Kolumne „Uni live“

Wohnungssuche? Willkommen auf dem Viehmarkt!

Von Leon Igel
03.09.2021
, 15:17
Inzwischen ein etabliertes Format: das WG-Casting
Unser Autor war im Sommer auf WG-Suche. Was er erlebt hat, welche Tipps er geben kann und was das mit dem Wohnungsmarkt zu tun hat, erzählt er in dieser Kolumne.

Diesen Sommer war ich auf WG-Suche in Mannheim: Personalisierte Anschreiben, Bewerbungsgespräche und hobbypsychologische Analysen, Schleimen und blöde Fragen, der ganze Prozess bewegt sich zwischen meisterhafter Professionalität und chaotischem Studentenmief. Eigentlich ist das lustig zu beobachten, außer man sucht ein Zimmer, dann ist es eine Tortur. Ein Lichtblick ist die Geschwindigkeit. Wenn es gut läuft, dauert die Suche nur einige Tage, Strapazen und Leid sind dann intensiv, aber schnell vorbei.

Ein WG-Zimmer findet man am besten über die Plattform wg-gesucht.de. WGs mit freien Zimmern stellen sich dort vor, man selbst bewirbt sich mit einem persönlichen Anschreiben, das möglichst supertoll und knackig sein sollte. Dann hört man entweder nichts oder bekommt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, das der Jugend-Jargon zum WG-Casting erhebt. In meinem Fall habe ich dreizehn Wohngemeinschaften kontaktiert, wurde zu acht Castings eingeladen und hatte am Ende eine Zusage. Dort wohne ich jetzt. Gedauert hat das alles zehn Tage und fand einen Monat vor Einzugstermin statt. Auf dem WG-Markt geht es flott zu – und selektiv. Eine Zusage aus dreizehn Anfragen entspricht einer mageren Erfolgsquote von 8 Prozent. Das heißt, viel hilft viel. Je mehr nervige WG-Castings man fleißig absolviert, desto besser. Selbstverständlich sollte man streng vorauswählen, wen man anschreibt, doch die Anzeigen geben nur einen bescheidenen Eindruck der tatsächlichen Situation. Jedes WG-Casting ist ein Griff in die Wundertüte.

Da gab es zum Beispiel diese eine Anzeige, die sich grandios anhörte. Von Einhörnern, Kaffeeklatsch und Kochabenden war die Rede, beim WG-Besuch stellte sich jedoch das Gegenteil heraus. Spannungen dominierten den Raum, der Anzeigentext war eine Wunschvorstellung. Oder jene Wohnung in bester Lage, die sich beim Betreten als Puppenstube mit Depressionsgarantie herausstellte. Deren zwei Bewohnerinnen lebten in winzigen Zimmern, in denen sie seltsamen Hobbies frönten, wie das einsame Nachtanzen von Youtube-Videos. Eine Wohngemeinschaft verwechselten sie mit einem Prinzesinnenreich; die eine kommandierte die andere. Wer das schon bei einem einstündigen WG-Gespräch merkt, sollte schnellstmöglich davonlaufen.

Massenhafte Fleischbeschauung

Die Puppenstube wies übrigens den (!) Indikator auf, der zuverlässig auf eine Horror-WG hinweist: verrammelte Zimmertüren. Wo Türen stets geschlossen sind, kann Gemeinschaft nicht stattfinden. Jeder lebt hier für sich und versucht, den anderen möglichst nichts von sich preiszugeben. Wer das sympathisch findet, sollte lieber überlegen, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Denn erstens hört man seine Mitbewohner immer, zweitens teilt man Badezimmer und Küche. Verstecken spielen in einer Wohnung kann man nicht gewinnen, es ist nur unangenehm.

Wer auf WG-Suche ist, erlebt so allerhand und muss schnell analysieren, was vor den eigenen Augen passiert. Jedes Casting ist eine kleine Sozialstudie, durchgeführt in einer fremden Küche. Denn in der Regel sitzt man dort, am offerierten Glas Leitungswasser nippend, und lässt den abgespulten Fragenkatalog der potenziellen Mitbewohner über sich ergehen. Den versucht man wahrheitsgemäß, aber raffiniert zu beantworten. Die Fragen sind meistens vom Typus „Freundebuch aus der Grundschule“. Wo kommst du her? Was studierst du? Welche gustatorischen Vorlieben (Essen und Schnaps) hast du? Wenn sich darüber hinaus ein richtiges Gespräch entwickelt, ist das ein gutes Zeichen. Es bietet sich dann an, vorbereitete und schamlose Werbeblöcke zu seiner Person einzustreuen, um sich ins rechte Licht zu rücken.

Ein WG-Casting erinnert an einen Viehmarkt, und dafür putzen die Bauern ja auch ihre Bullen heraus. In der WG-Küche wird man von oben bis unten begafft und auf Tauglichkeit geprüft. Das geht ratzfatz, wohlwissend, dass bald der nächste Bewerber kommt. Wenige Tage nach der Beschauung kommt die Zu- oder Absage. Hier unterscheidet sich die WG-Bewerbung übrigens vom Viehmarkt. Eine Kuh kann nicht einfach davonlaufen, wenn ihr die Bäuerin nicht gefällt. Nach einem schrecklichen WG-Casting ist es hingegen möglich und ratsam, selbst abzusagen. Denn wer ins Schlachthaus zieht, wird nicht glücklich. Es geht beim WG-Casting gerechter zu als auf dem Rinder-Marktplatz, das finde ich schön. Ein Gefühl der Machtlosigkeit bleibt trotzdem, denn man braucht nun mal eine Wohnung.

Dass die Konkurrenz bei freien Zimmern nicht gerade schläft, zeigen die Zahlen von wg-gesucht.de. Im Juli dieses Jahres wurden auf der Plattform insgesamt 378 Zimmer in Mannheim angeboten, die je durchschnittlich 18 Anfragen mittels der Nachrichtenfunktion der Webseite erhielten. Weil Anfragen per Telefon auf wg-gesucht.de kaum eine Rolle spielen, gibt diese Zahl einen guten Überblick über die Lage des WG-Marktes. Spannend ist der Vergleich mit beispielsweise Frankfurt am Main, wo der Wohnungsmarkt angespannter ist. Im selben Monat wurden dort 612 Zimmer online gestellt, die mit je durchschnittlich 31 Nachrichten rund doppelt so viele Anfragen erhielten. Das heißt, eine WG in Frankfurt zu finden, ist doppelt so schwierig wie in Mannheim. Der Eindruck verschärft sich, wenn man darauf schaut, wie lange es dauert, bis eine Anzeige vom Anbieter als „vermietet“ markiert wird. In Frankfurt handelt es sich um durchschnittlich vier Tage, in Mannheim um elf.

Man muss sich das einmal vorstellen: Frankfurter WGs mit einem freien Zimmer sondieren nach Feierabend 31 Bewerbungen, führen eine massenhafte Fleischbeschauung in der eigenen Küche durch und müssen sich anschließend entscheiden – alles in vier Tagen! Mannheimer WGs haben für deutlich weniger Anfragen zwar viel mehr Zeit, das erhöht aber den Druck. Denn bei weniger Angebot ist es auch schwieriger, den perfekten Mitbewohner zu finden. Ein Zimmer benötigen und ein freies Zimmer haben – es ist wohl beides schrecklich. Die Preise steigen derweil fröhlich an. So erhöhte sich die durchschnittliche Zimmermiete bei wg-gesucht.de von 2019 auf 2020 um elf Euro auf 400. Herrje, vielleicht fliehe ich beim nächsten Umzug auf den Campingplatz.

Quelle: FAZ.NET
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