Kolumne „Uni live“

Die Qual der Studienwahl

Von Pauline Evers
20.01.2021
, 16:30
Ratlos nach dem Abi: Hochschulmessen, Tage der offenen Tür, Schnupperstudien – all das gibt es dieses Jahr nicht. Statt dessen Filterkaffee vor dem heimischen Rechner und eine verwirrende Flut von Internetseiten.

Als eine Freundin mir während eines Abendspaziergangs von ihrer Studienwahl erzählt, klingt das wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit: „Ich glaub ich hab damals beim Tag der offenen Tür einfach einen super sympathischen Typen getroffen, der mir das Ganze gut verkauft hat.“ Ich bleibe, zwei Meter entfernt, auf der Rasenfläche des Parks stehen und schaue sie an. Eigentlich klingt das ja nach einem ziemlich schwachen Grund dafür, für drei bis vier Jahre in eine andere Stadt zu ziehen und zu studieren. Trotzdem – ich bin neidisch.

Hochschulmessen, Tage der offenen Tür, Schnupperstudien – kurz: alle Möglichkeiten einen Eindruck davon zu bekommen, wie ein Studium aussehen kann, und sich mit Studierenden und Lehrenden auszutauschen – das gibt es für uns Traurigen nicht, die in diesem Coronajahr ein Studium beginnen. Nach dem Abi stehen wir mit lauter Fragen und ohne Plan da. Was für Studienrichtungen gibt es eigentlich? Was macht eine gute Hochschule aus und welche gibt es überhaupt? Vielleicht auch im Ausland?

Noch vor einem Jahr hätten die meisten meiner Freunde gesagt: egal, dann gehe ich jetzt erst einmal arbeiten und reisen, ich werde schon merken, was ich machen will. In Zeiten von Corona hieße das: online Nachhilfe von der eigenen Couch aus geben und am besten die Stadt nicht verlassen – nicht sehr verlockend. Motiviert und gespannt googelte ich also: „Studienwahl“. Vorbereitet war ich auf die schiere Masse der nun aufploppenden Websites nicht.

Schon der Weg zum Wunschfach ist lang

Eine Zeit lang klickte ich mich willkürlich durch Studienportale, die ich weder auf Grund ihres Namens noch wegen der Inhalte auseinanderhalten konnte. Studis Online, MyStipendium, Studycheck, Hochschulkompass … Studienwas? Nach knapp zwei Stunden Online-Selbsttest auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit bekam ich nicht nur eine differenzierte Einschätzung zu meinem Charakter, die ich sicher für mein Tinder-Profil aufheben werde, sondern auch die Studienempfehlung des Algorithmus: Slawistik. Huch! Mit slawischen Sprachen habe ich mich bis jetzt nur anlässlich stockender englischer Unterhaltungen auf polnischen Festivals beschäftigt.

Auch wenn es schön gewesen wäre, wenn die Seite mir mein Traumfach präsentiert hätte – man muss die Studienfachsuche wohl selber in die Hand nehmen. Also recherchierte ich nacheinander alle meine Interessensbereiche durch (leider viele verschiedene). Biochemie, Internationale Beziehungen, Nachhaltigkeitsstudien, Ethnologie, Stadtplanung, Sozialwissenschaften. Irgendwann verlor ich den Überblick, ich klickte und klickte und schrieb mir Stichworte auf, aber mein Kopf war voll.

Nach ein paar Recherchepausen verstand ich, dass mein Zugang zu den meisten Themen ein menschlicher ist. Mich interessiert, wie Personen und Gesellschaften miteinander und mit ihrer Umwelt funktionieren und wurde ein bisschen aufgeregt, als ich genau das in Beschreibungen des Soziologiestudiums las. Also machte ich mir mein Schnupperstudium selber, mit Filterkaffee vor Youtube. Manche Universitäten haben – sowieso oder innerhalb der letzten Monate – Videos von Vorlesungen oder Vorträgen hochgeladen. Manchmal war das faszinierend, aber manchmal auch ermüdend. Ich sehnte mich nach erfahrenen Studierenden neben mir, die ich fragen könnte: „Ist das in der Soziologie immer so oder ist das einfach diese Professorin oder einfach dieses Thema?“. Aber da war niemand, und mein Mitbewohner konnte auch nur erzählen, was er mal vage vielleicht von jemandem gehört hätte.

Als mein Wunschfach stand, gab es schon wieder ein neues Problem: An fast jeder Uni wird Soziologie gelehrt. Also machte ich mir eine Liste, worauf ich bei der Wahl eines Hochschulortes achten will. Neben interessanten Forschungsschwerpunkten und vielen Wahlmöglichkeiten standen dort auch: viele Sonnenstunden und ein breites kulturelles Angebot. Am liebsten das alles im Ausland. In Europa locken unter anderem die Niederlande, Großbritannien und Schweden mit englischsprachigen Studiengängen. Aber die Studiengebühren und wenigen Stipendienmöglichkeiten für Bachelorstudierende schreckten mich ab (und die wenigen Sonnenstunden). In Wien jedoch, dort kämen Kultur, Natur und eine renommierte Universität zusammen. Sogar slawische Sprachen könnte ich dort studieren, wenn ich auf die Agentur für Arbeit hören würde.

Am Ende entschied das Bauchgefühl

Jetzt aber noch die letzten Optionen in Deutschland abwägen. Nach einer rigorosen Tour durch besagte Studienportale habe ich meine Top-5 Unis. Ich versuche, aus den Websites schlau zu werden und kleine Steckbriefe zu erstellen: Spannende Schwerpunkte, nur im Doppelbachelor, Kooperation mit Unis in Osteuropa. Videos von den Universitätsgebäuden geben wenigstens einen kleinen Eindruck, wie es sein kann, in altehrwürdigen Mauern zu lernen und wenn die Studierenden im Interview sagen: „Das coolste hier im Ort ist der See“, dann will ich vielleicht doch nicht dorthin. Aber ich merke, wie unübersichtliche Seiten ohne Bilder oder Videos schnell mein Interesse ablenken. Sollte man seine Universität wirklich nach dem Design und der Logik des Internetauftritts aussuchen? Ja, sagt meine Schwester, das sagt auch einiges darüber aus, wie viel Mühe sie sich mit ihren Studierenden geben.

Nach Osnabrück, Göttingen und Wien schickte ich schlussendlich Bewerbungen und während ich nach und nach die Zusagen bekam, fing ich wieder an zu zweifeln: Sollte ich nicht doch lieber versuchen, mich an der Kunstuniversität für Dokumentarfilm zu bewerben? Könnte ich nicht doch noch ein Semester lang reisen, vielleicht geht's ja schnell voran mit den Corona-Impfungen? Oder lieber Politik statt Soziologie studieren? Und: Will ich wirklich nicht in Berlin bleiben?

Ich könnte fünfzig Argumente vorbringen, warum ich mich schlussendlich dafür entschieden habe, Soziologie in Wien zu studieren, aber im Grunde genommen war es Bauchgefühl. Ich setze meine nähere Zukunft darauf, dass mein Unterbewusstsein bei diesem Parcours durch Studien- und Uniportale genug Informationen gesammelt hat, um zu wissen, was das Beste für mich ist. Weil persönlich hingehen und einen Eindruck gewinnen – das geht in diesem Jahr vielleicht noch nicht mal dann, wenn das Semester wirklich losgeht.

Pauline Evers (18 Jahre alt) ist Studienanfängerin der Soziologie an der Universität Wien. Sie arbeitet nebenbei an Filmsets, im Falafelimbiss und immer mal wieder für die F.A.Z. In Wien freut sie sich am meisten auf Seminare in Präsenz und den Fernbus nach Sarajevo.

Quelle: FAZ.NET
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