Rassismus an der Uni

Weiße Orte

Von Mia Pankoke und Celine Schäfer
01.07.2022
, 10:22
Die Professorin Katajun Amirpur macht sich an der Kölner Uni  gegen Rassismus stark.
Hochschulen gelten als Orte der Toleranz und Weltoffenheit. Doch ein genauer Blick zeigt: Auch sie sind vor strukturellem Rassismus nicht gefeit. Einige Bildungsstätten machen das Thema deshalb jetzt zur Chefsache.
ANZEIGE

Als Katajun Amirpur eine Stelle als erste Rektoratsbeauftragte für Rassismuskritik angeboten wurde, lehnte sie erst einmal ab. „Ich bin ziemlich weiß, und da ich kein Kopftuch trage, erlebe ich auch keine anti-muslimische rassistische Diskriminierung“, erklärt die Professorin für Islamwissenschaften. Amirpur wurde 1971 in Köln geboren, ihr Vater kommt aus Iran, ihre Mutter ist Deutsche. „Bei solchen Stellen geht es aber immer auch um Repräsentation und Sichtbarmachung, deshalb ist meine Besetzung nicht wirklich ideal.“ Doch unter den rund 500 Dozierenden der Universität zu Köln suchte sie vergeblich nach passenderen Kandidaten: Es fanden sich keine People of Color unter den Professoren, auch keine Dozentin mit Kopftuch. So nahm Amirpur die Stelle zusätzlich zu ihrer Professur dann schließlich doch selbst an.

Die Kölner Universität hat mit der Berufung von Amirpur zur obersten Rassismuskritikbeauftragten eine Position geschaffen, die man an den allermeisten anderen Hochschulen in Deutschland vergeblich sucht: Sie ist eine Verantwortliche auf oberster Ebene, die Rassismus in der eigenen Institution systematisch den Kampf ansagt. Nun könnte man sich fragen: Braucht es angesichts der heute an jeder Universität bereits vorhandenen Gleichstellungsbüros tatsächlich noch zusätzliche Stellen, die sich explizit mit dem Thema Rassismus befassen? Es gibt wohl kaum noch eine deutsche Hochschule, die sich nicht ihre Weltoffenheit, Toleranz und Diversität auf die Fahnen schreiben würde und auch das ein oder andere Projekt zum Thema Rassismus vorzuweisen hätte. Ist die Einrichtung von zentralen Antirassismusreferaten also nur ein Trend, der aus den USA zu uns herüberschwappt, wo an den Universitäten inzwischen schon lautstark über „Cancel Culture“, also eine unfreie Debattenkultur gerade auch beim Thema Rassismus, gestritten wird?

ANZEIGE

„Das macht den Unterricht weniger eurozentristisch“

Expertinnen wie Amirpur, die unter anderem zu Rassismus forscht, sind überzeugt: Es braucht genau solche „Scharnierstellen“, wie Amirpur ihre Position selbst bezeichnet, um an deutschen Hochschulen endlich ein kritisches Bewusstsein für rassistische Strukturen zu schaffen. Amirpur soll in ihrer neuen Position all jene, die sich an der Uni schon mit dem Thema beschäftigen, miteinander vernetzen und strukturübergreifende Projekte koordinieren. Eine solche Initiative ist zum Beispiel das Kölner Forum „Decolonizing Academia“, das sich mit vom Kolonialismus geprägten Lehrstrukturen auseinandersetzt und gerade eine Reihe von Veranstaltungen mit Gastlektoren aus dem Globalen Süden ausrichtet. Die Dozierenden werden gemeinsam mit den Gastlektoren unterrichten, um deren Perspektive einzubringen. „Das macht den Unterricht weniger eurozentristisch“, sagt Amirpur. Außerdem hält sie den Kontakt zum BIPoC-Referat der Universität, das sich schon im Jahr 2019 auf Initiative von Studierenden gegründet hat. BIPoC steht für Black, Indigenous, People of Color. Das Referat pflegt in seinen Sprechstunden Kontakt zu Studierenden, die bereits Rassismus erfahren haben.

Groß angelegte Studien zur Frage, ob und in welchem Ausmaß sich Studierende und Lehrende im Hochschulkontext rassistischen Kommentaren aussetzen müssen oder gar Opfer von Übergriffen werden, fehlen bislang. Daher lässt sich Rassismus an Hochschulen fast nur anekdotisch belegen, etwa durch Medienberichte oder Erzählungen von Studierenden oder Dozenten. So werden rassistische Vorfälle schnell als Einzelfälle abgetan – und Kritiker rassistischer Strukturen sehen sich oft Anfeindungen ausgesetzt.

ANZEIGE

Das erlebte etwa Maisha-Maureen Auma, Professorin für Kindheit und Differenz an der Hochschule Magdeburg-Stendal und damals Gastprofessorin an der TU Berlin, als sie im Dezember 2020 in einem Interview sagte: „Schwarzes Leben sehe ich in deutschen Universitäten vornehmlich ganz früh am Morgen oder ganz spät am Abend, wenn das Reinigungspersonal seine Arbeit beginnt. Tagsüber sind das immer noch weiße Institutionen, weitgehend homogene Milieus, die sich selbst reproduzieren.“ Auma plädierte für mehr Diversität an Hochschulen. Die Folge: rassistische Angriffe seitens der AfD Sachsen-Anhalt.

Kommission für Chancengleichheit und Vielfalt

Die Studienlage zum Ausmaß struktureller Diskriminierung mag also dünn sein. Wann immer eine Hochschule aber doch genauer hinschaut, zeigt sich: Rassismus ist auch an den vermeintlich aufgeklärten, toleranten und sensiblen Bildungsstätten ein Problem. So hat zum Beispiel die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) im Jahr 2015 nachgefragt bei ihren Studierenden. Das Ergebnis: Fast ein Viertel hat Diskriminierung im Hochschulkontext erlebt oder beobachtet. Mehr als die Hälfte davon gaben an, dass sie die Diskriminierung auf die nationale, ethnische oder kulturelle Herkunft, die Hautfarbe, die Staatsangehörigkeit oder die Religionszugehörigkeit zurückführen konnten.

ANZEIGE

Neben der Uni Köln wollen es inzwischen auch ein paar andere Hochschulen genauer wissen und machen rassistische Strukturen in den eigenen Häusern zur Chefsache. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hat zum Beispiel im vergangenen Jahr ein Antirassismuskonzept veröffentlicht, das vom Präsidium bestätigt und vom Senat verabschiedet wurde.

An der Universität Rostock gibt es eine Kommission für Chancengleichheit und Vielfalt, den Vorsitz hat eine Prorektorin übernommen. Aber: Solche Strukturen sind in der deutschen Hochschullandschaft eher die Ausnahme. An nahezu jeder Hochschule gibt es zwar Stellen, die sich dem Schutz vor Diskriminierung widmen – das sind zum Beispiel Gleichstellungsbüros, Stabsstellen oder ein Rat. Doch diese Stellen sind selten direkt mit den obersten Hierarchieebenen verknüpft. Hinzu kommt: Rassismus ist dort zwar Thema, wird allerdings gebündelt mit anderen Formen von Diskriminierung abgehandelt, etwa gegen Frauen, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderung.

Gleichstellungsbüro mit langer Geschichte

So ist zum Beispiel an der Goethe-Universität Frankfurt für Diskriminierungsfragen jeglicher Art das Gleichstellungsbüro zuständig. Das Büro hat eine lange Geschichte: Es wurde im Jahr 1987 als Frauenbüro eingerichtet, im Mittelpunkt stand die Gleichberechtigung von Frauen und Männern an der Hochschule. Im Jahr 2007 wurde daraus dann das Gleichstellungsbüro, die Leitung übernahm Anja Wolde. Die studierte Sozialwissenschaftlerin ist auch heute noch Leiterin des Büros und gleichzeitig die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Frankfurt.

ANZEIGE

„Im Laufe der Jahre haben wir neue Arbeitsbereiche integriert und dafür neben Projekten auch nachhaltig Stellen besetzen können“, erzählt Wolde. Seit 2010 kümmert sich ihr Team auch um die Themen Antidiskriminierung und Diversity. Damals hat die Goethe-Universität sogenannte „Diversity Policies“ ins Leben gerufen. Deren Ziel: eine „diversitätsgerechte Organisationsstruktur und -kultur herzustellen, die allen Mitgliedern und Angehörigen der Universität unabhängig von ihrer Herkunft und Lebenssituation gleiche Chancen bietet und Diskriminierung entgegenwirkt“.

Wolde setzt bei ihrer Arbeit besonders auf den Kontakt mit den Lehrenden, also den Dozenten und Professoren. „Die Lehrenden müssen hinterfragen, ob ihre Inhalte diversitätssensibel sind – und wenn sie es nicht sind, müssen sie sie entsprechend verändern“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. „Wir arbeiten deshalb eng mit dem Zentrum für Hochschuldidaktik und den Fachbereichen zusammen.“ Grundsätzlich hat Wolde das Gefühl, dass die Lehrenden offen gegenüber Rassismuskritik sind. „Aber es ist auch unsere Aufgabe, diejenigen mitzunehmen, die noch nicht so sensibel für Rassismus und andere Diskriminierung sind“, sagt sie. „Manchmal muss man Überzeugungsarbeit leisten.“

„Wenn wir neue Mitarbeiter einstellen, suchen wir ganz explizit nach People of Color“

Diese Erfahrung hat auch Amirpur an der Universität in Köln gemacht. „Institutioneller Rassismus ist oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen“, sagt sie. „Er versteckt sich – zum Beispiel in der Sprache, der Auswahl von Dozierenden und im Umgang mit kolonial geprägten Lehrinhalten.“ Dass rassistische Denkmuster in allen Teilen der Gesellschaft tief verankert sind, sei noch nicht in allen Köpfen angekommen. Daher ist es ihr wichtig, dass es niederschwellige und achtsame Aufklärung gibt, die niemanden verteufelt – aber trotzdem problematische Strukturen angeht. „Ein schwieriger Balanceakt“, gibt sie zu.

Amirpur selbst hat noch bis vor Kurzem ein Seminar mit dem fragwürdigen Namen Orientalisches Seminar unterrichtet. „Dieses Seminar ist aus Bismarcks Wunsch entstanden, mehr Wissen über Kolonien zu sammeln“, sagt Amirpur. Bismarck spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung des deutschen Kolonialreiches und der Aufteilung Afrikas im ausgehenden 19. Jahrhundert. Für ein Institut sei das „eine hoch problematische Geschichte“, sagt sie. Deshalb heiße es nun auch anders: Institut für die Sprachen und Kulturen der islamisch geprägten Welt. „Der ehemalige Name unseres Instituts ist nur ein Beispiel dafür, wie Universitäten rassistisches Wissen und Sprache in die Gesellschaft tragen“, sagt sie. „Hochschulen müssen sich deshalb umfassend selbst reflektieren und die eigenen Strukturen angehen.“

Das tut man auch im Gleichstellungsbüro der Goethe-Uni in Frankfurt. Das gesamte Büro und damit auch der Bereich Antidiskriminierung und Diversity sind allerdings bislang überwiegend durch weiße Frauen besetzt. „Wenn wir neue Mitarbeiter einstellen, suchen wir ganz explizit nach People of Color“, sagt Wolde. Das Problem: Die meisten Stellen sind schon seit Jahren besetzt. Auch wenn das Büro also Selbstkritik übt und bemüht ist, sich diverser aufzustellen – die Mühlen an deutschen Hochschulen mahlen langsam.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Stellenmarkt
Jobs für Fach- und Führungskräfte finden
Zertifikate
Alle exklusiven Zertifikate im Überblick
Englischkurs
Lernen Sie Englisch
Limousine
Finden Sie hier Ihre Limousine
Notebooks
Convertible-Notebooks im Test
ANZEIGE