Kettenverträge an den Unis

Reform ohne Fluchtweg

Von Thomas Thiel
12.08.2022
, 09:12
Unmut der Befristeten: Protestaktion vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einer Vertragskette.
Die Novelle des Zeitvertragsgesetzes soll die Kettenverträge im akademischen Mittelbau beenden. Das gelingt aber nur, wenn sich die Politik bei den Drittmitteln selbst Zügel anlegt.
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Es ist Sommerpause an den Universitäten, doch auf der größten Reformbaustelle ist Hochbetrieb. Gerade finden die Stakeholder-Gespräche zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes statt. Die Evaluation des Gesetzes, das die Kettenverträge im Mittelbau abschaffen sollte, war enttäuschend. Die Reform vor vier Jahren hat kaum etwas gebracht. Manche wollen das Gesetz deshalb abschaffen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will bis Ende des Jahres, vielleicht auch etwas früher, einen neuen Reformentwurf vorlegen. Spätestens seit dem Empörungshashtag „Ich bin Hanna“ kann die Politik das Problem nicht mehr vor sich herschieben. Sie hat an der Reform aber auch ein eigenes Interesse. Ein System, das nachrückenden Wissenschaftlern die Lebensplanung unmöglich macht, darf sich nicht wundern, wenn es seine besten Kräfte an die Wirtschaft verliert.

Die Forderungen der maßgeblichen Akteure liegen auf dem Tisch. In der Diagnose ist man sich einig. Es ist kein ruhmreiches Alleinstellungsmerkmal, dass Deutschland ein weltweit einzigartiges Heer von rund 200 000 überwiegend befristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeitern unterhält, von denen nur die wenigsten die erlösende Professur erreichen und die anderen Mitte vierzig vor dem akademischen Nichts stehen. Auch in der Politik hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass von Wissenschaftlern, die in dauernder Abhängigkeit und Unsicherheit leben, keine originellen Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Politik steht vor dem Dilemma, dass sie den Bedarf an flexiblen Wanderarbeitern durch den Ausbau der Drittmittelforschung selbst geschaffen hat, der den Befristungsdruck erzeugt.

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Ein neues Gesetz entfaltet also nur dann Wirkung, wenn dafür gesorgt wird, dass vertragliche Standards für Haushaltsstellen nicht durch Drittmittelstellen unterlaufen werden können, wie es bisher oft der Fall ist, und wenn parallel die Nachfrage nach befristeten Projektmitarbeitern gedrosselt wird. An dieser Stelle beginnt meistens das große Schulterzucken, und man reicht die Schuld an die Landesfinanzminister weiter, die nun einmal nicht bereit seien, die Grundfinanzierung der Hochschulen aufzustocken. Als größter Drittmittelgeber hat das Bundesministerium aber selbst einige Trümpfe in der Hand, es muss sie nur ausspielen. Nun sind Drittmittel ein Machthebel gegenüber der Wissenschaft, den die Politik nicht gern aus der Hand gibt. Sich von dieser Macht zu trennen könnte dem Ministerium aber umso leichter fallen, als inzwischen selbst die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der zweitgrößte Drittmittelgeber, die Überhitzung des Systems beklagt hat. Es herrscht also Handlungsnot.

Wie lang dauert die Qualifizierungsphase?

Einig sind sich alle Akteure auch darin, dass das neue Gesetz nur den Exzess begrenzen kann, etwa Kettenverträge mit Laufzeiten von weniger als einem Jahr, aber die Reform der Personalstruktur an den Hochschulen nicht ersetzt. Man solle sich von der Novelle nicht zu viel versprechen, heißt es immer wieder. Es wäre jedoch ein Fehler, auf die klare Festlegung von Mindeststandards bei den Vertragslaufzeiten zu verzichten, schließlich gingen davon auch Impulse für die Personalreform aus. Die letzte Gesetzesnovelle hat diese Chance verpasst. Ihre Formulierungen sind so vage, dass sie von den Hochschulen beliebig interpretiert werden können.

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Den elaboriertesten Reformvorschlag hat die Junge Akademie vorgelegt. Sie teilt die wissenschaftliche Laufbahn in vier Phasen ein. Die Qualifikationsphase endet mit dem Abschluss der Promotion. Punkt. Wenn Fußballer mit Erreichen des zwanzigsten Lebensjahres nicht mehr als Nachwuchs bezeichnet werden, dann gibt es auch keinen Grund, das bei Wissenschaftlern Mitte vierzig zu tun. Das ist mehr als ein Streit um Worte. Denn die Sonderbefristungen in der Wissenschaft sind überhaupt nur möglich, wenn sie sich auf ein Qualifikationsziel beziehen. Fällt das Qualifikationsargument weg, darf nicht mehr befristet werden.

Eine Befristung soll es in der frühen Postdoktorandenphase aber auch nach den Vorstellungen der Jungen Akademie noch geben dürfen. Die Vertragslaufzeit muss dann aber mindestens 24 Monate betragen, und dieser Vertrag darf nur einmal am selben Ort verlängert werden. Damit soll der Abstand zur nächsten Karrierephase verkürzt werden, die durch verantwortliche Positionen wie Forschungsgruppenleiter gekennzeichnet ist. Die Junge Akademie fordert mit guten Gründen, dass Wissenschaftlern dann ein Vertrag mit Dauerperspektive, sei es ein Tenure-Verfahren oder eine Dauerstelle neben der Professur, angeboten werden muss. Alles andere würde ihre Autorität gegenüber Mitarbeitern schwächen und kurzatmige Projektemacherei fördern. Eine grundsätzliches Limit für die Postdoc-Phase will die Junge Akademie aber nicht.

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Fachlich angepasste Promotionsverträge

Mit dem vierstufigen Karrieremodell kann sich auch die Hochschulrektorenkonferenz anfreunden. Sie drängt jedoch auf eine Begrenzung der Postdoktorandenzeit auf vier Jahre, um einen früheren Selektionsdruck zu schaffen. Nach dieser ersten Postdoc-Etappe müsse eine Dauerperspektive vorliegen, etwa in Form einer Tenure-Track-Professur. Ob das ein fairer Vorschlag ist, hängt davon ab, wie viele solcher Stellen in den nächsten Jahren geschaffen werden. Werden die Hochschulen hier nicht aktiv, dann werden Wissenschaftler nur noch früher als zuvor aus einem System gedrängt werden, für das sie sich lange aufgeopfert haben. Die Reform wird nur ein Erfolg, wenn man zusätzliches Geld dafür ausgibt.

In beiden Vorschlägen ist nicht die Promotion, wie so oft gefordert, der entscheidende frühere Selektionsschritt. Mit Blick auf den tatsächlichen Verlauf wissenschaftlicher Karrieren wirkt das vernünftig. Die wenigsten sind nach der Promotion schon eindeutig festgelegt. Einig scheinen sich die beiden Parteien darin, dass es in der frühen Postdoc-Phase vertragliche Mindestlaufzeiten geben muss. Diese müssten aber sowohl für Haushalts- wie für Drittmittelstellen gelten, wenn die Reform effektiv sein soll. Betreffs der Promotionsphase herrscht Konsens darüber, dass Verträge eine Mindestdauer haben müssen, die dem Qualifikationsziel angemessen ist. Die Junge Akademie fordert eine variable Lösung, die der durchschnittlichen Promotionsdauer im jeweiligen Fach angepasst ist. Die entsprechenden Daten müssten die Hochschulen erst erheben, was einigen bürokratischen Aufwand bedeutete. Es wäre aber die Voraussetzung für eine klare gesetzliche Regelung, auf die sich die Wissenschaftler vor Gericht berufen könnten. Die Hochschulrektorenkonferenz fordert Mindestlaufzeiten von drei bis vier Jahren, auch sie legt darauf Wert, dass sie den Fachkulturen angemessen sind. Klar ist für beide Parteien, dass die bisherige Formulierung, die Vertragsdauer müsse dem Qualifikationsziel angemessen sein, zu weich ist. Mehrere Gerichtsurteile haben bestätigt, dass der Passus von Hochschulverwaltungen beliebig zuungunsten des Wissenschaftlers interpretiert werden kann.

Breiter Konsens besteht darüber, dass die Mittelbau-Reform nur gelingen kann, wenn im selben Zug neue Personalkategorien vor und neben der Professur geschaffen werden. Das können Assistenzprofessoren oder Lecturer sein. Eine attraktive Alternative ist das von der Jungen Akademie vorgeschlagene Department-Modell, das Wissenschaftlern viel früher als bisher Selbständigkeit und Schutz vor Ausbeutung und akademischer Leibeigenschaft garantiert. Dass es auf manche Fachkulturen besser als auf andere passt, ist kein Grund, es pauschal in Zweifel zu ziehen.

Am schwierigsten wird es, die Politik davon zu überzeugen, die Drittmittelvergabe zu bremsen, und die Länder dazu zu bringen, die Grundfinanzierung der Hochschulen zu erhöhen. Auch Letzteres muss kein frommer Wunsch sein. Der ehemalige Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb hat ein Modell vorgelegt, das Zuwendungen des Bundes von der Bereitschaft der Länder zur Bildungsfinanzierung abhängig macht. Je mehr ein Land in Bildung investiert, desto mehr bekommt es vom Bund. Das einzige Problem an diesem Modell ist, dass ihm der politische Konsens fehlt. Die Notwendigkeit, die Fluchtwege zu schließen – was konkret heißt: die Drittmittelklausel aus dem Gesetz zu streichen –, hat die Bundesforschungsministerin selbst hervorgehoben. Das Pro­blembewusstsein ist vorhanden, es braucht nur die nötige Konsequenz und seitens der Politik die Bereitschaft zum Kontrollverzicht. Nach den bisherigen Gesprächen zeichnet sich ein dreistufiges Verfahren ab mit einer großzügigeren und zeitlich klarer definierten Regelung für die Promotionsphase und einer zweigeteilten Postdoktorandenphase, deren erste Hälfte der Orientierung dient, während die zweite schon eine Dauerperspektive bieten soll. Wenn dies in belastbare Formulierungen gegossen wird und der Fluchtweg über die Drittmittel geschlossen wird, kann das neue Gesetz zu einer Etappe auf dem Weg in ein gerechteres und leistungsfähigeres Wissenschaftssystem werden.

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Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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