Kolumne „Uni live“

„Wenn niemand etwas unternimmt, wird auch niemand bestraft“

Von Artur Weigandt
09.07.2021
, 11:57
Studierendenproteste im Herbst 2020 in Minsk.
Nastja ist 21 Jahre alt und studierte bis zum vergangenen Jahr in Belarus. Jetzt ist sie auf der Flucht. In diesem Protokoll für unsere Reihe „Uni live“ berichtet sie von ihren Erfahrungen.
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„Mein Name ist Nastja, ich bin 21 Jahre alt und habe an der Wirtschaftsfakultät an der Minsker Universität Tourismuswirtschaft studiert. Früher war mein Studium nichts Außergewöhnliches im Vergleich zum Rest Europas. Ich zahlte meine Studiengebühren, die für unsere Verhältnisse sehr hoch sind. Ich ging jeden Tag zur Universität. Mal am Vormittag. An anderen Tagen am Nachmittag. Meine Universität ist ein verrückter Ort. Alte Büros, Kopfhörer, die auseinander fallen und Computer, die mit Raubkopien von Windows laufen.

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Neue Ausrüstung braucht natürlich Geld, aber statt in Technik zu investieren, hat unsere Verwaltung beschlossen, Kameras mit Tonaufzeichnungen zu installieren. Uns Studenten wurde von einigen Dozenten geraten, nicht zu kritisch auf den Gängen zu sein, weil man uns verhaften könnte.

In Europa dauert das Bachelor-Studium drei Jahre. Bei uns vier. Ich war im vierten Jahr meiner Ausbildung. Nur noch sechs Monate blieben mir, bis ich mein Zeugnis in den Händen halten würde. Es kam alles anders. Die Präsidentschaftswahlen in Belarus haben uns Studenten auf die Straße getrieben. Ich organisierte im August eine Protestaktion für meine Fakultät. Die Reaktion meiner Universität empfand ich als ungerechtfertigt: Sie wies mich für eineinhalb Monate aus.

Viele Verräter unter den Studenten

Wahrscheinlich wurde ich von einem Kommilitonen verraten. An den belarussischen Universitäten gibt es viele Verräter, unter den Studenten, die sich entweder bessere Noten versprechen oder so stark von der Universität unter Druck gesetzt werden, dass sie aus Angst ihre Kommilitonen verpetzen. Manche Studenten wurden auch verhaftet, weil sie in den sozialen Medien Bilder gepostet haben, in denen sie Bändchen in den weiß-rot-weißen Farben der belarussischen Opposition getragen haben.

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Davon ließen wir uns aber nicht abschrecken und nahmen am 13. November, dem schwarzen Donnerstag, an Protesten teil. Mein Freund und ich wurden während der Proteste vom belarussischen Geheimdienst abgeführt, verhaftet und verhört. ,Wir sind als nächstes dran', dachten wir uns. Wir durften zwar gehen. ,Aber sie werden uns jetzt nicht in Ruhe lassen. Wir werden im Gefängnis landen'.

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Als wir zu Hause waren, haben wir dann innerhalb von 20 Minuten unsere Taschen gepackt, um aus Belarus zu fliehen. Ich dachte, dass ich noch legal ausreisen kann. Aber ich habe mich geirrt, ganz einfach war es nicht. An der Grenze zur Ukraine mussten wir fünf Stunden lang alleine in einem Raum warten. Aber dann ließen sie uns raus.

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Die Exmatrikulation dauerte lange

In der Ukraine konnten wir uns nur 180 Tage ohne Visum aufhalten. Kurz nachdem ich dort angekommen war, habe ich meinem stellvertretenden Dekan geschrieben, dass ich abgereist bin und nicht zurückkommen werde. Ich bat um eine Exmatrikulation, denn ohne dieses Dokument konnte ich in der Ukraine nicht weiterstudieren – geschweige denn Stipendien oder andere Unterstützung erhalten. Ich schrieb: ,Bitte exmatrikulieren sie mich, damit ich mich für das Kalinowski-Programm bewerben kann.' Das ist ein Stipendienprogramm in Polen. Doch sie wussten, wer ich bin und was ich getan habe. Sie haben mit der Exmatrikulation mehrere Monate gewartet, sie richtig hinausgezögert. Deswegen bin ich mit meinem Freund nach Georgien geflohen, weil wir uns dort ein Jahr lang ohne Visum aufhalten können. Gerade sind wir dort.

Leider haben die belarussischen Studenten aufgehört, wirklich aktiv zu sein. Deswegen wird jetzt weniger unterdrückt, soweit ich weiß, obwohl es immer noch Fälle gibt, in denen Studenten verhaftet werden. Wenn niemand etwas unternimmt, wird auch niemand bestraft. Viele Studenten sind jetzt im Ausland, wie wir.

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Ich mag es, dass ich überall auf der Welt studieren kann. Durch meine Flucht habe ich gelernt, dass ich wirklich nicht viel zum Leben brauche. Denn es ist alles sehr teuer. Zum Glück gibt es noch Stiftungen, die uns unterstützen. So hat uns das Haus der Menschenrechte in Chernihiv finanziell unterstützt. Es ist kein schlechtes Leben. Es ist aber ein anstrengendes Leben. All der bürokratische Stress, der mit den Visa zusammenhängt. Die Flüge, Transfers und Tests: Das ist alles nicht günstig. Gerade kann ich mich nirgends immatrikulieren, weil ich noch kein Visum habe. Dafür nehme ich oft online als Gasthörerin an Uni-Veranstaltungen teil.

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Die Online-Lehre macht Vieles möglich

So wie in den Universitäten Leipzig und Tübingen: Dort war ich war bis vor kurzem Online-Gasthörerin. Derzeit versuche ich, mich an einer Universität in Norwegen für einen ähnlichen Studiengang zu bewerben. Ich muss dort wahrscheinlich nochmal von vorne anfangen, weil viele Module oft im Ausland nicht anerkannt werden. Aber ich schaffe das ganz sicher.

Mein Traum ist es eigentlich, irgendwann zurück nach Belarus zu kommen. Ich wollte schon immer den Tourismus in dem Land fördern, um es attraktiver zu machen. Aber auf der anderen Seite ist mir klar, dass ich jetzt noch nicht zurück will, und selbst wenn das Regime fällt, bin ich mir nicht sicher, ob ich noch dorthin gehen kann, und ob ich es überhaupt psychisch verkraften werde. Mein Vater hat Belarus schon verlassen. Meine Mutter und meine Schwester sollen nachkommen. Ich hoffe, dass sie ohne Probleme gehen können, damit ich mich emotional von diesem Land verabschieden kann. Zumindest solange dieses Regime noch an der Macht ist.

Es gibt auch Hoffnung, zum Beispiel mit Blick auf die Sanktionen. Die EU-Sanktionen, die im Juni in Kraft getreten sind, könnten einen starken Einfluss auf die Wirtschaft des Regimes nehmen. Kein Geld – keine Regierung. Ich versuche allerdings, mich so weit wie möglich von den Nachrichten aus Belarus zu distanzieren. Die Opposition hat so oft ein Ultimatum angekündigt. Wir haben gehofft. Und doch: So oft ging alles schief, und das Regime ist nicht schwächer geworden. Ich hoffe, dass wir nicht wieder enttäuscht werden. Ich hoffe wirklich, dass es klappt und alles gut wird.“

Artur Weigandt (26) absolviert derzeit eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Verbrachte aber auch als Kind und Student längere Zeit in Kasachstan, Georgien, der Ukraine, Russland und Belarus. Für die Reihe „Uni live“ schreibt er in unregelmäßigen Abstände Protokolle über den Alltag von Studierenden in Osteuropa.

Quelle: FAZ.NET
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