Kolumne „Uni live“

Gebete gegen Masturbation und Homosexualität?

Von Leon Igel
22.10.2021
, 12:25
Gottesdienst in einer Freikirche
Gebetbücher mit mittelalterlichem Weltbild in Wohnheimbibliotheken sind keine Ausreißer, auch Freikirchen mit schlichten religiösen Botschaften haben unter jungen Menschen Zulauf. Wie erklärt sich der?
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Im Keller meines alten Studierendenwohnheimes steht ein Büchertausch-Regal. Schmonzetten, Krimis, manchmal etwas Schlaues. Was das Wohnheim liest und tauscht, entspricht einigermaßen dem Querschnitt des Buchmarktes. Es gibt aber auch die christlichen Erbauungsbüchlein, die sich immer wieder in die Regalreihen einschleichen und die ich bis zu meinem Auszug aus Interesse fleißig herausgezogen habe.

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Erbauend sind diese Bücher oft ganz und gar nicht. Ein Exemplar etwa enthält Gebete für viele realweltliche Belange, etwa für ein Leben ohne Masturbation oder gegen homosexuelles Empfinden. Ach Gott, dachte ich mir, als ich das Buch in meinem Zimmer zum ersten Mal studierte, betet da irgendjemand in diesem Wohnheim womöglich gegen das Masturbieren an? Ich wühlte derweil in meiner Uni-Tasche nach einem Regenbogen-Sticker, den ich unbedingt noch in die WG-Küche kleben wollte.

Diese Kolumne hier soll kein Abgesang auf Religion werden, ich knie regelmäßig in der Kirche. Aber das tut nichts zur Sache. Auch für einen Atheisten verändert sich dieser Sachverhalt nicht: Religion ist wichtig, weil Menschen an sie glauben. Sie ist damit gesellschaftliche Realität und man sollte sie so gestalten, dass sie zu den Werten unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft passt. Jetzt klingt Masturbationsverbot eher nach Mittelalter als Moderne, immerhin wird es nicht viel Schaden anrichten. Beim Thema Homosexualität sieht das anders aus.

Junge Sinnsucher in freien Gemeinden

Jetzt könnte man sagen: Wen kümmert es denn, was ein, zwei Studierende mit einem reaktionären Gottesbild drei, vier Zimmer weiter glauben und denken? Vielleicht ist das Phänomen aber nicht so marginal, wie man denken könnte. In meinen fünf Jahren im Studierendenwohnheim lagen immer wieder Einladungszettel für irgendwelche Hardcore-Jesus-Clubs im Briefkasten, eine Studienfreundin ist jetzt Evangelikale und auf der Mensawiese hat kürzlich eine Gruppe von Kommilitonen, die alle Religionen für Schmu hielt, nur Jesus bringe die Erlösung, zu missionieren versucht.

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Auch in meinem Umfeld steht der Wind auf Polarisierung. Christliche Religion spielt für immer weniger meiner Freunde und Bekannten eine Rolle, für immer mehr hingegen eine entscheidende. Die jungen Sinnsucher finden ihre Heimat oft in freien Gemeinden für junge Leute, die mit Popmusik und Limo nach dem Gottesdienst aufwarten. Das kann man vielleicht noch verstehen, dort lässt es sich bestimmt besser beten als inmitten der Generation 80 plus. Doch der Preis ist hoch. Oft vertreten diese Kirchen nach meiner Beobachtung ein Schwarz-Weiß-Abzieh-Gottesbild längst vergangener Zeit.

Seitdem ich das Gebet gegen die Masturbation in den Händen hielt, frage ich mich: Wie können junge Menschen, die seit mindestens zwölf Jahren eine im weitesten Sinn humanistische Ausbildung genießen, sich derart gegen Aufklärung und Emanzipationsbewegungen in unserer Gesellschaft wenden? Was bieten ihnen diese starren christlichen Gemeinschaften, dass sie ihr Reflexionsvermögen derart hintanstellen?

Das sind Fragen, die sich so schnell nicht beantworten lassen, sagt Martin Fritz. Der Theologe von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) ist zwar Experte auf dem Gebiet, er weiß aber auch, wo die blinden Flecken liegen. Das fängt bei den Mitgliederstrukturen an. Weil es bei Freikirchen keine verbindlichen Zählungen und Verbände gibt, kann man nur schätzen, wie viele Christen sich ihnen zurechnen. Laut Zahlen der Evangelischen Kirche in Deutschland sind es rund 900.000. Einen direkten Boom verzeichnet die Statistik allerdings nicht, seit 2012 sieht sie ein Wachstum von rund 3,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat die Evangelische Kirche rund 15 Prozent, die Katholische rund 10 Prozent Gläubige verloren. Eine weitere Unklarheit besteht wegen der Vielfalt der Freikirchen, die meist unabhängig voneinander agieren. Was die einen predigen, glauben die anderen noch lange nicht. Einen Überblick hat niemand.

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Klar ist: Die freikirchliche Bewegung ist lebendig. Ob sie bei jungen Leuten besonders erfolgreich ist, ist nicht bekannt. Zumindest in den Städten gibt es zahlreiche Versammlungen, die vor allem junge Menschen ansprechen und gut besucht sind. Warum ihnen das gelingt, versucht Martin Fritz vom EZW so zu erklären: „Diese Kirchen kultivieren klare, intensive und schlichte Formen von Religiosität.“ Für junge Leute bedeutet das vor allem eine Worship-Kultur, also an Popmusik orientierte Lobpreislieder, die ein bestimmtes, junges, christliches Lebensgefühl verkörpern.

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Durch schlichte Formen fänden junge Menschen leichter Antworten auf ihre komplexen Lebensfragen. Gleichzeitig stiften die Gemeinden ein starkes Gemeinschaftsgefühl, man findet dort schnell Anschluss. Für viele Studierende und Berufsanfänger, die oft umziehen müssen, ist das ein Pluspunkt. „Das Reaktionäre in manchen Anschauungen nehmen Menschen bei vielen Kirchen in Kauf, auch wenn es ihnen von Hause aus nicht unbedingt entspricht“, sagt Fritz.

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Das alles ergibt Sinn, es erklärt die Lage aber nicht erschöpfend. Um genau verstehen zu können, was passiert, brauchte es bessere Zahlen. Die könnten breite religionssoziologische Untersuchungen liefern. Ein paar Doktorarbeiten zum Thema wären wünschenswert.

Was können wir unterdessen gegen eine voranschreitende gesellschaftliche Zersplitterung tun? Welche Werte halten uns als Gemeinschaft zusammen? Wie vermitteln wir die? Nicht zuletzt die Uni als Laboratorium und Reflexionsraum unserer Gesellschaft ist hier gefragt. Sie scheint diese Herausforderung aber noch nicht begriffen zu haben.

Quelle: FAZ.NET
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