Doku über Brennpunktschule

Das ist ja wie bei „Fack Ju Göhte“

Von Philipp Frohn
20.07.2018
, 07:58
Das ZDF zeigt eine Dokumentation über die Kepler-Schule in Berlin-Neukölln. Wir haben eine Lehrerin aus Duisburg-Marxloh gefragt: Ist die Situation in schwierigen Stadtteilen wirklich so aussichtslos?

Sie möchten anonym bleiben, unterrichten an einem Gymnasium in einem Stadtteil, der als „No-Go-Area“ gebrandmarkt ist. Wie hat die ZDF-Dokumentation „Rechnen, Rappen, Ramadan - Schule im Brennpunkt“ auf Sie gewirkt?

Auf mich wirkte die Dokumentation im ersten Moment wie „Fack Ju Göhte“: die Schüler bleiben trotz Unterrichtsbeginn um 8:30 Uhr fern, sie schaffen ihren Hauptschulabschluss nicht. Das, was man dort sieht, ist natürlich ziemlich hart. Auch wenn ich in einem sogenannten „Problemstadtteil“ unterrichte, finde ich das, was ich dort täglich erlebe, im Vergleich doch sehr harmlos. Durch so eine Dokumentation könnte die Debatte noch schlimmer werden, weil Außenstehende die Situation dort auf alle anderen Schulen in ähnlichen Stadtteilen übertragen könnten.

Beide Schulen – Ihre in Duisburg-Marxloh und die Kepler-Schule in Berlin Neukölln – gelten als Brennpunktschulen. An beiden gibt es Probleme mit Werten wie Pünktlichkeit und Schulabsentismus. Aber insgesamt haben sich die Zustände wohl viele Zuschauer noch weit schlimmer vorgestellt.

Das Problem von Brennpunktschulen ist dieser Stempel, den sie aufgedrückt bekommen. Allein der Begriff ist schon hoch problematisch, weil die Schüler dadurch ebenfalls abgestempelt werden. Viele denken, dass aus den Schülern sowieso nichts wird, sie keinen Abschluss machen und ohnehin in die Arbeitslosigkeit rutschen. Meiner Meinung nach klärt diese Dokumentation nicht darüber auf, dass solche Schulen kein Hort von Kleinkriminellen sind, sondern klammert sich an bestimmten Problemen fest. Die Doku zeigt fokussiert, dass die Schüler kein Interesse am Unterricht haben und die Perspektiven für einen Großteil der Schüler in der Arbeitslosigkeit bestehen. Da muss man sich mal fragen, warum das so ist statt mit ihnen, wie in der Dokumentation, einen Rap-Song aufzunehmen, der meiner Meinung nach das Ghetto-Image des Stadtteils verstärkt.

Solche Klischees scheinen aber weit verbreitet zu sein. Wie nahm Ihr soziales Umfeld es auf, dass Sie Lehrerin werden wollen?

Als ich entschied, Lehrerin zu werden, war die Reaktion bei den meisten: „Oh Gott! Das willst du dir antun? Die Schüler werden doch immer schlimmer – und dann noch in Marxloh?“ Ich musste mich tatsächlich viel rechtfertigen.

Es hat sicher viel mit Vorurteilen zu tun.

Eigentlich nur.

Bestimmt auch bei den Schülern.

Ja, dieser Stempel „Marxloh“ hat die Schüler schon beeinträchtigt. Als ich sie mal darauf ansprach, sagten sie mir, dass sie sich für ihren Stadtteil rechtfertigen müssen. Zum Teil wird ihnen auch die Wertigkeit ihres Abiturs abgesprochen. Ignoriert wird leider stets, was Schule und Schüler tatsächlich jeden Tag leisten.

An der Kepler-Schule in Neukölln kommt es, wie der Film zeigt, vor, dass zwei Drittel der Schüler nicht anwesend sind. Schwänzen bei Ihnen nicht so viele Schüler den Unterricht?

Nein.

Anders als in der Dokumentation stehen Sie also nicht vor fast leeren Sitzreihen?

Auf gar keinen Fall. Es gibt selbstverständlich Schüler, die mal verschlafen. Das Gefühl seitens der Schüler, ihre Schule repräsentieren zu wollen, ist aber ziemlich stark ausgeprägt. Sie wollen lernen, haben Interesse an Bildung generell und auch daran, etwas erreichen zu wollen. Sie gehen gerne zur Schule.

Die Dokumentation nimmt für Verfehlungen vor allem die Elternhäuser in die Verantwortung. Teilen Sie diese Auffassung?

Grundsätzlich hatte ich mit sehr engagierten Eltern zu tun, die bei Problemen ansprechbar sind. Nur selten gibt es Eltern, bei denen man auf Granit stößt. Es ist aber auch immer einfach, sämtliche Probleme aufs Elternhaus zu schieben. Lehrer sollten weder Schüler noch Eltern für ihre mangelnden pädagogischen Kompetenzen verantwortlich machen. Das Lehramt bedeutet mehr als sechs Wochen Sommerferien und eine gute Besoldung. Ich als Lehrerin habe neben dem Unterrichten auch das Erziehen als Hauptaufgabe. Ich muss für die Schüler da sein. Ich muss sie so gut es geht in meinen Unterricht einbeziehen, catchen, ihnen Inhalte vermitteln – und dabei darf das Zwischenmenschliche nicht auf der Strecke bleiben.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Bildung und Erziehung? Nimmt die erzieherische Facette tatsächlich mehr Zeit in Anspruch?

Ich handhabe das so, dass die Vermittlung des Stoffs – anders als bei den Kollegen in der Dokumentation – an erster Stelle steht. Die Schüler nervt es auch, wenn man sie andauernd kontrolliert. Das bringt überhaupt nichts, weil sie sich dann verschließen. Man muss sie laufen lassen und dann werden sie vielleicht auch mal gegen eine Wand prallen. Als ich mal in einer Klasse unterrichtete, die als problematisch bezeichnet wurde, merkte ich, dass die Klasse eine eingeschworene Einheit war – eine Lehrerin passte nicht da rein. Ich überlegte, wie dort eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen sei. Schließlich haben wir es geschafft, weil ich mich auf die Schüler eingelassen habe. Dann haben wir halt mal eine Stunde über zum Teil persönliche Probleme gesprochen statt Unterricht zu machen. Die Schüler haben gemerkt, dass ihnen zugehört wird und sind anschließend gerne in meinen Unterricht gekommen.

Begegnung auf Augenhöhe also.

Genau, ich habe es sehr demokratisch gehandhabt. Ich mochte es zu Schulzeiten auch nicht, wenn sich der Lehrer vor die Klasse gestellt und den Boss markiert hat. Wenn man die Schüler sich öffnen lässt und ein wenig Unterrichtszeit opfert, ist der Ertrag größer als durch ständige Standpauken. Ich bin dann gestresst, die Schüler genervt – und niemand hat was davon.

Religion hat für viele Schüler einen hohen Stellenwert. Eine ICCS-Studie hat herausgefunden, dass Jugendlichen Glauben insgesamt wichtiger ist als Politik. Sind auch an Ihrer Schule stark religiöse Einflüsse bemerkbar?

An meiner Schule ist der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund bei schätzungsweise 85 Prozent sehr hoch, ein Großteil von ihnen ist muslimischen Glaubens. Auch sie haben teilweise am Ramadan teilgenommen und, ja, es war gerade in den ersten Unterrichtsstunden schwierig, weil sie sich nicht konzentrieren konnten. Aber wir haben die Fastenzeit in den Unterricht einbezogen und auch aus biologischer Perspektive beleuchtet. Und das hatte Wirkung, denn dann haben einige von ihnen zum Beispiel auf Ausflügen etwas getrunken. Ich finde es auch in Ordnung, wenn die Schüler als gläubige Muslime an dem Fastenmonat teilnehmen. Wen sowas stört, der sollte halt nicht in Duisburg-Marxloh unterrichten.

Genau wie Berlin-Neukölln ist Duisburg-Marxloh ein sehr multikultureller Stadtteil, nicht wenige leben erst seit kurzer Zeit in Deutschland. Gibt es im Unterricht Sprachprobleme?

Ja, Sprachprobleme treten in allen Klassenstufen auf. Aber ich entdecke Sprachprobleme auch bei Schülern, die keinen Migrationshintergrund haben. Die schreiben teilweise nicht besser als Heranwachsende, die vielleicht erst seit drei Jahren in Deutschland sind. Ein Schüler aus Syrien zum Beispiel schreibt Texte, die man – trotz manchem Rechtschreibfehler – deutlich besser versteht als die seiner Mitschüler, die hier geboren wurden.

Die Grundannahme, dass Schüler mit Migrationshintergrund eher Probleme mit der Sprache haben, ist also auch auf Vorurteilen begründet.

Ja, aber leider gehen viele mit genau diesem Blick heran. Es ist ein allgemeines Problem – vor allem, weil viele Schüler nicht lesen. Wichtig ist, dass Lehrer aller Fächer auf die Rechtschreibung achten.

In der Dokumentation haben beide Lehrkräfte einen Migrationshintergrund. Kommt das auch an Ihrer Schule häufig vor? Inwiefern kann das für Schüler mit Migrationshintergrund hilfreich sein?

An meiner Schule gibt es auch einige Lehrer mit Migrationshintergrund, die sich sehr für Interkulturalität engagieren. Sicherlich können sie auch mehr über persönliche Ausgrenzungserfahrungen berichten. Aber ob sie die Schüler unbedingt besser erreichen als Lehrer ohne Migrationshintergrund, würde ich nicht unbedingt sagen. Das Rezept ist allgemein Offenheit gegenüber den Schülern.

Marxloh wird öffentlich als No-Go-Area bezeichnet und auch Neukölln hat mit einschlägigen Urteilen zu kämpfen. Das hat sicherlich auch Auswirkungen auf die Schulen in den Stadtteilen. Wo müsste die Politik ansetzen?

Das Etikett wird sogar noch größer, wenn zum Beispiel die Bundeskanzlerin Marxloh besucht. Natürlich gibt es dort Probleme, vor allem was Sauberkeit angeht. Man sollte solche Stadtteile vielleicht in ein anderes Licht rücken, indem Vorschläge von Schülern und Lehrern in den Fokus gestellt werden.

Also sollte ein runder Tisch zusammenkommen.

Genau, denn dann wird man auch feststellen, dass es viele positive Facetten gibt und es wahnsinnig schön ist, im Duisburger Norden zu arbeiten. Das Zwischenmenschliche – sowohl bei den Schülern als auch im Kollegium – erscheint mir hier besonders ausgeprägt. Das habe ich an anderen Schulen zum Beispiel im Innenstadtbereich so nicht erlebt.

Die Fragen stellte Philipp Frohn

Quelle: FAZ.NET
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