Verunsicherte Mitarbeiter

Vorsicht, Investoren!

Von Carolin Wilms
15.01.2022
, 09:52
Übernahmen und Firmenverkäufe verunsichern viele Beschäftigte. Dass diese nicht gleich zu Kündigungen führen, zeigt jedoch das Beispiel der Aufzugssparte von Thyssen-Krupp.
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Es hat zunächst große Sorge in der Belegschaft gegeben, als sich der Verkauf abzeichnete“, sagt Susanne Herberger, Vorsitzende des Konzernbetriebsrates TK Elevator, der früheren Aufzugssparte im Thyssen-Krupp-Konzern. Diese wurde im Jahr 2020 für 17,2 Milliarden Euro an zwei Finanzinvestoren und die RAG-Stiftung verkauft. Veränderungen im Gesellschafterkreis führen bei Beschäftigten regelmäßig zu Unsicherheit. Dabei gibt es viele andere Gründe für einen Eigentümerwechsel als bei TK Elevator: Unternehmensnachfolgen, Eintritt in neue Märkte oder die Entwicklung neuer Produkte erfordern finanzielle Mittel, die Banken oder strategische Investoren manchmal nicht stemmen können oder wollen.

Der Ruf von Finanzinvestoren wurde negativ geprägt, als im Jahr 2005 der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering diese als Heuschrecken bezeichnete, die abgrasen und weiterziehen. Kein Wunder, dass Unsicherheit groß ist, wenn sie kommen. Vor der Phase des Übergangs sei die Unruhe unter den weltweit rund 50.000 Mitarbeitern am größten gewesen, sagt Heuberger, denn die Alternativen zum Verkauf an die Finanzinvestoren seien ein Börsengang oder ein Verkauf an Wettbewerber gewesen, die das Unternehmen möglicherweise aufgespalten hätten.

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Vor allem Start-ups und Mittelständler gehören den Finanzinvestoren

Gesellschaften in der Hand von Finanzinvestoren nehmen zu. Mittlerweile arbeiten mehr als eine Million Beschäftigte in Unternehmen, die von Private-Equity-Firmen (PE) finanziert werden, gibt der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) an: So seien mehr als 400 Beteiligungsgesellschaften in Deutschland an rund 5500 Firmen beteiligt, darunter vor allem an Start-ups und Mittelständlern. „Das Spektrum bei Finanzinvestoren bewegt sich zwischen zwei Polen“, sagt Alexander Sekanina von der Hans Böckler Stiftung in Düsseldorf, „und hängt extrem vom Einzelfall ab.“ Es habe Fälle gegeben, da seien Unternehmen nach Werksschließungen und Kosteneinsparungsprogrammen nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen. „Bevor diese Ehen auf Zeit geschlossen wurden, haben sich proaktive Arbeitnehmervertreter als eine gut organisierte Gegenmacht verdient gemacht.“

Dass auch ohne Arbeitnehmervertretung die Arbeitsplätze nach dem Einstieg eines Finanzinvestors erhalten bleiben können, zeigt der Fall von Fabmatics aus Dresden, einem Hersteller von Automatisierungslösungen für die Halbleiterindustrie. Um die Altersnachfolge eines Eigners zu regeln, hat der Wachstumsfonds Mittelstand Sachsen (WMS) im Jahr 2014 dort eine Minderheitsbeteiligung übernommen. Die Mittel stammen wiederum von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Sachsen und mehreren regionalen Sparkassen, die langfristig am Fortbestand der Unternehmen und ihren lokalen Arbeitsplätzen interessiert sind. Man habe die Gesamtverantwortung bei der Geschäftsführung des Unternehmens belassen, so Thomas Tettenborn, Investment Director beim WMS, einen Anbieter komplementärer Produkte zugekauft und beide Unternehmen verschmolzen. Alle Mitarbeiter seien übernommen, vierzig Arbeitsplätze geschaffen worden.

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Kündigen Investoren ihren Mitarbeitern häufiger?

In anderen beteiligungsfinanzierten Unternehmen haben die Mitarbeiter häufig Sorge um ihren Arbeitsplatz. Hierzu haben neue Studien sehr unterschiedliche Ergebnisse erbracht: Eine von der Hans Böckler Stiftung veröffentlichte fand heraus, dass Firmen im Besitz von PE innerhalb von sechs Jahren die Beschäftigtenzahl um fünf Prozentpunkte reduzierten, während die Vergleichsgruppe ohne Finanzinvestor diese um acht Prozentpunkte erhöhte. Hingegen ermittelten Untersuchungen der Beratungsgesellschaft Inverto und des BVK den gegenteiligen Trend. Diese uneinheitliche Aussagen mögen an der Auswahl der Vergleichsgruppen und Vergleichsgrößen und an den verschiedenen Zeitreihen sowie untersuchten Unternehmen liegen. Nachvollziehbar sind sie ohne Kenntnis aller Details nicht.

Da Thyssen-Krupp über einen mitbestimmten Aufsichtsrat verfügt und gleich mehrere Bewerber Interesse am Kauf der profitablen Aufzugssparte hatten, konnten die Arbeitnehmervertreter mit darauf achten, dass ihre Interessen gewahrt wurden. So wurde mit den Käufern ein Tarifvertrag mit einer Laufzeit von sieben Jahren abgeschlossen. „Die Mitarbeiter müssen sich keine Sorgen machen, dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren“, sagt Herberger. „Wir haben eine Standort- und Beschäftigungssicherung.“ Unabhängig von der Entwicklung der Belegschaftsgröße ist PE-Managern laut einer Befragung des Beratungsunternehmens PwC die Bedeutung des Umgangs mit dem Personal der übernommenen Firmen klar: Insbesondere der Weggang talentierter Mitarbeiter stelle eine große Gefahr für die Wertentwicklung der Firmenkäufe dar. Bei mehr als achtzig Prozent der Beteiligungen mit signifikantem Wertverlust war dies auch eine Folge des Weggangs von rund einem Fünftel der talentierten Mitarbeiter. Und mehr als die Hälfte der Befragten gab Probleme mit der Unternehmenskultur als Hindernis für die Wertsteigerung ihrer Beteiligungen an.

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Quelle: F.A.S.
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