Kolumne „Uni live“

Ein Buchtitel zum Stolpern

Von Lina Kujak
26.03.2021
, 10:16
Ist es unangemessen, dass ein Buch, mit dem wir im Jurastudium fast täglich hantieren, den Namen eines Nationalsozialisten trägt? Eine gute Frage. Gestellt wird sie immer lauter.

Was würden Sie denken, wenn Ihnen jemand erzählte, Konrad Duden, der Namensgeber unseres heißgeliebten deutschen Standardwörterbuchs, sei NSDAP-Mitglied gewesen? Natürlich rein theoretisch, denn in Wirklichkeit war er das nicht. Duden war streng religiös, ein glühender Fan Otto von Bismarcks und schon neun Jahre vor Gründung der Nazi-Partei tot. Doch stellen Sie sich einmal vor, er wäre tatsächlich Nationalsozialist gewesen. Fänden Sie es unangemessen, wenn Ihr Wörterbuch seinen Namen trüge?

Welch gute Frage für alle Jurastudierten und solche, die es werden wollen! Denn zufällig haben wir unseren eigenen Duden und der heißt „Palandt“. Also der Mann – und das Buch natürlich auch. Also: Es gibt einen Mann und ein Buch und beide heißen Palandt, so wie es einen Konrad Duden und ein Buch namens „Duden“ gibt. Das Buch ist ein juristisches Standardwerk und der Mann war ein Mistkerl. Also Palandt, nicht Duden. Was ich eigentlich sagen will: Otto Palandt, der Namensgeber des meistverkauften deutschen Zivilrechtskommentars, war NSDAP-Funktionär und Nationalsozialist.

Und er ist nicht der einzige Nazi, dessen Name immer noch den Deckel juristischer Standardliteratur kürt. Der Palandt steht in einer wenig ruhmreichen Reihe mit dem „Schönfelder“, einer sehr beliebten Gesetzessammlung und Markenzeichen der Jurastudierenden, benannt nach NSDAP-Mann Heinrich Schönfelder. Als Rechtsstudentin muss ich mir spätestens zum Examen so einen rotgebundenen Ziegelstein zulegen. Dazu gesellt sich der Grundgesetzkommentar „Maunz/Dürig“, benannt nach Theodor Maunz, seines Zeichens Staatsrechtler und früherer bayrischer Kultusminister, über den sich nach seinem Tod herausstellte, dass er anonym Beiträge für die rechtsextreme National-Zeitung verfasst hatte.

Unterstützer kommen mehrheitlich aus der Studierendenschaft

Kurz zu Gesetzeskommentaren: Zum Leid der Jurastudierenden steht im Gesetzestext bei weitem nicht alles, was es über das Gesetz zu wissen gibt. Stattdessen müssen wir mit allerlei Meinungsstreits, Auslegungen und Argumenten vertraut sein, die sich nirgendwo in der Gesetzessammlung finden. Die stehen dann im Kommentar. Dort werden die einzelnen Paragrafen und Artikel eines Gesetzes erläutert oder eben kommentiert. Die Gesetzeskommentare sind absolut unerlässlich für Studium und Beruf. Benannt werden sie fast immer nach den Herausgeberinnen und Herausgebern. Auch wenn diese Nazis waren.

Allerdings gibt es in neuerer Zeit immer mehr Stimmen, die für eine Umbenennung der fraglichen Kommentare plädieren. Seit 2017 versucht die Initiative „Palandt umbenennen!“ genau das zu erreichen. Ein Anliegen, das auch bei Studierenden auf viel Zustimmung trifft. So kommt Unterstützung für eine von der Initiative gestartete Petition mehrheitlich aus den Reihen der Studierendenschaft. Auch in meinem Umfeld haben viele unterzeichnet. Es ist wohl leichter von traditionsreichen Namen abzulassen, wenn man sie gerade erst kennenlernt.

Der Beck-Verlag, der den Palandt verlegt, verweigert sich aber einer Umbenennung. Gegenüber dem Deutschlandfunk argumentierte der Verlag, der Palandt werde heute weniger mit seinem Namensgeber verbunden, sondern sei zu einer Marke geworden, die für hohe Qualität stehe. Außerdem wurde dem Bearbeiterverzeichnis ein Hinweis auf die NS-Biografie Palandts hinzugefügt. Der Name soll jetzt als publizistischer „Stolperstein“ fungieren.

Viele erfahren die Hintergründe erst spät im Studium – oder gar nicht

Das Problem dabei ist aus meiner Sicht: Wenn der Palandt als Marke nicht mehr mit der Person Otto Palandts in Verbindung gebracht wird, kann er auch nicht als Stolperstein funktionieren. Denn stolpern kann nur, wer Palandt schon vorher kennt. Und wie viele Leute lesen ein Bearbeiterverzeichnis? Während des Schreibens meiner letzten Hausarbeit bin ich jedenfalls nicht darüber gefallen.

Eine kritische Betrachtung oder überhaupt eine Beschäftigung mit dem Thema, ist im Studium übrigens keine Selbstverständlichkeit. Ich hatte erfreulicherweise gleich zwei Professoren, die uns schon im ersten Semester über die NS-Geschichte von Palandt und Co. aufklärten. Das ist aber von Uni zu Uni und Prof zu Prof sehr unterschiedlich. So erfahren viele Jurastudierende erst nach Jahren oder nie etwas über die Herren auf dem Buchrücken. Da wundere ich mich dann schon, dass in sieben Jahren juristischer Ausbildung und Arbeit mit diesen Büchern nicht ein paar Minuten für geschichtlichen Kontext abfallen.

Dass insbesondere der „Palandt“ die Debatte in den letzten Jahren so anheizt, hat übrigens mit ein paar besonders hässlichen historischen Details zu tun. So war der Begründer der „Kurz-Kommentare“-Reihe, zu denen der Palandt gehört, ausgerechnet der jüdische Jurist und Verleger Otto Liebmann. Nachdem Liebmann die Reihe 1933 an C.H. Beck verkaufte, wurde sein Name alsbald aus dem gesamten Werk entfernt und Liebmann selbst durch den deutschen Staat enteignet.

Im Zuge der „Arisierung“ sollte nun ein neuer BGB-Kommentar im Sinne der NS-Ideologie entstehen. Auf Grundlage des Werkes von Liebmann und dessen Kollegen. Der Gründungsherausgeber des neuen Kommentars starb bei einem Autounfall, sodass man Otto Palandt an seiner statt einsetzte. Der schrieb daraufhin ein Vorwort, kommentierte allerdings keinen einzigen Paragraphen. Das heißt, Palandt hat zum Palandt fast nichts beigetragen. Außer den Namen.

Geschichte lernen wir sonst doch auch nicht per Buchtitel!

Manche mögen jetzt rufen: „Aber wir können doch nicht unsere Geschichte ausradieren!“. Die Behauptung, Bücher umzubenennen würde einer Löschung von Rechtsgeschichte gleichkommen, finde ich persönlich aber eher befremdlich. Geschichte lernen wir sonst doch auch nicht per Buchtitel! Ob Straßenname, Bibliothek oder Schule: Eine Benennung nach historischen Persönlichkeiten, ist immer zuerst eine Würdigung und keine Dokumentation. Um eine bleibende Erinnerungskultur zu schaffen, fallen mir spontan gleich mehrere Wege ein, die besser geeignet wären und auch historischen Kontext liefern würden. So könnte man im Zuge der Umbenennung zusätzlich ein paar Seiten zur Geschichte des Kommentars und der Biografie Palandts abdrucken. Und eine Auseinandersetzung mit ihm und anderen nationalsozialistischen Juristinnen und Juristen im Studium verpflichtend machen.

Also lieber Beck-Verlag: Ein Hinweis auf die NS-Vergangenheit Otto Palandts ist ja gut und schön. Der kann aber auch nach einer Umbenennung da stehenbleiben. Und wenn jetzt einer sagt, einen Hinweis im Bearbeiterverzeichnis lese doch eh niemand, dann möchte ich antworten: ja eben.

Quelle: FAZ.NET
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