Kolumne „Uni live“

Zu spät dran fürs Willkommensgeld

Von Lisa Kuner
15.10.2021
, 15:46
Wie gut sind die Bedingungen in Ostdeutschland wirklich? Studierende in Leipzig.
Wer fürs Studium nach Ostdeutschland zieht, bekommt oft gute Bedingungen versprochen. Aber was davon ist bloß Marketing?
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Die Betreuung sei besser, im Hörsaal findet man noch einen Platz, in einigen Orten bekomme man Begrüßungsgeschenke und es gebe so viele moderne und gut ausgestattete Hochschulen wie sonst nirgends in Deutschland. Mit diesen und ähnlichen Versprechen sollten zu Beginn meines Studiums Menschen aus Westdeutschland in die ostdeutschen Bundesländer gelockt werden. Denn studieren im Osten sei eigentlich rundum paradiesisch! Ich bin dem Ruf ins Paradies gefolgt, nicht weil ich den Werbeversprechen glaubte, sondern weil es ich damals gerne einen speziellen Studiengang studieren wollte, nämlich „Internationale Beziehungen“ in Erfurt. Seitdem bin ich nur zum Teil wegen und zum Teil auch trotz der Studienbedingungen im Osten geblieben.

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Die meisten der Werbesprüche – das muss man leider zunächst klar festhalten – blieben für mich persönlich leere Versprechen. Zum Teil, weil man die Dinge eben nicht verallgemeinern kann, zum Teil, weil ich einfach Pech hatte. Beispiel 1 – moderne Hochschulen: Meine ersten Vorlesungen verbrachte ich in einer alten SED-Parteischule, kurz APS. Das Audimax der Uni Erfurt konnte nämlich mein gesamtes Bachelorstudium lang aufgrund fehlender Bandschutzmaßnahmen nicht genutzt werden. Also musste Ersatz her und anscheinend gab es da in der thüringischen Landeshauptstadt nicht allzu viele Möglichkeiten.

Die SED-Parteischule drängte sich eigentlich nicht gerade auf, sie war gut 20 Bahnminuten vom Unicampus in Erfurt entfernt. In einer Stadt mit der Größe von Erfurt war das quasi eine Weltreise. Das Gebäude selbst war ein eher seltsamer blauer Quader, flankiert von einem Plattenbau. Der aktuelle Betreiber beschreibt das als „Charme der 70er Jahre“, der Komplex steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Bevor man dort den Hörsaal betreten konnte wurde man erst einmal daran erinnert, für was dieses Gebäude eigentlich gebaut wurde. In der Eingangshalle prangte nämlich ein riesiges Gemälde von Arbeitern und Arbeiterinnen. Das sozialistische Ideal vom fleißigen Arbeiter war immerhin ein ziemlich lustiger Kontrast zu so manchen Inhalten der Managementvorlesung.

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Gruselig – nicht nur die Toiletten

Der Vorlesungssaal war riesig, einen Platz gefunden hat dort tatsächlich jeder. Das war allerdings wohl auch der einzige Vorteil an diesem Gebäude. Im Winter war es eiskalt – man versuchte nämlich den Saal mit ein paar einzelnen Standheizungen aufzuwärmen – im Sommer stickig. Es gab kein Internet (Wozu auch, in der Vorlesung soll man schließlich zuhören und nicht googeln!), der kleine Imbiss hatte nur sporadisch etwas zu essen und die Toiletten waren die gruseligsten, die ich je gesehen habe. Apropos gruselig: Dazu passte auch noch, dass 2014 sogar ein Mord auf dem Gelände der Parteischule passiert war.

Zur gleichen Zeit konnte ich meine Lernzeiten in Erfurt tatsächlich in einer neu errichteten Bibliothek verbringen. Allerdings hatte auch die ihre Tücken – schon wenige Jahre nachdem sie eröffnet worden war, tauchten größere Risse in den Wänden auf. Die Bibliothek sackte ab und umfassende Renovierungsarbeiten wurden notwendig. Angeblich weil die Statiker beim Bau vergessen hatten das Gewicht der Bücher mit einzuberechnen. Ob das stimmt, weiß ich nicht.

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Wohnsitzprämien gibt es wirklich

Beispiel 2 – Begrüßungsgeschenke: Hartnäckig hält sich bei den Gedanken ans Studium im Osten auch die Vorstellung von Begrüßungsgeldern und anderen Geschenken. Die sind auch kein Mythos, allerdings habe ich selbst sie nie erhalten. Für mein Masterstudium hätte ich fast noch eins dieser wunderbaren Geschenke einsammeln können. Denn bis inklusive 2018 zahlte die Stadt Leipzig Menschen, die dort ihren Erstwohnsitz anmeldeten, ein Willkommensgeld von 150 Euro aus. Leider bin ich erst 2019 umgezogen.

Da hatte ich aber tatsächlich besonderes Pech. An zahlreichen Studienorten gibt es noch immer die Möglichkeit ein geldwertes Begrüßungsgeschenk abzuräumen. In manchen Städten lohnt sich das richtig: Wer sich in Brandenburg an der Havel meldet, bekommt jedes Jahr 100 Euro Wohnsitzprämie, in Cottbus gibt’s sogar 200 Euro pro Jahr. Klingt schon paradiesisch! Allerdings profitieren Städte in ganz Deutschland davon, wenn sich Studierende ummelden, und so locken Dutzende Städte mit Prämien für Zugezogene. Für jeden Einwohner bekommen sie nämlich sogenannte Schlüsselzuweisungen, also Gelder von den Ländern für die Kommunen. Manche der Städte, in denen es Prämien gibt, beispielsweise Furtwangen oder Wolfsburg, befinden sich auch in Westdeutschland. Aber zugegeben, die meisten Städte, die Begrüßungsgeld zahlen, liegen im Osten. Wer also sparen möchte oder muss, kann von Begrüßungsgeld und (zumindest teilweise) niedrigen Mieten rund um Ost-Unis profitieren.

Ein Vorteil des Ostens? Oder eher des ländlichen Raums?

Beispiel 3 – gute Betreuung: Hochgelobt werden auch immer wieder die NC-freien Studiengänge und die gute Betreuung an Unis im Osten. Ich habe von beidem in meinem Studium eher wenig mitbekommen. Aber ich habe Bekannte, die von der TU Ilmenau oder der Hochschule Harz in Halberstadt wirklich Paradiesisches berichten: Dort gibt es sehr spezialisierte Studiengänge auf Weltklasseniveau, man lernt oft in sehr kleinen Gruppen und die Zulassungsvoraussetzungen sind eher entspannt. Mein Verdacht ist allerdings, dass das weniger ein Alleinstellungsmerkmal von Hochschulen im Osten ist als eines von kleineren Hochschulen im ländlichen Raum.

Und vom ländlichen Raum zurück zu meinen Erlebnissen mit der Raumsituation: Gegen Ende meines Bachelorstudiums hatte die Uni Erfurt endlich ein neues Hörsaalgebäude auf dem Uni Campus gebaut. In den größten Hörsaal dort passten zwar noch immer nicht alle Studierenden, aber um all dem Drama rund um die SED-Parteischule zu entgehen, entschied man sich dann, die Vorlesungen trotzdem dort abzuhalten und in einen zweiten Hörsaal zu übertragen. Hat technisch zwar selten funktioniert, aber da nach einigen Wochen meist eh nur noch die Hälfte der Studierenden zur Vorlesung kam, war das dann auch egal.

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Und meine Pechsträhne zieht sich fort: Während meines Masters hätte ich tatsächlich die wunderbar moderne Infrastruktur am Hauptcampus der Universität Leipzig nutzen können. Blöd nur dass dann schnell die Corona-Pandemie anfing und mir die futuristischen Gebäude weiterhin fern blieben, da es monatelang nicht mal möglich war, den Campus zu betreten. Und in puncto Digitale Lehre ist wohl die gesamtdeutsche Hochschullehre noch nicht in paradiesischen Zuständen angekommen.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

Quelle: FAZ.NET
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