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Wie man sich auf das KI-Zeitalter vorbereiten kann

Von Stephan Finsterbusch
21.06.2021
, 15:51
Künstliche Intelligenz wird die Welt der Berufe auf den Kopf stellen. Tätigkeiten werden verschwinden und neue entstehen. Wie können wir uns vorbereiten?

Nicolas Hess will die Arbeit im Büro auf den Kopf stellen – mit neuen Programmen und Künstlicher Intelligenz (KI). Damit soll sie leichter, effizienter und auch produktiver werden. Dafür hat er mit Freunden, Partnern und Kollegen vor ziemlich genau fünf Jahren das Start-up Roboyo gegründet. Es setzt auf eine ganz besondere Technik: Software-Roboter, also kleine Computerprogramme, die sich Bots nennen, faktisch selbständig arbeiten und in einem Büro wie von Geisterhand alles automatisieren, was automatisierbar ist.

Das sei eine ganze Menge, erklärt Hess im Videogespräch. Sie können Termine planen, Anrufe annehmen, Chats beantworten und E-Mails weiterleiten; sie durchforsten und bewerten riesige Datensätze, schlagen Schneisen durch den Informationsdschungel, stellen Rechnungen aus und arbeiten Kreditanträge ab. Sie halten Einzug in der Buchhaltung und ins Controlling, ins Berichtswesen und selbst ins Qualitätsmanagement. In Fabriken werden Roboter seit fünfzig Jahren schon eingesetzt, in vielen Büros aber wird heute noch gearbeitet wie zur Jahrtausendwende. Das, sagt Hess, werde sich mit dem Ende der Corona-Krise nun ändern.

„Natürlich verändert KI die Welt der Arbeit“

Die Technik sei bereit, die Einstellungen vieler Beschäftiger zu ihr mittlerweile auch. „Im Office-Bereich hatte sich in den letzten zwanzig, ja sogar dreißig Jahren nur wenig bewegt.“ Ein paar neue Rechner, flachere Bildschirme, größere Drucker, schnellere Scanner. Doch die Art und Weise der Arbeit blieb mehr oder weniger gleich – genauso ermüdend wie eh und je. Aber: Je monotoner sie ist, desto leichter lasse sie sich durch Bots automatisieren.

Programme für Texte und Tabellen gebe es seit vierzig Jahren. Doch erst die Pandemie hat Tools und Techniken wie Videocalls und Chatrooms, vernetztes Arbeiten und geteilte Bildschirme populär gemacht. Viele dieser Programme und Plattformen werden mit KI aufgerüstet und zu selbstlernenden Systemen aufgebaut, im Büro, in der Industrie, in Hunderten Servicebranchen. Bei Microsoft sprechen sie von der „Symbiose zwischen Mensch und Maschine“. Google bietet KI-Do-it-yourself-Baukästen an. SAP und Oracle sind dabei, ihre gesamten Programmpaletten mit KI zu verstärken.

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Schon heute befiehlt oft nicht mehr der Mensch dem Computer, was er tun soll; vielmehr sagt der Rechner an, welcher Schritt als Nächstes am besten zu erledigen sei. Nehmen smarte Bots uns also bald die Arbeit weg? „Das kommt darauf an: Arbeit im Allgemeinen oder Arbeit im Speziellen“, sagt Hess. Für die nächsten 10 Jahre prognostizieren 1000 von der Uni Bamberg und dem Stellenportal Monster befragte Unternehmen, dass fast die Hälfte aller Jobprofile sich durch die Digitalisierung ändern wird. Darüber hinaus, so die Vorhersage, sollen im gleichen Zeitraum drei von zehn Jobprofilen neu geschaffen werden.

„Natürlich verändert KI die Welt der Arbeit“, sagt auch Stefan Sigg, Vorstand der Software AG. „Denn sie übernimmt mehr und mehr Tätigkeiten, die bislang von Menschen erledigt wurden.“ Das heiße aber nicht, dass den Menschen damit die Arbeit ausgehe. „Die Arbeit wird sich ändern, und zwar von Grund auf – und schneller, als man vielleicht denkt“, sagt Sigg. Und wie? „Sie wird sich mehr um Daten drehen. Denn Daten sind für die Wirtschaft heute das, was für sie früher das Öl war: der Treibstoff. Und auf diesen Wandel sollte man besser vorbereitet sein.“ Was also ist zu tun? „Sich auf keinen Fall vor der Technik verschließen.“ Das sei der größte Fehler, den man begehen könne. Vielmehr gelte es, fit für die Zukunft zu werden. Heißt zusammengefasst: Bildung, Bildung, Bildung.

Ein Arbeitstag im Quartal für die eigene Weiterbildung

Das sieht man auch in Berlin so. Die Bundesregierung hatte im November 2018 eine nationale KI-Strategie vorgestellt – samt alles in allem 5 Milliarden Euro, hundert neuen Professuren, Bildungs-, Qualifikations- und Weiterbildungsplänen. Ein Jahr später folgten den Plänen die ersten Taten. Universitäten und Hochschulen rollten Kurse in einem Fach aus, das vor zehn Jahren noch von vielen als Technik-Esoterik angesehen wurde.

Auf den globalen privaten Bildungsmärkten hat KI heute schon einen Wert von knapp 3 Milliarden Euro. Hier tummeln sich vor allem angelsächsische Anbieter. Für ihre Kurse rufen sie Preise in der Höhe eines Kleinwagens auf. Hierzulande wird über Unis und Hochschulen wie denen in München, Aachen oder Dresden KI als Studium oder Spezialkurs angeboten – für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis. „Wir leben im Digitalzeitalter“, sagt Florian Rampelt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Da werde KI alles durchdringen und jeden betreffen.

Auch Mohanna Azarmandi lehrt den Umgang mit KI. Sie ist Chief Learning Officer von Microsoft Deutschland. Mit ihrem Team arbeitet sie Strategien für die Weiterbildung aus. Nicht nur im eigenen Haus. „Wir haben intern so viel Know-how aufgebaut, dass wir unsere Erfahrungen teilen möchten – mit Partnern, Kunden, Studierenden und einfach allen, die lernen möchten“, sagt sie. „Es ist wichtig, das Lernen nicht zu verlernen oder es immer wieder neu zu lernen. Denn die Welt ändert sich, nicht zuletzt durch neue Technologien, in einem atemberaubenden Tempo.“

Microsoft ist einer der größten KI-Anbieter der Welt. Als CLO ist Azarmandi Teil eines fein geknüpften Netzwerks: Der Konzern hat ein Team von insgesamt dreihundert Mitarbeitern, die sich an allen Standorten auf der Welt um Weiterbildung und Qualifizierung kümmern. Dafür stehen jedem Beschäftigten sogenannte „Learning Days“ zu – spezielle Tage zum Lernen, Lesen und Studieren. Jeder könne einen Arbeitstag im Quartal für die eigene Weiterbildung nutzen – zu einem Thema seiner Wahl. Jeder entscheide selbst, wann, was und wie er lerne, sagt Azarmandi.

Riesige Datensätze analysieren und Prognosen erstellen

Dafür stehe gleich eine Reihe von online abrufbaren Kursen zur Verfügung. Die Themen reichen vom Cloudcomputing bis zur KI. Ein weites Feld. Microsoft hat daher seine eigene KI-Schule, die AI Business School. Hier dreht sich alles um KI. Es gibt Videovorträge und Tutorials, Podcasts, Q&A-Sessions und Lehrpläne für alles und jeden. Hier lernen Laien, wie man einen Bot baut; hier studieren Profis, wie man ihn verbessert und am besten arbeiten lässt; hier wird erklärt, was der Unterschied zwischen Machine Learning und Deep Learning ist, wie und wann man beides am besten verwendet.

Die Systeme der Künstlichen Intelligenz wurden in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten vor allem durch Start-ups geprägt. Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon kaufen sich das von jungen Firmen entwickelte Know-how über Unternehmenskäufe oder Beteiligungen oft einfach zu. „Es ist nicht so wichtig, wie groß eine Firma ist“, sagt Alan Jacobson, der Chief Data & Analytic Officer des kalifornischen Datenspezialisten Alteryx. Aber es sei wichtig, wie „smart“, also wie klug, ihre Mitarbeiter und Produkte seien.

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Die Produkte und Strukturen von Alteryx gelten nicht nur als „smart“, sie sind auch einfach bedienbar und werden für Kunden wie Interessierte in mittlerweile auch frei verfügbaren Onlinekursen erklärt. So lassen sich riesige Datensätze analysieren und Prognosen erstellen. Die Tools und Programme finden nicht nur die Nadel im digitalen Heuhaufen, sie können auch allerhand mit ihren Fundstücken anstellen. „Dafür haben wir ein User-Interface aufgebaut, mit dem selbst ein Kind zurechtkommt“, sagt Jacobson. Dabei steckt hinter der Benutzeroberfläche komplizierte Technik.

„Doch keine Angst: Man muss nicht Python oder R können, um das zu bedienen. Man muss gar keine Computersprache können, man muss nur das Programm auf dem Rechner haben.“ Jacobson hat eine Promo-Demo. Er wirft den Computer an und fährt mit dem Pfeil seiner Maus über den Bildschirm. Er öffnet die Datei einer Tabelle, dann noch eine und noch eine. Er verbindet diese Dateien miteinander indem er sie durch den Cursor anklickt und mit gedrückter Maustaste virtuelle Linien zwischen ihnen zieht. Das ganze Gebilde sieht aus wie das Netz einer Spinne.

„KI wird im Büro schon bald so wichtig werden wie der Computer“

„Einerseits habe ich die Crew- und Passagierliste der Titanic“, erklärt er. Angaben zu Namen, Alter, Geschlecht, Anstellung und Kabine auf dem 1912 gesunkenen Schiff. „Auf der anderen Seite habe ich die Liste der Überlebenden.“ 1502 der 2224 Menschen an Bord ertranken, 722 wurden gerettet. Und aus beiden Listen kann man viel herauslesen. Jede Rettung hat zwar auch mit Glück zu tun, doch das Programm erkennt in den Daten ein Muster. Ältere reiche Frauen hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, gerettet zu werden, als arme Kinder.

Aus diesem Ergebnis baut Jacobson ein Vorhersage-Modell. Damit kann heute jeder ermitteln, wie hoch seine Chancen für eine Rettung gewesen wären. Eine Spielerei? „Ja“, sagt Jacobson. Doch eine mit Hintersinn. Denn mit dieser Technik lassen sich auch Daten aus allen Wissenschaften modellieren. Daten aus der Klimaforschung, der Biologie, der BWL und VWL oder der Pandemieforschung. „Man muss nur damit umgehen können; man muss die Spielerei für sich nutzbar machen.“ Daher bietet seine Firma registrierten Interessenten kostenlose Onlinekurse an. Eine Viertelmillion Hobbyanalysten und Profis nutzen sie schon.

Eine Anwendergemeinschaft dieser Größe hat auch Florian Rampelt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im Sinn. Mit dem digitalen KI-Campus, einer Lernplattform für alle Interessierten, gehe es nicht darum, Geld zu verdienen oder Werbung für bestimmte Produkte oder Dienste zu machen. Es gehe um die Popularisierung einer Zukunfts- und Schlüsseltechnologie. „Wir wollen das Thema so breit, wie es nur irgendwie geht, in die Gesellschaft tragen“, sagt er. KI für alle. Durch Videos und Online-Lectures, akademische Lehrpläne und Schnupperkurse für Laien, mit Podcasts und dem ganzen Instrumentarium der heutigen Bildungswelt.

„KI wird im Büro schon bald so wichtig werden wie der Computer“

Hintergrund sei die 2018 verkündete KI-Strategie der Regierung. Das Bildungs- und Forschungsministerium war gefordert, nicht nur der Technik Vorschub zu leisten, sondern auch der Bildung. Eine Lernplattform für jedermann musste her. Das Ministerium spannte das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ein und sprach den Stifterverband für die Wissenschaft an. Der nahm sich des Themas an, suchte weitere Partner, fand sie, baute eine Plattform auf und rollte mitten in der Corona-Krise eine Testversion aus.

„Die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, sagt Rampelt. Corona ließ die Menschen zwar auf Abstand gehen, doch die Technik brachte sie virtuell wieder zusammen. „Plötzlich war fast jedem klar, wie wichtig die Digitalisierung ist“, sagt er. Der KI-Campus war im Spiel. Er sei faktisch ein „in Watte gebettetes Start-up“.

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Der Bund gab die Anschubfinanzierung, das DFKI das Fachwissen, ein Partner wie das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam ihre schon millionenfach bewährte Lernplattform. Auf einen Schlag waren Tausende Interessenten da. Rampelt nennt es einen „guten Anfang“. Ein Ende ist nicht abzusehen. Als Ziel gibt er an, dass „Hunderttausende auf dem KI-Campus lernen“ sollen. „Wir machen nicht nur Youtube-Videos, sondern auch strukturierende Studienangebote.“ Er spricht von KI für die Medizin, die Industrie und die Banken, von kostenlosen Kursen, Bezahlschranken für Zertifikate, von studien- und arbeitsbegleitenden Fort- und Weiterbildungen für alle.

„KI wird im Büro schon bald so wichtig werden wie der Computer“, ist sich auch Nicolas Hess vom Start-up Roboyo sicher. „Besser, man fängt heute als morgen an, sich mit dieser Technik zu beschäftigen.“ Denn wenn die Software-Roboter in all den Textverarbeitungs-, Tabellen- und Kalkulationsprogrammen erst einmal am Werk seien und diese Bots dann das machen, was derzeit noch viele Angestellte machen, stehen solche Tätigkeiten auf der Kippe. Besser, man ist dann fit für die neuen KI-Tätigkeiten von morgen.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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