicht vieler Menschen ein zu früher Zeitpunkt für einen so wichtigen Schritt im Leben.

ANZEIGE

Auch aus studentischer Perspektive gibt es Aspekte, die dagegen sprechen könnten. Die Entscheidung, sich für den Rest seines Lebens an einen einzigen Partner zu binden, wirkt auf viele erst einmal beklemmend. Gerade im Studium als einer Zeit, in der man sich ausprobieren will, kann der Gedanke an eine Hochzeit Angst machen, etwas Wichtiges im Liebes- oder Studentenleben zu verpassen. Eine Ehe während des Studiums einzugehen, kann ziemlich spießig wirken. Und selbst, wenn man selbst ganz fest entschlossen ist, trotzdem schon heiraten zu wollen, kann es vorkommen, dass man für seine Entscheidung bei der eigenen Familie oder den Freunden keinen Rückhalt findet.

Warum nicht das Studentenleben genießen und die Zukunftsplanung auf später verschieben? In diese Richtung scheinen die meisten jungen deutschen Akademiker-Paare zu denken, denn der Trend bewegt sich seit Jahrzehnten dahingehend, erst in den Dreißigern zu heiraten, wenn das Studium abgeschlossen und die Karriere im besten Fall schon in Schwung gekommen ist. Grafiken des Statistikportals Statista, zeigen, dass das Heiratsalter von Paaren seit 1991 stetig ansteigt: Waren Frauen 1991 bei der Eheschließung im Schnitt noch durchschnittlich 26,1 Jahre alt, waren es 2020 schon 32,1 Jahre; der Durchschnitt bei Männern hat sich von 28,5 auf 34,6 Jahre erhöht. Erst mit über Dreißig zu heiraten, ist also ganz normal. Sich in Anbetracht all dieser Argumente dennoch für eine Hochzeit während des Studiums zu entscheiden, scheint unsinnig.

Mut und Halt

Ich habe mich trotzdem dazu entschlossen – denn es gibt auch viele gute Gründe, die für eine Hochzeit während der Studienzeit sprechen können. Mein Mann und ich haben uns nach vier Jahren Beziehung für die Ehe entschieden, obwohl wir grob gesehen keine der sozialen Erwartungen an eine Hochzeit erfüllen: Wir befinden uns immer noch im Studium, haben kein hohes Einkommen und planen erst einmal keine Kinder. Wir wollen auch nicht sesshaft werden, sondern viel reisen und für ein Jahr nach Japan ziehen. Heiraten wollten wir trotzdem schon während des Studiums, weil es uns persönlich viel bedeutet. Irgendwann dachten wir einfach: Wozu eigentlich warten, wenn wir uns sowieso sicher sind?

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Viele Paare lernen sich im Studium kennen, und es ist nicht selten, dass Studenten in dieser Zeit schon viele Jahre zusammen sind oder sogar zusammen wohnen. Die Ehe ist im Grunde nur ein möglicher nächster Schritt im gemeinsamen Leben. Eine Hochzeit ist heutzutage eine rein persönliche Entscheidung, die Paare vollkommen frei und selbstbestimmt wählen können. Diese Wahl schon im Studium zu treffen, ist nicht abwegig, denn es ist alles eine Frage der Perspektive. Für manche fühlt es sich im Alter von zwanzig Jahren genau richtig an, zu heiraten, während andere auch mit Mitte Dreißig noch grundlegende Zweifel am Konzept der Ehe hegen. Somit ist im Grunde weder der Zeitpunkt noch das Lebensalter der entscheidende Punkt bei einer Heirat.

ANZEIGE

Auch die Verpflichtungen gegenüber dem eigenen Partner können Vorteile haben. Aus rechtlicher Perspektive wäre da zum Beispiel der Ausblick auf Steuervergünstigungen, der zwar für die meisten Studenten eher noch eine untergeordnete Rolle spielt. Aber die Gewissheit, für immer rechtlich mit dem Partner verbunden zu sein, kann auch beruhigend wirken. Die Ehe hält auch dazu an, dem Partner immer physisch und emotional zur Seite zu stehen. Das tun die meisten Paare zwar unabhängig von ihrem Beziehungsstatus, aber die Gewissheit, dass der eigene Partner für den Rest des Lebens mit uns zusammenhält, kann sehr bestärkend wirken. Gerade in der Unizeit, in der viele Studenten immer wieder Selbstzweifel und Versagensängste haben, kann ein Ehepartner im alltäglichen Leben sehr viel Mut machen und Halt geben.

ANZEIGE

Es kann sogar Freiheit schenken

Findet ein Paar für seinen Entschluss keinen Rückhalt in seinem sozialen Umfeld, ist das belastend und nervenzehrend. Auf zweifelnde Nachfragen bei Verwandten zu stoßen wie jene, ob man sich das denn auch wirklich gut überlegt habe und nicht doch ein bisschen zu jung sei, kann einem selbst dann passieren, wenn man schon viele Jahre zusammen ist. Einige der Argumente gegen eine Hochzeit im Studium machen auf viele Menschen starken Eindruck, weil sie im Gegensatz zu den Argumenten für eine Hochzeit vernünftig und durchdacht wirken. Aber es ist immerhin die eigene Familie, mit der man zu tun hat. In Ruhe zu erklären, warum man heiraten möchte und wie man dabei vorgehen will, kann schon eine Menge an Überzeugung bewirken.

Wichtig ist es auch, sich bewusst zu machen, dass eine Hochzeit nicht automatisch in die häusliche Spießigkeit führen muss. Kein Paar ist verpflichtet, sesshaft zu werden, ein Haus zu bauen oder Kinder zu bekommen, nur weil es eine Ehe eingeht. Es gibt einen gewissen gesellschaftlichen Erwartungsdruck, der nicht zu leugnen ist, aber jeder kann lernen, damit auf seine Art umzugehen. Zugleich ist zu beachten, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für neuartige Familienmodelle in den letzten Jahren langsam aber sicher gewachsen ist.

Heiraten im Studium bedeutet, sich zu binden, aber es bedeutet nicht automatisch, sich einzuschränken. Es kann sogar Freiheit schenken: Die Freiheit, sich aus alten Rollenbildern wie dem Kind, das immer noch die Eltern als ersten Ansprechpartner bei Problemen wählt, zu lösen. Die Freiheit, aus sozialen Mustern auszubrechen und das Zusammenleben nach den eigenen Vorstellungen und Idealen zu gestalten. Und die Freiheit, Verantwortung zu übernehmen, weil die Eheschließung dazu anhält, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und für sich und den eigenen Partner die besten Entscheidungen zu treffen.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE