Kolumne „Uni live“

„Geh zurück in dein Land“

Von Lisa Kuner
07.01.2022
, 10:49
Blick auf das Paulinum der Universität Leipzig
Unsere Autorin studiert in Ostdeutschland und kennt von Kommilitonen viele Geschichten über rassistische Vorfälle im Alltag oder an der Uni. Zwei Erfahrungsberichte von Bekannten.
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Günstig wohnen, viel Freiraum und schöne Altstädte – es gibt viele gute Gründe das Leben in Ostdeutschland zu genießen. Trotzdem wird mir immer wieder klar, dass nicht alle Menschen so unbesorgt wie ich nach Sachsen oder Thüringen ziehen können. Menschen, die nicht aussehen wie „Biodeutsche“, haben es hier nicht nur schwerer, sondern fühlen sich oft auch zu recht unsicherer.

Das ist nicht bloß ein vages Gefühl. Auf einer Deutschlandkarte kann man anhand der rassistischen Verbrechen zweifelsfrei die ostdeutschen Bundesländer identifizieren: Während der Verfassungsschutz im Jahr 2018 zum Beispiel in Bremen gerade mal 0,29 Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund pro 100.000 Einwohner zählte, waren es in Brandenburg 4,72 und in Sachsen-Anhalt 4,12.

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Noch viel häufiger als die Ereignisse, die in solche Statistiken eingehen, sind die kleinen Vorfälle im Alltag: Ein „Geh zurück in dein Land“ im Bus, grundlos angeschrien werden am Bahnhof oder Vermieter, die fordern, dass mindestens 60 Prozent Deutsche in einer Wohnung leben müssen.

Von vielen meiner Bekannten kenne ich diese und andere Geschichten. Weil mir als weißer (kursiv, weil soziopolitische Stellung) Person aber nie solche Dinge passieren, habe ich zwei gebeten, von ihren Erfahrungen zu berichten.

Monty, 26 Jahre alt, hat südasiatische Wurzeln, in Magdeburg Medizin studiert und ist jetzt im Zweitstudium an der Uni Leipzig.

Das erste, das ich dachte, als ich den Hörsaal beim Medizinstudium betreten habe, war: Hier ist es wirklich sehr weiß. Von mehr als 200 Studierenden waren bloß rund zehn „BI_POC„ (Black Indigenous People of Color, Selbstbezeichnung von nicht weißen Menschen). In den Jahrgängen über uns, waren es sogar noch weniger. Es gab Dozierende, die bekannt dafür waren, dass sie gerne „BI_POC“ fertig machten. In einem Kurs beispielsweise wurden immer uns die schwierigen Fragen gestellt und so konnten wir es uns nicht ein einziges Mal erlauben, unvorbereitet zu sein. Das ganze Studium hatte ich das Gefühl, dass wir immer mehr leisten mussten und uns mehr beweisen mussten als weiße Mitstudierende. Ich weiß, das klingt wie eine Unterstellung, aber gerade mündliche Prüfungen sind für uns oft anders abgelaufen.

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Abgesehen davon erinnere ich mich noch an einige spezielle Vorfälle: Einmal gab es eine richtig seltsame Situation mit einem Dozierenden. Er fragte mich, woher ich komme. Als ich darauf erwiderte „Hier aus der Region“, hakte er nochmal speziell nach meinen Wurzeln nach und sagte dann „Dafür bist du aber ganz schön dunkel“. Danach herrschte erstmal Stille.

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In solchen Situationen hat mich nie jemand Außenstehendes unterstützt. Das lag bestimmt auch daran, dass es im Medizinstudium sehr hierarchisch zugeht. Ich selbst habe mich auch erst in den höheren Semestern getraut, mich mit Dozierenden anzulegen.

Gleichzeitig war die Situation mit Kommilitoninnen und Kommilitonen oft genauso schwierig: Immer wieder wurde ich darauf reduziert migrantisch zu sein. Auch mein Praktisches Jahr prägten solche Erfahrungen: Einmal fragte eine Ärztin mich in Bezug auf einen syrischstämmigen Patienten, wie das denn bei uns so sei. Da wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

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Als ich in Leipzig ein geisteswissenschaftliches Studium angefangen habe, hoffte ich, dass Rassismus besser reflektiert wird. Mir wurde aber schnell klar, dass es dort genau dieselben Probleme gibt.

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Rassismus ist in Ostdeutschland und an ostdeutschen Unis oft sichtbarer und auffälliger. „BI_POCs“ studieren deshalb auch öfter in Westdeutschland oder in Berlin. Das heißt aber nicht, dass es in Westdeutschland keinen Rassismus gibt – dort passieren die Dinge einfach nur subtiler.

Rassismus sollte überall an Hochschulen bekämpft werden: Indem es mehr migrantische Dozierende gibt. Aber auch dadurch, dass in der Lehre Rassismus, Kolonialismus und ihre Auswirkungen bis heute kritischer reflektiert werden. Außerdem sollten in Entscheidungen häufiger Rassismus-Expertinnen und Experten mit einbezogen werden. Eine gute Entwicklung finde ich, dass es immer mehr politische Hochschulgruppen von migrantischen Studierenden gibt.

Laís, 32, studiert in Leipzig Nachhaltige Entwicklung im Master. Sie kommt aus Brasilien.

Hier gibt es verschiedene Vorurteile gegenüber Ausländern. Wenn du kein Deutsch sprichst und eine „Person of Color“ bist, wird die Wahrscheinlichkeit, dass du das im Alltag spürst, größer. Ich bin seit 2019 in Deutschland. Am Anfang war es schwierig für mich rassistische Vorfälle richtig einzuordnen. Wenn mir jemand auf der Straße etwas nachgeschrien hat, habe ich das nicht verstanden, aber mich direkt unsicher gefühlt. Jetzt verstehe ich wenigstens, was passiert. Zuletzt hat zum Beispiel eine Person auf offener Straße einfach „Schlampe“ zu mir gesagt.

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Auch im Kreis von Studienkolleginnen- und Kollegen gab es schon Vorfälle: Einmal meinte jemand, dass es in Lateinamerika eine Krankheit gebe, die Frauen weniger intelligent mache und gleichzeitig ihre Libido erhöhe. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und bin laut geworden.

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Am Ende waren die Umstehenden genervt von meiner Reaktion, anstatt von dieser rassistischen Behauptung. In dem Moment habe ich mich sehr allein gefühlt. In den nächsten Monaten hatte ich das Bedürfnis, meine intellektuellen Fähigkeiten besonders zu demonstrieren, weil ich das nicht auf mir sitzen lassen wollte. Außerdem war ich sehr verunsichert. Wenn sogar meine Studienkolleginnen- und Kollegen, von denen ich dachte, dass sie reflektierte Menschen sind, solche Kommentare in Ordnung finden – was ist dann mit anderen Leuten? Denken alle hier solche Dinge von mir?

Außerdem werde ich als Latina-Frau oft exotisiert und fetischisiert, besonders wenn Männer auf eine Art mit mir flirten, die mich zu einem Objekt macht. Ich habe zum Beispiel schon gehört, dass Typen gesagt haben „wie heiß Brasilianerinnen sind“ oder erlebt, dass jemand meine Nummer wollte „,weil er eben auf Latinas steht“.

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Ich habe das Gefühl, die Uni könnte besser darauf vorbereitet sein, ausländische Studierende zu integrieren. Sich als nicht-europäische Studentin mit der ganzen Bürokratie herumzuschlagen ist schwierig. Oft gibt es eine Sprachbarriere und wichtige Infos sind nur auf Deutsch verfügbar. Was die Lehre angeht, wünsche ich mir mehr Diversität. Es tut allen gut, Texte von Menschen zu lesen, die anders sind als sie selbst. Aber es werden noch immer fast nur Texte von europäischen Autorinnen und Autoren gelesen.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

Quelle: FAZ.NET
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