Kolumne „Uni live“

Impftouristen in der ostdeutschen Provinz

Von Lisa Kuner
02.07.2021
, 14:29
Nicht nur impftouristisch, sondern auch landschaftlich interessant: der Burgenlandkreis.
Corona-Impftermine sind noch immer rar für Studierende. Da heißt es: kreativ werden und die Möglichkeiten von Semesterticket und Fahrrad ausnutzen. Daraus können sogar kleine touristische Abenteuer werden.

In Sachsen einen Termin zur Impfung gegen das Corona-Virus zu bekommen, ist, wie in vielen anderen Bundesländern, ein absolutes Glücksspiel. Das gilt auch für uns Studierende, die sich von dem kleinen Pieks einen Schritt zurück in ein freieres Studentenleben erhoffen. Eine Internetseite zeigt den Überblick an freien Terminen – bei den meisten Impfzentren steht da eine erbarmungslose Null. Besonders schwierig ist es in Großstädten wie Leipzig oder Dresden. In Annaberg, Löbau oder Zwickau sieht es da schon besser aus. Aber wo liegen diese Städte überhaupt?

Wie viele Studierende bin ich einen großen Teil meiner Zeit froh, in der Großstadt Leipzig zu leben. Dafür gibt es auch viele Argumente: Kulturell ist hier einiges geboten, außer mir leben hier noch Zehntausende weitere Studierende und mit dem Fahrrad komme ich überall hin. Über das Umland und die ostdeutschen Provinzen wissen wir Leipziger Studis dagegen oft recht wenig. Vielleicht sind wir ein bisschen überheblich, hauptsächlich aber: bequem. Warum sollte man raus aufs Land? In meinem Alltag und wohl auch in dem vieler anderer Studierender gibt es kaum einen Grund, die Stadtgrenzen zu verlassen. Die 15-Kilometer-Regel, die aufgrund der Pandemie einige Zeit in Sachsen galt, haben ich und viele andere darum kaum gespürt.

Vor diesem Hintergrund ist es nun vielleicht eine Ironie des Schicksals, dass es die Pandemie am Ende auch noch geschafft hat, uns die ostdeutsche Provinz etwas näherzubringen. Die nervenaufreibende Suche nach einem Impftermin hat die geografischen Kenntnisse von mir und meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen so exponentiell wachsen lassen, wie sich das Virus zeitweise verbreitete.

Ein Ticket für den Impftourismus?

Annaberg-Buchholz, zum Beispiel ist eine große Kreisstadt fast an der Grenze zu Tschechien und mit Impfterminen deutlich besser ausgestattet, als Leipzig. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es bis dorthin allerdings zweieinhalb Stunden. Abgesehen davon, dass das für einen kleinen Pieks schon eine sehr lange Fahrt wäre, gilt das Semesterticket dort auch nicht mehr. Also für viele Studierende keine Option. Ähnliches gilt für Eich und Löbau.

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Weniger provinziell, aber auch eine Destination mit potentiellen Impfmöglichkeiten ist Chemnitz. Liegt zwar leider auch außerhalb des Tarifgebiets des Mitteldeutschen Verkehrsverbunds (MDV), aber immerhin dauert die Zugfahrt nur eine Stunde. Zur Feier seines frisch ergatterten Impftermins hat sich einer meiner Studienkollegen hierfür aber sogar von einem Freund im dem Auto fahren lassen. Chemnitz wird bald europäische Kulturhauptstadt; ein Besuch könnte sich also sowieso mal lohnen. Von der Kultur haben meine Bekannten aber wenig gesehen, dafür versuchten einige Impfgegner vor dem Impfzentrum sie von den schädlichen Nebenwirkungen der Vakzine zu überzeugen. Davon haben sich die beiden nicht abhalten lassen; nach einer halben Stunde hatten sie den begehrten Impfstoff im Arm.

Einige meiner Bekannten haben auf der Suche nach BioNTech, Astra und Co sogar das Bundesland verlassen. Bisher war es für viele von uns ein Rätsel, warum das Ticket auch Teile Sachsen-Anhalts abdeckte. Jetzt haben wir eine Hypothese: Für den Impftourismus! Jedenfalls stellte es sich als großes Glück heraus, dass man damit unter anderem bis in den Burgenlandkreis kommt. Für alle, denen diese Region kaum etwas sagt (ich gehörte vor wenigen Wochen auch noch dazu): Der Landkreis hat eine Menge Freizeitwert.

Einfach an Termine kommen

Die Unstrut und die Saale schlängeln sich dort zwischen Burgruinen und Weinbergen durch bis hin zur Kreisstadt Naumburg. All das lädt zu Radtouren und Rasten in Besenwirtschaften ein. Und für die ostdeutsche Identität besonders wichtig: In der malerischen Kleinstadt Freyburg kann man die Sektkellerei von Rotkäppchen besuchen. Eitel Sonnenschein ist aber im Burgenlandkreis anscheinend nicht alles. Jedenfalls wurde in der Stadt Zeitz bei den Landtagswahlen Anfang Juni der einzige Direktkandidat der AfD gewählt.

Für die impfhungrigen Studierenden sind diese Hintergrundinfos vielleicht weniger relevant. Was zählt ist: Man kann sich im Burgenlandkreis für eine Impfung anmelden, auch wenn man nicht dort wohnt. Warum das so ist, ist nicht ganz klar: Angeblich ist ein Programmierfehler schuld daran, dass das Anmeldesystem keine Meldeadresse prüft. Böse Zungen spotten, dass es im Burgenland schlicht nicht viele Impfwillige gebe und der Kreis auf seinem Impfstoff sitzen bliebe, würde er den Programmierfehler beheben.

Was immer genau dahintersteckt: Es ist hier vergleichsweise einfach, einen Termin zu bekommen. Schon lange bevor die Impfpriorisierung aufgehoben wurde, haben sich die ersten meiner Studienkollegen und -kolleginnen aufgemacht, um dort mit dem Einmalimpfstoff von Johnson & Johnson versorgt zu werden (besonders praktisch). Inzwischen gibt es auch regelmäßig freie Termine für alle anderen Impfstoffe, die meisten davon in den Impfzentren von Zeitz und Zorbau.

Nach Zorbau zu kommen, ist schon deutlich schwieriger

Nach Zeitz fährt die Bahn in nur 40 Minuten durch. Ein Klacks! Die Impfung gibt’s dort in einem Zelt. Laut Erfahrungsberichten gut organisiert und unauffällig. Zeitz selbst erscheine allerdings ein bisschen wie eine Geisterstadt, habe ich mir sagen lassen und das ist kein Wunder, denn dort steht rund jede vierte Wohnung leer.

Nach Zorbau zu kommen, ist schon deutlich schwieriger. Laut Google leben dort gerade mal 806 Personen. Vom nächsten Bahnhof muss man entweder mit dem Rad oder dem Bus weiterfahren. Das Impfzentrum hier befindet sich in einer Industriehalle. Das erste Grüppchen meiner Studienfreunde, das einen Impftermin in Zorbau ergattert hatte, beschloss, Zeit zu sparen und flexibel zu bleiben, in dem sie die Räder mit in die Bahn nahmen. Vom Bahnhof dann sollte Google Maps sie leiten. Das funktionierte so lange gut, bis die drei sich plötzlich mit ihren Fahrrädern in der Mitte einer Autobahn wiederfanden.

Wie das passieren konnte, ob die Aufregung vor der Impfung sie verwirrte oder ob sie einfach nicht aufpassten, kann keiner von ihnen mehr rekonstruieren. Umso besser erinnern sie sich aber, dass sie unter Todesangst mehrere Fahrstreifen überquerten, um kurz vor Erreichen des Impfzentrums noch von der Polizei angehalten zu werden. Radfahren auf der Autobahn sei lebensgefährlich und außerdem verboten – klärte die auf. Um ein Bußgeld kamen die aufgeregten Studierenden herum. Der Ausflug nach Zorbau hat sich aber trotzdem als Abenteuer in ihre Köpfe eingebrannt.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

Quelle: FAZ.NET
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