Kolumne „Uni live“

Ein Loblied mit Einschränkungen

Von Lisa Kuner
26.11.2021
, 13:40
Schick, schicker, Leipzig: Gründerzeitbauten in der mittlerweile bei Studierenden sehr beliebten Stadt
Ein Argument fürs Studium im Osten sind die günstigen Mieten. Auf den ersten Blick scheinen sie wirklich unschlagbar. Wenn man genauer hinschaut, ist die Lage aber nicht nur rosig.
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Das erste WG-Zimmer einer meiner besten Freundinnen hat 2015 in Erfurt 80 Euro kalt gekostet. Ein Bekannter erzählte erst vor kurzem, dass knapp sieben Euro Quadratmetermiete in Magdeburg noch immer als teuer gelten. Anekdoten über Mietpreise, bei denen sich Studis in Westdeutschland verwundert die Augen reiben. Ich konnte in den vergangenen Jahren jede Menge davon sammeln.

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Studien zum Mietmarkt bestätigen die Tendenzen: Regelmäßig wird Chemnitz zu Deutschlands günstigster Studierendenstadt gekürt. Auf den Plätzen zwei bis zehn folgen dann noch auffällig viele weitere Städte aus Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg. Rostock in Mecklenburg-Vorpommern schaffte es zuletzt sogar mit einer wirklichen Kuriosität in die Rankings – die Oststeestadt war die einzige in ganz Deutschland mit sinkenden Mieten.

Gerade für Studierende mit keinem oder einem geringen Einkommen sind niedrige Mieten ein wichtiger Pluspunkt. Auch ich habe schon profitiert: Mein erstes WG-Zimmer in Erfurt war 30 Quadratmeter groß und ich habe dafür 260 Euro warm bezahlt. Ist der Osten also das ungeschlagene Mietparadies? Nun ja...

Wenn Vermieter den Semesterbeitrag zahlen

Ein kleiner geschichtlicher Rückblick: Zu DDR-Zeiten wäre meine Wohnsituation in Erfurt sowohl ungewöhnlich als auch teuer gewesen. In der eigenen Wohnung oder einer Wohngemeinschaft lebten damals nämlich nur wenige Studierende – auch weil der Staat ihnen nur selten Wohnungen zuteilen wollte. Die allermeisten Studierenden lebten damals in Wohnheimen (rund 70 Prozent) und zahlten Preise ab zehn Mark, sogar die Bettwäsche war da schon mit drin. Dafür mussten sie sich dann aber auch ein Zimmer zu zweit oder dritt teilen. Die Wohnheimplätze waren stark subventioniert, zusätzlich bekamen die meisten Studierenden noch ein staatliches Stipendium und mussten so während des Studiums nicht arbeiten. Die die Möglichkeit einen Hochschulabschluss zu erlangen, hing dadurch viel weniger vom Einkommen der Eltern ab als heute.

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Nach der Wende gab es diese Art von Unterstützung nicht mehr: Wohnen war aber danach trotzdem erst einmal erschwinglich. Viele ostdeutsche Städte verloren sehr schnell sehr viele Einwohner, Vermieter hatten es schwer ihre (oft unsanierten) Altbauwohnungen an die Leute zu bringen. Vor rund zehn Jahren soll es in Leipzig noch vorgekommen sein, dass Vermieter potentielle Mieter mit einem kostenlosen Fahrrad anlockten oder Studierenden fürs erste Jahr den Semesterbeitrag zahlten, wenn sie eine WG neu gründeten. Etwa zur selben Zeit mauserte sich die Stadt Erfurt auch zur heimlichen Hochburg der alternativen Wohnformen – an kaum einem anderen Ort in Deutschland gibt es so viele Wohnprojekte, in denen Menschen versuchen, Zusammenleben neu zu denken.

Von den Grundsteinen, die in der DDR gelegt wurden, ist bis heute noch immer einiges übrig. Ein deutlich höherer Anteil an Studierenden lebt in Ostdeutschland in Wohnheimen als in Westdeutschland. Viele der DDR-Wohnheime wurden nach der Wende von den Studentenwerken übernommen. Gleichzeitig wohnen in Westdeutschland mehr Studierende bei ihren Eltern. Das liegt auch daran, dass dort die regionale Hochschuldichte höher ist.

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Kohleöfen und kaltes Wasser

Manche Art zu wohnen ist im Osten aber einzigartig: Im Jenaer Stadtteil Lobeda kann man im wohl modernsten Plattenbau Deutschlands eine Mischung aus Smarthome und DDR-Nostalgie erleben. In Leipzig fragt man sich in königlich anmutenden Treppenhäusern auf dem Weg zur nächsten WG-Party manchmal, ob man nicht aus Versehen im Museum gelandet ist.

Auch so kann Wohnen in Ostdeutschland aussehen: Hochhaus in Jena-Lobeda
Auch so kann Wohnen in Ostdeutschland aussehen: Hochhaus in Jena-Lobeda Bild: dpa

Man kann natürlich auch weniger angenehme Kuriositäten erfahren, wie zum Beispiel, dass es auch 2020 in deutschen Großstädten noch immer Wohnungen gibt, die mit Kohleöfen geheizt werden. Oder, dass Vermieter nachts das Warmwasser abdrehen, um Geld zu sparen. Aber darum soll es hier nicht gehen – fiese Vermieter gibt es schließlich in der ganzen Republik.

Die Kolumne könnte hier aufhören – mit einem Foto von hohen Decken mit Stuck (und ja, davon habe ich in den vergangenen Jahren wirklich viele gesehen) und dem guten Gefühl, dass aus der DDR doch noch ein bisschen Gutes übriggeblieben ist, weil ein paar Bundesländer dem Mietwahnsinn in Deutschland noch etwas entgegensetzen.

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Leipzig ist jetzt „Hypezig“

Die Geschichte geht aber noch weiter. Zum einen ist das Mietparadies bedroht – zumindest, wenn man auf die wachsenden Studi-Magneten schaut: Laut einer Studie des Immobilienportals Immoscout24 sind nirgends in Deutschland die Mieten im vergangenen Quartal so stark gestiegen wie in Leipzig. Anekdotische Evidenz gibt mir das Gefühl, dass Studierende hier heute gut 100 Euro mehr für ihr WG-Zimmer ausgeben als noch vor zwei, drei Jahren. Aus der tristen Geisterstadt der 90er ist inzwischen „Hypezig“ geworden – und auch in anderen Städten, wie zum Beispiel in Dresden oder Jena, ziehen die Preise an. Gerade die charakteristischen Altbauwohnungen (meist im Besitz von wohlhabenden Westdeutschen) werden immer öfter teuer saniert und rutschen dann weit aus dem finanziellen Rahmen für Studierende.

Zum anderen muss man die günstigen Wohnungspreise im Osten – wie so vieles im Leben – relativ sehen, also ins Verhältnis zum Einkommen setzen. Das ist im Osten geringer und meine persönliche Erfahrung sagt, dass man den Unterschied schon bei Studijobs bemerkt. Nur in Berlin und Frankfurt geben Menschen einen größeren Teil ihres Nettoeinkommens für eine Neubaumiete aus als in Leipzig.

Außerdem heißen günstigere Preise nicht, dass es einfach ist, eine Wohnung zu finden. Als in meiner WG vor Kurzem ein Zimmer frei wurde, hatten wir innerhalb von einer guten Stunde schon ein Dutzend Anfragen. Ich weiß – schlimmer geht immer. Aber die Wohnungssuche ist zumindest in den Ballungsräumen auch hier inzwischen ein Graus. Damit verlieren ostdeutsche Städte mehr als nur den Vorteil günstigen Wohnraums – sie verlieren auch zunehmend kulturelle Freiräume und gerade die machten sie eigentlich mal attraktiv.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

Quelle: FAZ.NET
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