Kolumne „Uni live“

Akademische Küchenschlacht

Von Maike Weisenburger
30.07.2021
, 16:42
Symposion im Jahr 2021
Die Küche ist das Herzstück jeder WG, zusammengehalten von gelehrten Diskursen. Was ist die langweiligste Superkraft aller Zeiten? Wäre ein fünfbeiniges Pferd langsamer als ein vierbeiniges? Ein Mitschnitt.

In der natürlichen Form der Habituation der Studierenden, der sogenannten „Wohngemeinschaft“, bildet die Küche das Herzstück. Hier kann man in mehr oder minder freiwilliger Geselligkeit ums Feuer sitzen und der Gelehrtheit seiner Mitbewohner huldigen. Manchmal reden aber auch die Gelehrtesten unter ihnen einfach nur Müll und genau dann macht es am meisten Spaß, sich festzuquatschen. Hier ein Mitschnitt einiger besonders seltsamer Gesprächsthemen.

„Es ist mir egal, ab wann der Fruchtstückgehalt die Marmelade ontologisch eigentlich zur Konfitüre macht, ich will einfach nur in Ruhe meinen Toast essen!“, platzt meine Mitbewohnerin aufgebracht heraus und haut mit ihrer geballten Faust auf den Küchentisch. Zugegebenermaßen handelt es sich dabei nicht um die erste metaphysische Überlegung, die ich anstelle, um meinen Futterneid zu überspielen. Vor allem abends, wenn sich wie jetzt alle Mitbewohner zum Kochen in der Küche treffen, kann man solch originellen Fragen eben sowenig aus dem Weg gehen wie den Mitkochenden. So latscht man sich beim platzmangelbedingten Tanz um den Herd gegenseitig auf die Füße und erörtert dabei den alltäglichen Nutzen des stationären Schwebens. Wenige Zentimeter reichten bereits aus, so beteuerte kürzlich meine Mitbewohnerin, während sie auf einer freien Trittfläche inmitten eines Meeres aus Pfandflaschen balancierte, um sich ein weiteres Marmeladenbrot zu schmieren.

„Bewegungslos an einer einzigen Stelle schweben. Und das auch noch, ohne sich vor- oder zurückzubewegen. Das ist die langweiligste Superkraft aller Zeiten!“, sprudelt es aus meinem anderen Mitbewohner heraus, der auf meinen Schultern sitzend in seiner Käsesoße auf dem Herd rührt. In einer Küche so eng, dass einem auch die kleinen Träume wie Quantensprünge vorkommen, erhält die Großzügigkeit dieses Superlativs den Beigeschmack einer Herausforderung. Stationäres Schweben soll die allerlangweiligste Superkraft aller Zeiten sein? Das können wir so nicht stehen lassen, das will überboten werden!

„Wieso eigentlich Toast?“

Einen seligen Moment lang erfüllt nur schwerfälliges Blubbern die kleine Küche dann legt meine Mitbewohnerin ehrgeizig vor: „Immer wenn du niest, fängst du an, in einer anderen Farbe zu blinken.“ Das ist schon ziemlich nutzlos, wir nicken beide beeindruckt. „Du bist die stärkste Person der Welt, aber nur wenn du schläfst.“, lege ich unbeeindruckt nach. Beide Mitbewohner lassen sich meinen Vorschlag, ihrer Miene nach zu schließen, auf der Zunge zergehen wie ein feines Gläschen toten Weins. „Du besitzt die Fähigkeit dich unsichtbar zu machen, aber nur, solange du Fanfare spielst. Und beim Luftholen kann dich jeder sehen.“ Der Dämlichkeitsgrad dieser Superkraft ist spontan relativ schwer zu übertreffen, so entscheiden wir anerkennend – und nehmen Platz zum Essen.

Daseinsvorsorge Flaschenpfand
Daseinsvorsorge Flaschenpfand Bild: Maike Weisenburger

Zwei von uns sitzen am vollgestellten Tisch, während der dritte Mitbewohner einem Gargoyle nicht unähnlich auf dem Kühlschrank kauert. „Glaubt ihr, ein fünfbeiniges Pferd wäre schneller oder langsamer als ein vierbeiniges?“, brüllt er, während wir alle angestrengt das Klirren der akkumulierten Pfandflaschen ignorieren, die aus purer Streitsucht entschieden haben, unsere stille Eintracht zu stören. Meine Mitbewohnerin und ich kauen andächtig. „Kommt darauf an, wo das Bein angebracht ist“, überlegt meine Mitbewohnerin. „Ragt das Bein aus der Stirn des Tieres, oder etwa aus dem Rücken, wo man potenziell ein Segel anbringen könnte?“ Ich nicke, von der Schärfe des Verstands meiner Mitbewohnerin beeindruckt. „Oder vielleicht unten am Bauch. So kann die Zeit in der Luft etwa beim Galopp verlängert werden“, antworte ich.

Einen Moment schweigen wir alle in die plötzliche auftretende Stille der Pfandflaschen hinein.

„Wir haben auch schon lange nicht mehr über Nacktmulle geredet. Oder über Worte, die so hässlich sind, dass ihr die Dinge weniger mögt, die sie betiteln oder über verschiedene Möglichkeiten, sich zu tarnen, wenn man in Wirklichkeit ein Roboter ist und nicht will, dass die Menschen das rauskriegen“, reflektiere ich nach einer Weile laut. Doch meine Mitbewohnerin erklärt aufgebracht: „Ich will nur einfach in Frieden meinen Toast essen.“ „Wieso eigentlich Toast?“, frage ich kaltschnäuzig und lasse meiner Neugierde endgültig freien Lauf, „du hast dieses Stückchen Weißbrot nicht getoastet.“ Fassungslos ob meiner dreisten Fortführung der ungeliebten Fragerunde fällt meiner Mitbewohnerin ihr Marmeladenbrot aus der Hand. Es landet auf der Marmeladenseite. Wer Metaphysik betreiben will, muss Opfer bringen.

Abende wie diese kennt wahrscheinlich jeder, aber welche sinnlose Themen habt ihr bis zum Ermüden durchexerziert? Und außerdem: Wenn ihr euch selber treffen würdet, exakt so, wie ihr jetzt seid, glaubt ihr, ihr könntet Freunde werden?

Maike Weisenburger (27 Jahre alt) schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Mittelalterstudien und war im Zuge dessen entsetzt, dass das Studium danach zu Ende ist. Fordert alle Unwissenden zum Tjost auf, die ihre Begeisterung für mittelalterliche Literatur nicht verstehen.

Quelle: FAZ.NET
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