Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Lehre aus Corona-Semestern

Digitale Wende statt Digitalisierung

Von Malte Kleinwort
17.04.2021
, 16:39
Was verbessert die Lehre nachhaltig? Die Pandemie hat neue Methoden ins Spiel gebracht Bild: dpa
Corona wirkt an den Hochschulen wie ein Brennglas. Es kommen die Schwächen von analoger wie digitaler Lehre zum Vorschein. Welche Schlüsse gilt es nach zwei Pandemie-Semestern zu ziehen? Ein Gastbeitrag.
Anzeige

Es verdeutlicht den Stand der öffentlichen Debatte über universitäre Lehre, dass zuletzt immer häufiger eine Frage gestellt wurde, auf die eine einfache Antwort schwerfällt: Was ist eigentlich „digitale Lehre“? In der jüngsten Resolution des Deutschen Hochschulverbandes vom 26. März („Digitale Lehre aufwerten“) wird trocken festgestellt, dass in keiner Lehrverpflichtungsverordnung eines Bundeslandes eine begriffliche Klärung zu finden ist. Definitionsversuche fallen nicht zuletzt deshalb schwer, weil für die Universität gilt, was Armin Nassehi und viele andere für die Gesellschaft insgesamt diagnostiziert haben: Das Digitale hat Anteil an der Funktionslogik der modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft, bevor Digitalisierung als Gebot der Stunde ausgerufen worden ist.

Eng ist die geläufige und traditionelle Präsenzlehre mit digitalen Anteilen und Elementen verbunden. Das gilt für das Bereitstellen, die Lektüre und Bearbeitung von Texten ebenso wie für die Literaturrecherche, Textproduktion und Kommunikation. Selbst eingefleischte Konservative unter den Lehrenden nutzen gerne digitale Datenbanken als Alternative zu Zettelkästen, Plattformen zum Hochladen von Dateien als Alternative zum Seminarordner und E-Mail-Kommunikation als Alternative zum Briefwechsel mit Studierenden. Lehre ist ohne elektronische Medien nicht mehr denkbar, und schon seit vielen Jahren (auch) nicht mehr ohne digitalisierte Formate. Insofern mangelt es den Definitionsversuchen, welche die digitale Lehre als Sonderfall der traditionellen Lehre zu bestimmen bemüht sind, an Überzeugungskraft und definitorischer Schärfe.

Anzeige

Die entscheidende Frage, die sich für die Zukunft stellt, ist nicht, ob digital gelehrt werden soll, sondern mit welchen digitalen Tools, auf welche Weise und von welchen Stellen das wie unterstützt wird.

Die jüngsten Definitionsbemühungen erklären sich nicht zuletzt dadurch, dass in einigen Länderverordnungen zur Lehrverpflichtung eine aus der Zeit gefallene Formulierung zu finden ist, derzufolge (nicht weiter definierte) multimediale, digitale oder virtuelle Lehrangebote nur auf einen Teil der Lehrverpflichtung angerechnet werden können. Der Deutsche Hochschulverband wendet sich gegen solche Festschreibungen und fordert, dass digitale Lehrformate stets in Abhängigkeit von dem damit verbundenen Lehraufwand angerechnet werden sollten. So schwierig sich konkrete Definitionsversuche gestalten, so förderlich für die universitäre Debatte ist der Austausch über Lehrformate, den damit verbundenen Aufwand und angemessene Formen der Anrechnung und Würdigung.

Anzeige

Um besser nachvollziehen zu können, wie es zu diesem Stand der Debatte gekommen ist, lohnt ein Blick zurück.

Anzeige

Die ersten beiden Corona-Semester im Rückblick

Zu Beginn der Pandemie wurde die Frage, was digitale Lehre überhaupt ist, kaum gestellt. Vielmehr schien allen klar zu sein, dass damit ein von vielen gemiedenes Schattenreich der Präsenzlehre gemeint sein musste. Mehr wurde auch nicht benötigt, um die häufig ideologisch geführten Debatten über eine vermeintlich drohende Abschaffung der Präsenzlehre zu führen. Mit der Zeit wurden aber neue Begriffe und Differenzierungen nötig, um besser erklären zu können, was Präsenzlehre ausmacht und welche Formen digitaler Lehre in welcher Hinsicht problematisch sein könnten. Es etablierte sich die Unterscheidung von synchronen und asynchronen Lernphasen: Synchron lernen Studierende gleichzeitig und gemeinsam mit der Lehrperson beispielsweise in einer Präsenzsitzung, aber auch im Rahmen einer Webkonferenz. Asynchron sind Lehren und Lernen zeitlich und räumlich entkoppelt, beispielsweise durch Schreibaufträge, die bis zu einem bestimmten Termin erledigt werden müssen. „Blended Learning“ als Mischung aus synchronen und asynchronen Lernphasen etablierte sich in der Debatte – auch in dezidierter Absetzung von rein asynchronen Lehrkonzepten – als Gütesiegel für ein Lehrformat, das Vermittlung und individuelle Betreuung eng mit Interaktion und direktem Austausch von Studierenden und Lehrenden verbindet. Am Ende des ersten Corona-Semesters im Sommer 2020 waren viele Lehrende und Studierende trotz aller Belastungen überrascht darüber, dass die Lehre besser funktionierte als befürchtet.

Im zweiten Corona-Semester über den Jahreswechsel wurde die Theorie gewissermaßen vom Alltag und der individuellen Umsetzung eingeholt. Studierende und Lehrende machten die Erfahrung, dass vielversprechende Konzepte bereits durch kleine Fehler oder Probleme bei der Umsetzung scheitern können. Interaktion ist beispielsweise nicht per se bereichernd, sondern kann auch eine Belastung darstellen, wenn sie nicht mit Lernerfolgserfahrungen oder anderen motivierenden Elementen verbunden wird. Nachdem sich im ersten Corona-Semester viele Studierende über einen zu hohen Workload beklagt hatten, scheiterte im zweiten der gute Wille, Abhilfe zu schaffen, häufig an Defiziten bei der Kommunikation über den Workload, dessen Berechnung und an der Organisation von Arbeitsaufträgen.

Derartige Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Es bewahrheitete sich, was einige bereits im ersten Semester festgestellt hatten: Corona wirkt an den Hochschulen wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen als Brennglas, in dem schon vor Corona bestehende Problemlagen deutlicher zum Vorschein kommen. Die Chancen digital unterstützter Lehre offenbarten sich ebenso wie die Herausforderungen und der Aufwand bei der Erstellung guter neuer Lehrkonzepte. Die enge Verknüpfung von Chancen und Aufwand führte schließlich zu den bereits diskutieren grundsätzlichen Fragen, was „digitale Lehre“ ist und auf welche Weise der Mehraufwand angerechnet werden kann.

Die Studierenden im Fokus

Bei einer Befragung von mehr als 400 Studierenden und Lehrenden, die Anfang Februar an der Fakultät für Philologie der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt worden ist, beklagen 80 Prozent der Studierenden die psychische Belastung durch fehlende Kontakte in Präsenz und weisen konkret auf Motivationsprobleme und Konzentrationsschwächen hin, die ihnen das Studieren erschwerten. Damit wird eine Diagnose aus der Sondererhebung des „Deutschland-Barometers Depression“, für das Mitte bis Ende Februar rund 5100 Menschen repräsentativ online befragt wurden, bestätigt: Der zweite Lockdown belastet die Psyche stärker als der erste.

Anzeige

Vollständigen Inhalt im Originalbeitrag darstellen

    Öffnen

Kurzfristig sind die Universitäten sicher angehalten, mit entsprechenden Maßnahmen wie zusätzlichen Betreuungs- und Beratungsangeboten sowie geeigneten interaktiven und die Motivation steigernden Lehrformen dafür zu sorgen, dass die psychischen Belastungen so gering wie möglich gehalten werden. Langfristig sind die Folgen noch nicht absehbar. Es ist zu befürchten, dass viele Studierende, die in Folge der Pandemie die Motivation zum Studieren verloren haben, sie auch in Präsenz nicht so einfach wiederfinden werden.

Diese Problemlage unterstreicht, wie wichtig es ist, dass die positiven Erfahrungen mit alternativen Lehrkonzepten in den Corona-Semestern zur Verbesserung der Lehrsituation in der Post-Pandemie-Zeit genutzt werden. Mit Blick auf die Antworten, auf die in den Bochumer Umfragen variierte Frage, wie Lehre nach Corona aussehen sollte, wird klar: Lehrende und Studierende ahnen zwar bereits, was verbessert werden könnte, es fehlen aber noch konkrete, präzise formulierte Konzepte, Vorstellungen oder Wünsche.

Was verbessert die Lehre nachhaltig? Eine Vorlesung mit interaktiven Umfrage-Elementen per Audience Response System, mit kleinen das Semester begleitenden Übungen statt Abschlussklausuren oder als Video-Podcast im Vorfeld hochgeladen, um im Flipped Classroom intensiven Austausch über die Vorlesungsinhalte in Präsenz zu ermöglichen? Ein Seminar mit Wikis statt Referaten oder Schreibübungen, die es einer größeren Zahl von Studierenden ermöglicht, mit Spaß ihr Schreiben zu verbessern, oder ein Seminar, in dem Studierende durch kleine Aufgaben auf Lernplattformen für den Austausch in Präsenz vorbereitet und motiviert werden?

Damit sich die Lehrsituation tatsächlich nachhaltig verbessern kann, sind kluge Förderkonzepte nötig, die den Lehrenden Zeit für die Entwicklung und Durchführung von alternativen Lehrkonzepten und für die notwendige didaktische Fortbildung schenken. Nötig sind auch Räume des Austauschs für Lehrende und Studierende über die Chancen und Risiken digital unterstützter Lehre, in denen aus trockenen Evaluationen und umfangreichen Befragungen durch Diskussionen über Statusgrenzen hinweg angemessene Maßnahmen abgeleitet werden können.

Anzeige

In mancher Hinsicht sind die Lehrerfahrungen der letzten beiden Semester wie der Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis aus der Sündenfall-Geschichte. Der einfache Weg zurück zu paradiesisch anmutenden Lehr-Routinen vor Corona scheint nicht möglich. Mit Blick auf Heinrich von Kleists Überlegungen aus der berühmten Schrift „Über das Marionettentheater“ spricht wiederum überhaupt nichts dagegen und vieles dafür, ein zweites Mal von der verbotenen Frucht einer Lehre, die ausdrücklich digital unterstützt wird, zu essen – dann aber bitte wieder in Präsenz. Selbst triste, nur karg ausgestattete Seminarräume umweht in Erinnerung an die Zeit vor Corona ein Hauch vom Paradies.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Mitgründer des Gesprächsforums „DL in G_“ (Digitales Lehren in geisteswissenschaftlichen Fächern) und ist seit 2020 Digitalbeauftragter der Philologischen Fakultät an der RUB.

Quelle: FAZ.NET
Verlagsangebot
Managing Director (m/w/d) Germany
über Dr. Maier + Partner GmbH Executive Search
Zum Stellenmarkt
Manager Transfer Pricing (m/w/d)
über Fricke Finance & Legal
Zum Stellenmarkt
Vice President (m/w/d)
über Fricke Finance & Legal GbR
Zum Stellenmarkt
Spezialist Budget- und Entgeltverhandlungen (m/w/d)
über Fricke Finance & Legal GbR
Zum Stellenmarkt
Verlagsangebot
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Jetzt in Pflegeimmobilien investieren
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zur Immobilienbewertung
Lernen Sie Französisch.
Jetzt gratis testen
Verbessern Sie Ihr Englisch.
Jetzt gratis testen
Lernen Sie Spanisch.
Jetzt gratis testen
Anzeige