Kolumne „Uni live“

Warum ein Studium in Österreich lohnt – und warum nicht

Von Pauline Evers
09.04.2021
, 15:17
Studieren – das geht in Österreich auch mit schlechten Abiturnoten. Ein Grund, warum viele Deutsche über die Grenze nach Süden ziehen. Aber ein Stück weit täuscht die Illusion.

„Wir“ mit den deutschen Reisepässen gelten hier als Flüchtlinge. Deutsche Studierende an österreichischen Hochschulen werden hier oft „NC-Flüchtlinge“ genannt oder auch „Beitragsflüchtlinge“. Denn anders als in Deutschland zählt die Abitur- oder Maturanote in Österreich nicht für die Hochschulzulassung. Stattdessen haben wir uns durch fachspezifische Prüfungen einen Studienplatz gesichert.

Auch die Semesterbeiträge, die in Deutschland schnell mehrere Hundert Euro ausmachen, betragen hier schöne 22 Euro. Österreich lockte viele von uns also mit dem auf die Bildung umgemünzten Amerikanischen Traum: „Bildung für alle“ oder „Wenn du willst, kannst du alles studieren“. Aber genauso, wie ein Tellerwäscher ohne Beziehungen eben nicht einfach so Millionär wird, kann sich auch nicht jeder frei in Österreich bilden.

Universitäten sollen wirtschaftlich effizienter werden – so viel steht fest, wenn man die Beschlüsse der Österreichischen Volkspartei liest. Das bundesweite Universitätsgesetz wird seit Jahrzehnten immer wieder novelliert, das Studium immer weiter bürokratisiert. So studieren wir schon jetzt nach einem mehr oder weniger fixen Studienplan, immer auf der Jagd nach genügend ECTS-Punkten. Denn das Herausfallen aus dieser Struktur wird sanktioniert: Wer die Prüfungen nicht absolvieren kann, darf darauffolgende Module nicht belegen; wer nicht in sieben Semestern seinen Bachelor gemacht hat, muss danach knapp 400 Euro Studiengebühren zahlen.

Mindestens 1200 Arbeitsstunden innerhalb der ersten Semester

Laut ÖVP führen die Regelungen zu „besserer Planbarkeit“. Für uns Studierende bedeuten sie vor allem mehr Zwang und Ausschlussgefahr. So auch die aktuellste Novelle, die im vergangenen Winter auf landesweite Proteste unter dem Schlagwort „Bildung brennt“ stieß. Nach dieser Unigesetznovelle sollen nun all jene fristlos exmatrikuliert und für ihr Studium gesperrt werden, die in den ersten zwei Semestern nicht eine bestimmte Mindeststudienleistung vollbringen konnten.

Wie hoch diese Grenze liegen soll, wurde heiß verhandelt – die Partei von Kanzler Sebastian Kurz sprach sich dafür aus, dass Studierende mindestens 1200 Arbeitsstunden innerhalb der ersten Semester in ihr Studium investieren sollten, die Studierendenproteste sprachen sich gegen eine Grenze aus. Der Kompromiss liegt nun bei 16 ECTS innerhalb von zwei Jahren – ein Arbeitsaufwand, den wirklich jeder vollbringen kann. Warum also der Stress?

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Es geht darum, dass generell versucht wird, diejenigen aus den Universitäten zu kehren, die mehr kosten, als dass sie die Bildungsangebote nutzen. Im Falle der Scheinstudierenden, die sich nur für Bustickets und Krankenversicherung einschreiben, mag das gerechtfertigt sein. Ganz entscheidend ist aber, wo die Grenze zwischen „zu wenig für das Studium leisten“ und „genug leisten“ gesetzt wird.

In Anbetracht dessen, dass in Österreich nur fünf Prozent der Studierenden überhaupt innerhalb der Mindeststudienzeit von meist sechs Semestern ihren Bachelor abschließen, dürften wir fast alle in die Kategorie „zu wenig“ fallen. Wir sollen also schneller studieren, das wird deutlich. Problematisch ist das insbesondere, weil wir – auch mit bestem Leistungswillen – nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben.

Technische Probleme auf beiden Seiten

Die meisten Studierenden können nicht nur und in erster Linie studieren. So waren in Österreich, vor der Corona-Pandemie, 65 Prozent der Studierenden erwerbstätig, im Durchschnitt arbeiteten sie 20 Stunden die Woche. Auch in Deutschland finanzieren sich rund zwei Drittel der Studierenden durch einen Neben- oder Hauptjob.

Miete, Abendessen, ein Bier mit Freunden und die Unimaterialien – das Studienleben ist teuer und wenn unsere Eltern uns nicht durchfinanzieren können, brauchen wir „Freizeit“ zum Arbeiten. Darunter leidet wiederum das Studium. Zu den meist prekären Arbeitsverhältnissen ohne feste Arbeitszeiten kommen für viele von uns auch Sorge- und Pflegearbeit hinzu. Alleinerziehende Eltern sind zum Beispiel stark darauf angewiesen, sich ihr Studium neben anderen Verpflichtungen selbst strukturieren zu können. Das Gleiche gilt für Studierende mit Behinderungen, chronischen oder psychischen Krankheiten.

Ein Unigesetz müsste alle diese verschiedenen Wege zur universitären Bildung mitbedenken und ermöglichen. In der Pandemie sollte die Politik erst recht Sicherheiten für Studierende schaffen, finanzielle Unterstützung bieten, Corona-Semester nicht anrechnen, Studiengebühren erlassen oder die Digitalisierung fördern. Denn auch wenn wir nicht Risikogruppe sind, trifft uns der Lockdown: Auch Studierende haben ihren Job verloren, müssen ihre Kinder zu Hause betreuen und Depressionen und Angstzustände sind die kleinen Geschwister der Isolation. Viele meiner Kommilitonen werden noch Jahre lang ihre jetzt aufgenommenen Schulden abbezahlen müssen und mit ihnen in die kommenden abgezählten Semester starten.

Und bei all dem kann keine universitäre Bildung garantiert werden, die mit Prä-Corona-Zeiten vergleichbar ist. So schön es ist, dass wir auch online studieren können – durch reine Textlektüre und das bloße Verfolgen von Vorlesungsstreams kann weder das gleiche Wissen generiert werden, wie in der Präsenzuni, noch können wir uns aneinander orientieren, wenn es um die Prüfungsvorbereitungen geht. Dazu kommt, dass Dozenten und Dozentinnen wie Studierende nicht selten an technischen Problemen scheitern.

Studieren ist momentan nicht einfach

So geben ein Drittel der Studierenden Österreichs an, keinen verlässlichen Zugang zum Internet zu haben. Studieren ist momentan nicht einfach und nicht jeder kann es sich leisten. Aber statt zu helfen wird über Maßnahmen gesprochen, die den Zugang zum Studium noch mehr beschränken.

Wer an den Universitäten bleibt, gehört zu denjenigen, die es sich zeitlich und finanziell leisten können. Das bedeutet: die ein privates Sicherungsnetz haben, und in den meisten Fällen Eltern, die sich die Bildung ihrer Kinder leisten können und wollen. Und dazu zählen auch die meisten „NC-Flüchtlinge“. Schon jetzt wird Bildung in Österreich, wie in Deutschland, vererbt. Von 100 Volks- also Grundschülern aus akademischen Haushalten beginnen 67 später ein Bachelorstudium, dagegen gehen nur 22 Prozent der Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern an die Universität. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass noch höhere Ansprüche an Studierende dieses Gefälle auflösen werden.

Wen genau die Gesetzesnovelle wie hart treffen wird ist – besonders nach den vielen Abschwächungen des ursprünglich vorgestellten Gesetzestextes – schwer einzuschätzen. Aber grundsätzlich herrscht unter uns Studierenden mehrheitlich die Ansicht: Bildung lässt sich weder in strammen Studienverläufen noch in monetären Gegenrechnungen messen. Genauso wenig, wie sich Gesundheit in der geringen Bettenanzahl eines Krankenhauses äußert.

Pauline Evers (19 Jahre alt) ist Studienanfängerin der Soziologie an der Universität Wien. Sie arbeitet nebenbei an Filmsets, im Falafelimbiss und immer mal wieder für die F.A.Z. In Wien freut sie sich am meisten auf Seminare in Präsenz und den Fernbus nach Sarajevo.

Quelle: FAZ.NET
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