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Klima-Kollaps

Von JOACHIM MÜLLER-JUNG
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08.08.2019 · Über das Klima wird erbittert gestritten. Dabei ist die Sache aus Sicht der Wissenschaft völlig klar: Die Rettung der Erde, wie wir sie kennen, ist ein Kampf gegen die Zeit.

D ieser Sommer bietet politisch alles, was die Klimadebatte so außergewöhnlich macht. Die beiden Pole, die Verharmloser wie die Alarmisten, dreschen verbal immer hemmungsloser aufeinander ein. Auf dem jeweiligen Höhepunkt der zwei bisherigen Hitzewellen, welche die alten Temperaturrekorde für Deutschland regelrecht pulverisiert haben (42,6 Grad in Lingen), hat man sich in den sozialen Medien bis zum Siedepunkt hochgeschaukelt. Sprachlich war das eine Keilerei ohnegleichen. „Klimahysterie“ war einer der zentralen Begriffe, auch von "Klima-Inquisition" war die Rede. Alice Weidel, Oppositionsführerin im Bundestag und Frontfrau der AfD im Hitzegefecht, wollte den Temperaturschock gleich in demoskopische Münze umwandeln: „Die Klimahysterie dient letztlich nur einem Ziel: den Deutschen noch tiefer in die Tasche greifen zu können.“

Weidels Herangehensweise ähnelt der vieler Skeptiker: kurze Wege in der Argumentation, lineares Denken. So zum Beispiel bei der Diskussion über die Konzentration von Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Luft. Diese ist nach den jüngsten Werten der Mauna-Loa-Station, die seit 1958 auf einem hawaiianischen Vulkan die Luft analysiert, historisch hoch. In der deutschen Diskussion der vergangenen Wochen wurde das schon mal als Argument herangezogen, dass die Hitze nichts mit der CO2-Konzentration zu tun haben könne, schließlich habe sich der Wert hierzulande zuletzt kaum verändert. Dass sich mit so kurzfristigen Statistiken keinerlei belastbare Aussagen über das (langfristige) Klima treffen lassen – wen interessiert's. Dass sich das Klimagas CO2 in der Atmosphäre schnell mischt, weil die Luft der Erde Grenzen nicht kennt – sei's drum. Dass die Klimaforschung nicht behauptet, die aktuelle CO2-Konzentration sei der einzige Grund für die Hitze – geschenkt.


„Tragödie der Langzeitziele: Täglich wächst die Kluft zwischen der sich abzeichnenden existentiellen Bedrohung durch den Klimawandel und immer wieder aufgeschobenem politischen Handeln.“

Streitfragen wie die um die CO2-Messungen auf einem Vulkan in Hawaii lassen nachvollziehen, wieso die bei Wissenschaftlern, Politikern, Aktivisten, Intellektuellen und Unternehmern wachsende Sorge einer globalen Klimakrise bei einigen Bürgern nicht ankommt – der Klimastreit wird zunehmend zum Dilemma: In der Kommunikationsblase der Klimaleugner wird das Niveau der Argumente beliebig heruntergeschraubt, und auf Expertenseite wird es zwangsläufig – der nichtlinearen, komplexen Natur aller Klimaphänomene wegen – immer weiter erhöht. Erreicht wird damit nichts – außer dass das Klima kippt, im doppelten Sinne: Das gesellschaftliche Klima wie das geophysikalische Klima treibt auf einen Kulminationspunkt zu.

„Kipppunkt“ nennen das Klimaforscher. Das sind Punkte ohne Wiederkehr. Kleine Unterschiede können an solchen Punkten große Veränderungen bewirken. Solche, die möglicherweise unumkehrbar sind. An solchen Kipppunkten ist lineares Denken endgültig verloren, denn durch alle möglichen Rückkoppelungsprozesse und Verstärker kann das System plötzlich an den Rand des Kollapses geführt werden. In einer Ad-hoc-Stellungnahme der deutschen Nationalakademie Leopoldina zu den Klimazielen 2020 wurde vor wenigen Tagen deutlich, wie nah nicht nur bestimmte physikalische Kippelemente des Planeten diesem Punkt inzwischen gekommen sind, sondern auch, wie Politik und Gesellschaft sich dem sensiblen Bereich nähern.

Hitzestress: Der deutsche Walds ist vielerorts wie hier im Nationalpark Harz in einem schlechten Zustand. Foto: Imago

Weder in der mittelalterlichen Warmzeit zwischen dem achten und dem fünfzehnten Jahrhundert nach Christus noch in der sich daran anschließenden Kleinen Eiszeit waren die Temperaturausschläge auch nur annähernd so groß und steil wie heute.

Dringend intervenieren, so lautet der Tenor, auch aus Sorge um einen „weltweit wachsenden Generationenkonflikt“, den die Nationalakademie angesichts der Protestwelle von Schülern, Eltern, Wissenschaftlern und anderen Gruppen der Zivilgesellschaft befürchtet. Was wir erleben, sei die „Tragödie der Langzeitziele: Täglich wächst die Kluft zwischen der sich abzeichnenden existentiellen Bedrohung durch den Klimawandel und immer wieder aufgeschobenem politischen Handeln.“

Bei all der demonstrativen Deutlichkeit ist klar: Auch die Wissenschaft muss sich mit ihren pointierten Aussagen nun besonders bewähren. In der Rekordhitzewoche hat das ein internationales Forscherteam unter der Federführung von Paläoklimatologen der Universität Bern übernommen. In zwei weltweit beachteten Studien in den Wissenschaftsjournalen „Nature" und Nature Geoscience“ haben sie Belege für die historische Einmaligkeit des gegenwärtigen Klimawandels vorgelegt – und gezeigt, warum die exorbitante Beschleunigung der globalen Erderwärmung in den vergangenen Jahrzehnten mit allergrößter Wahrscheinlichkeit tatsächlich auf die ungebremste Freisetzung von Klimagasen wie CO2 zurückgeführt werden muss.

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