Kolumne „Uni live“

Promovieren in Zeiten der Pandemie

Von Laura Kinzig
05.11.2021
, 18:14
Corona, Herbst und Promotion: nicht eben eine Traumkombination
Viele Studierende fragen sich im Masterstudium, ob sie im Anschluss eine Dissertation schreiben wollen. Gerade in Zeiten von Corona gibt es dabei viele Aspekte zu bedenken, die die eigene Persönlichkeit betreffen.
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In den letzten Semestern des Studiums drängt sich die Frage nach der Zukunftsplanung bei vielen Studierenden auf – denn die Zahl derjenigen, die ungeplagt von finanziellen Sorgen darauf warten, dass ihr Masterzeugnis endlich im Briefkasten liegt, dürfte gering sein. Bei vielen ist die Angst groß, nach dem Studienabschluss nicht zu wissen, wie es weitergeht, monatelang keine Arbeit zu finden oder einer Tätigkeit nachgehen zu müssen, die nicht den eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Was also tun? Neben der klassischen Suche nach Jobs oder Praktika im eigenen fachlichen Spektrum steht Studierenden prinzipiell die Möglichkeit offen, an der Universität zu bleiben und eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn das Interesse an der Wissenschaft groß genug ist.

Doch woher weiß man, ob eine Promotion der richtige Weg ist? Sollte man sich nach Bauchgefühl entscheiden oder gar darauf vertrauen, wie andere Menschen die eigene Eignung einschätzen? Wie bei vielen Dingen im Leben gibt es auch hier keine richtige oder eindeutige Antwort. Grundsätzlich lässt sich aber meines Erachtens sagen, dass es sich lohnt, dem Gedanken nachzugehen, sofern man ein Themengebiet oder im besten Fall sogar eine ganz konkrete Idee hat, mit der man sich in seiner Doktorarbeit beschäftigen möchte. Sich über die Option, zu promovieren, mit Freunden, Familienmitgliedern und Kommilitonen zu unterhalten, ist ebenfalls eine gute Idee. Auch gegenüber Dozierenden muss sich – aus Erfahrung gesprochen – niemand scheuen, den Gedanken an eine Promotion zu äußern. Im schlimmsten Fall rät die betreffende Person von einer Promotion ab, was manchmal vielleicht auch hilfreich sein kann, im besten Fall gibt sie Tipps und Unterstützung. Als Studierender hat man also nichts zu verlieren.

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Kann ich mit Kritik und Niederlagen umgehen?

Ich habe mich in diesen Sommer dazu entschlossen, den Schritt zu wagen und eine Dissertation anzugehen. Der Gedanke ist mir schon im Laufe des Masterstudiums gekommen, und ich habe erstmal eine Weile mit ihm gespielt, viel recherchiert und in mich hineingehorcht. Schließlich habe ich mich für die Doktorarbeit entschieden, weil ich im Schreibprozess meiner Masterarbeit gemerkt habe, wie viel Freude mir das wissenschaftliche Arbeiten macht – vom Recherchieren und Lesen bis hin zum Schreiben und Diskutieren der Texte und Themen, mit denen ich mich auseinandersetze, gibt es kaum einen Tätigkeitsaspekt, der mich nicht begeistert.

Vor allem war da aber das Gefühl, noch nicht mit dem Studium fertig zu sein, sondern in gewisser Hinsicht noch am Anfang zu stehen. Obwohl ein Studium so einige Jahre dauert und man dabei viel lernt, ist das meiste, was in dieser Zeit erarbeitet wird, in den Geisteswissenschaften eine Reproduktion von bereits Erforschtem. Selbst die Masterarbeit reicht nur in Einzelfällen an den Anspruch heran, eine bestehende Forschungsdiskussion durch einen neuen Aspekt oder einen Erkenntnisgewinn zu bereichern.

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Die Entscheidung für eine Doktorarbeit sollte man meiner Ansicht nach in erster Linie für sich selbst treffen – nicht, um sich oder anderen etwas zu beweisen oder die Erwartungen eines Dozierenden zu erfüllen, sondern bestenfalls, weil es ein Thema gibt, welches einen beschäftigt und so sehr reizt, dass man sich tiefer darin einarbeiten möchte. Am Anfang einer jeden Entscheidung für eine Doktorarbeit sollte deshalb wohl eine intrinsische Motivation und Faszination für ein spezifisches Themenfeld stehen. Denn mit dem Einstieg in die Promotionszeit gibt man sich selbst das Versprechen, die darauffolgenden Jahre konzentriert zu arbeiten und das eigene Forschungsvorhaben nicht aufzugeben. Zugleich sollte man sich kritisch fragen: Gibt es Bereiche, in denen ich Schwierigkeiten mit dem wissenschaftlichen Arbeiten habe, und gibt es für dieses Problem eine Lösung? Kann ich mit Kritik und Niederlagen umgehen?

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Was tun gegen die Einsamkeit?

Selbstverständlich gibt es neben dem Inhalt der Promotion und dem wissenschaftlichen Arbeiten noch viele andere Aspekte, die bei der Entscheidung zu beachten sind, wie etwa die Frage nach einer möglichen Finanzierung der Promotion. Hierbei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, über die man sich unbedingt an den betreffenden universitären Einrichtungen informieren sollte.

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Auch die Pandemie ist ein Faktor, den man bei seiner Entscheidung bedenken sollte. In Zeiten von Corona eine Doktorarbeit zu beginnen, bedeutet, dass man stärker als üblich eine größere räumliche Distanz zu den Betreuern und anderen Promovierenden hat. Zwar haben viele Universitäten mittlerweile wieder ihre Türen geöffnet, aber nicht jede Doktorandin hat die Verpflichtung, die Zeit oder die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen zu besuchen und sich auf diese Weise mit anderen Promovierenden zu vernetzen. Während einer Pandemie zu promovieren, kann sich deshalb besonders einsam anfühlen. Nach dem Masterstudium ist es ja nicht selten, dass die eigenen Freunde und Kommilitonen wegziehen oder man selbst in eine andere Stadt zieht. An vielen Universitäten ist der Besuch von Vorlesungen und Seminaren für Promovierende zudem nicht länger vorgesehen, weshalb es sich deutlich schwieriger gestaltet, Kommilitonen kennenzulernen. Oft gibt es aber Angebote wie einen Doktoranden-Stammtisch, Lern- und Schreibgruppen oder Kurse, die für alle Studierenden geöffnet sind, in denen man etwa lernt, bessere Präsentationen zu halten oder eine längere Arbeit zu strukturieren. Auch Konferenzen, Workshops und Tagungen an der eigenen oder an einer anderen Universität können sich als ein guter Ort erweisen, um andere Promovierende kennenzuleren. Viele Dozierende freuen sich über interessierte Gasthörerinnen, und als Doktorand steht es einem meist offen, selbst einen Vortrag zu halten, wenn man bei den Veranstaltern nachfragt.

Die aktuelle Lage ist auch insofern herausfordernd für Promovierende, als sie zeigt, dass selbst die beste Vorbereitung und Selbstorganisation nicht immer davor bewahrt, organisatorischen und inhaltlichen Problemen und Verzögerungen zu begegnen. Äußere Umstände können ebenso wie persönliche Schwierigkeiten dafür sorgen, dass in der Promotionszeit kaum etwas so läuft wie geplant. Doch insgesamt zeigt uns die Corona-Pandemie auf, worum es im Leben als Wissenschaftler eigentlich geht: Es ist wichtig, allen Widrigkeiten zum Trotz der eigenen Forschung nachzugehen, weil man in der Wissenschaft immer wieder auf unvorhergesehene äußere Ereignisse, aber auch inhaltliche Probleme treffen kann, mit denen man sich zwangsläufig auseinandersetzen muss, um weiterzukommen. Besonders während der Pandemie scheint es mir zentral zu sein, dass wir uns digital und analog mit anderen vernetzen. Das habe ich mir zumindest vorgenommen; verkehrt kann es nicht sein.

Quelle: FAZ.NET
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