Kolumne „Uni live“

„Was willst du denn da drüben?“

Von Lisa Kuner
27.08.2021
, 13:50
Noch immer mit Klischees belastet: Studium an einer ostdeutschen Uni – hier ein Blick auf das Hauptgebäude der Uni Leipzig.
Als ich zum Studium in den Osten zog, hielt ich mich für ach so offen. Dabei lohnt es sich, wenn wir jungen Menschen die Unterschiede kennen, die es bis heute gibt – und sie reflektieren.
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„Willst du noch ein paar Bananen mitnehmen?“ und „Bist du sicher, dass es in Dunkeldeutschland nicht gefährlich ist?“ Als ich 2015 fürs Studium aus Süddeutschland nach Erfurt – also tief in den Osten Deutschlands – zog, machte sich mein Umfeld beinahe mehr Sorgen um mich als vor meiner Reise nach Lateinamerika. Zugegeben, die Sprüche waren vielleicht nicht zu 100 Prozent ernst gemeint. Aber trotzdem bemerkenswert dafür, dass ich bloß in eine andere Stadt wollte. Und dafür, dass es schon seit 25 Jahren keine Mauer mehr gab, die Deutschland in Ost und West trennte. Warum eigentlich denken so viele Menschen noch immer in den Kategorien Ost und West?

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Ich habe dazu einfach mal ein bisschen recherchiert. Die Realität der vereinigten Bundesrepublik scheint in vielen Köpfen noch immer nicht angekommen zu sein. Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen aus dem Jahr 2019 waren zwar 95 Prozent der Ostdeutschen nach der Wende mindestens einmal zu Besuch im Westen, allerdings gab jeder fünfte Westdeutsche an, noch nie in den Osten gereist zu sein. Allerdings schützt auch eine Reise offensichtlich nicht immer vor undifferenzierten Ansichten. Denn auch wenn die allermeisten Ostdeutschen schon mal im Westen waren, haben viele von ihnen Vorurteile. Eingebildete, reiche Studierende aus dem Westen würden im Osten die Mieten nach oben treiben ist eines davon. Die jungen „Wessis“ gelten außerdem als arrogant und geldgierig. Sie verstünden nichts von der harten Lebensrealität im Osten, sagt man ihnen nach.

„Studier auf den Schmalledivien“

Im Westen gibt's auch Vorurteile – bloß andere. Und zur Verhärtung der Fronten haben in der Vergangenheit unter anderem öffentliche Institutionen beigetragen. So wollte zum Beispiel das Bildungsministerium ein bisschen mitmischen im bunten Topf der Klischees. Von 2008 bis 2015 gab es die Imagekampagne „Studieren in Fernost“, die westdeutsche Abiturienten und Abiturientinnen an ostdeutsche Hochschulen locken sollte. Zwei junge, ostasiatisch aussehende Männer reisten dafür nach Greifswald oder Stendal und priesen dann in Videos auf sozialen Netzwerken die niedrigen Mieten oder die gute Betreuung an 44 Hochschulen an. Hinzu kam eine Plakatkampagne, die mit Sprüchen wie „Studier auf den Schmalledivien“ beispielsweise ins thüringische Schmalkalden locken sollte.

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Die Idee dahinter: Wegen des demografischen Wandels und der Abwanderung junger Ostdeutscher erwarteten die dortigen Unis in dieser Zeit deutlich weniger Studierende, während viele westdeutsche Bundesländer von steigenden Zahlen ausgingen. Schon klar, es war alles witzig-ironisch gemeint. Aber, ob Thüringen oder Sachsen-Anhalt mit asiatischen Staaten gleichzusetzen den eigentlichen Zweck erfüllt hat, ist unklar. Inzwischen wurde die Kampagne jedenfalls eingestellt. Vielleicht, weil die Hörsäle in Ostdeutschland längst genauso voll sind wie im Westen. Vielleicht aber auch, weil die ganze Aktion Vorurteile eher auf- als abgebaut hat.

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Was tun? Einfach weghören?

Und das ist nur ein Beispiel für die fragwürdige Darstellung von Ostdeutschland: Egal ob aus dem Westen oder der Politik – seit ich im Osten studiere, höre ich immer wieder alle möglichen Vorurteile. Mein Umgang damit war lange Zeit, die Bemerkungen einfach wegzuwischen. Unterschiede zwischen Bundesländern spielten doch für meine Generation, die nach der Wende geboren ist, und die sich als Weltbürger versteht, keine Rolle, dachte ich anfangs. Mittlerweile sehe ich es anders: Die Auswirkungen der Teilung Deutschlands sind im Osten der Republik noch real und man bemerkt sie noch im Studium.

Unreflektierte Bananenwitze und pauschalisierende Vorwürfe werden diesen Unterschieden nicht gerecht. Stattdessen sollte man ein bisschen genauer hinschauen: In einem Großteil der ostdeutschen Familien gab es in den Neunzigerjahren Biografiebrüche. Viele der Eltern meiner Studienkolleginnen und -kollegen verloren damals ihre Jobs, fanden lange keinen Ersatz oder arbeiteten in der neu geeinten Bundesrepublik auf einem niedrigeren Lohnniveau. Das führte dazu, dass viele von ihnen kein Vermögen aufbauen konnten und ihre Kinder an den Unis auch heute noch schlechter unterstützen können. Auch die Universitätsstruktur ist eine andere – nur eine der sogenannten Exzellenzuniversitäten befindet sich aktuell im Osten (die Technische Universität Dresden).

Nicht alle Auswirkungen sind unbedingt negativ: Meine Freundinnen und Freunde im Osten sind mit einem anderen Gesellschaftsbild groß geworden. Galt man in Neunzigerjahren im Westen noch als Rabeneltern, wenn man Kinder in eine Ganztagesbetreuung schickte, war es für die Kinder in den neuen Bundesländern völlig normal, dass beide Elternteile arbeiteten und dass sie nach der Grundschule noch in den Hort gingen. Statt an Konfirmation oder Kommunion nahmen viele von ihnen auch weit nach der Wende noch an der konfessionslosen Jugendweihe teil. All das führt dazu, dass ostdeutsche Studierende eine andere Prägung haben. Unsere Freundschaften bereichert das!

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Ist es wirklich gut, wenn die Mauer im Kopf gänzlich fehlt?

Auch nach dem Studium hören die Unterschiede nicht auf: Im Westen gibt es bis heute mehr Lohn und mehr Arbeitsplätze. Deshalb ziehen viele Akademiker nach dem Abschluss weg – rund ein Viertel der Absolventen aus Sachsen und sogar fast zwei Drittel der Absolventen aus Sachsen-Anhalt wandern ab, zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Uni Maastricht.

Unterschiede zwischen Ost und West sind also noch immer real. In der wirtschaftlichen Dimension muss daran noch gearbeitet werden. Aber ansonsten? Deutschland lebt von Vielfalt. Weder flache Vorurteile noch Verallgemeinerungen werden dem gerecht. Stattdessen müssen wir offener miteinander reden, bereit sein unser Bild vom Gegenüber zu hinterfragen. Gerade wir jungen, gut ausgebildeten Menschen sollten das tun.

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Ein Studium auf der anderen Seite der imaginären Mauer ist eine gute Möglichkeit dazu. Ich selbst war lange stolz darauf, dass es die Mauer in meinem Kopf nie gegeben hat. Darauf, dass ich nie zwischen dem Osten und dem Westen unterschieden habe, dass ich ach so offen bin. Heute weiß ich: Die Unterschiede nicht wahrzunehmen war unreflektiert. Ich konnte das nur, weil meine Westfamilie die finanziellen und sozialen Brüche der Nachwendezeit nicht gespürt hat.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

Quelle: FAZ.NET
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